PfadnavigationHomeSportFußballRelegation„Wir haben Essen angezündet“ – beim ewigen Underdog lebt der Glaube wiederStand: 14:01 UhrLesedauer: 5 MinutenVolle Ränge beim Relegations-Hinspiel am vergangenen Freitag in EssenQuelle: picture alliance/Markus EndbergRot-Weiss Essen hat lange genug ein Dasein in den unteren Ligen gefristet. Jetzt will der Traditionsklub zurück in die zweite Liga. In der Ruhrgebietsstadt hat sich ein Wandel vollzogen. Die Fans fiebern einer emotionalen Party entgegen.Eine Stadt rüstet sich für einen besonderen Abend. Auf dem Kennedyplatz, einem großen, zentral gelegenen Areal mitten in der Essener Innenstadt, dürften mindestens 7000 Fans vor einer großen Bühne stehen. Und in den anliegenden Bars, Cafés und Kneipen, von denen man ebenfalls einen guten Blick auf die Leinwand haben wird, dürfte ein ziemliches Gedränge herrschen.Es liegt etwas Besonderes in der Luft in der mit 575.000 Einwohnern elftgrößten Stadt Deutschlands: Am Dienstagabend kann Rot-Weiss Essen, der ewige Underdog, nach 19 Jahren wieder in die 2. Bundesliga zurückkehren. Dann steigt das Rückspiel in der Relegation zwischen dem Drittletzten der vergangenen Zweitligasaison, der SpVgg Greuther Fürth, und dem Dritten der 3. Liga – dem RWE, wie sie in Essen ihren Verein nennen (20.30 Uhr/Sat.1 und Sky). Die Chancen stehen nicht so schlecht, denn das Hinspiel haben die Rot-Weissen mit 1:0 gewonnen.„Natürlich ist es ein elementarer Vorteil, mit einem Sieg nach Fürth reisen zu können“, sagte Essens Trainer Uwe Koschinat nach der hart umkämpften Partie vom vergangenen Freitag. Die Art und Weise, wie seine Mannschaft aufgetreten war, könnte ein Fingerzeig sein. Denn sein Team kämpfte sich in die Begegnung, in der die Fürther fußballerisch klar überlegen waren, regelrecht hinein. Am Ende war es die unwiderstehliche Wucht, die Koschinats Spieler, die von einem fanatischen Publikum nach vorne getrieben wurden, in der zweiten Halbzeit entfalten konnten, gegen die der klassenhöhere Gegner keine Mittel mehr fand. Es wäre sogar mehr als der durch einen fulminanten Freistoß von Torben Müsel herausgeschossene Vorsprung drin gewesen.„Die Menschen stehen bedingungslos hinter uns“, sagt der Coach„Ich würde nicht sagen, dass es die halbe Miete war, sondern es etwas darunter einordnen“, erklärte Koschinat. Denn am technischen Gefälle zwischen den Teams habe dies ja nichts geändert. Die Fürther verfügen spielerisch über ein ungleich größeres Potenzial. Doch was heißt das schon? „Das Wichtigste ist, dass wir den Gegner beeindrucken konnten – durch unsere Fans und die Art, wie wir aufgetreten sind. Das wird mit Sicherheit Spuren hinterlassen haben“, so der Coach am Freitag nach der Partie. Er sei sich „ziemlich sicher, dass die Fürther jetzt im Bus sitzen und sagen werden: Scheiße, Essen kann uns auch verdammt wehtun.“Es ist vor allem die Überzeugung, dass der Wille Berge versetzen kann, der die Essener antreibt – sowie die Unterstützung, die sie von ihren Fans bekommen. Die Atmosphäre am Stadion an der Hafenstraße war beeindruckend, davon konnten sich auch bis zu 2,37 Millionen TV-Zuschauer überzeugen, die das Hinspiel verfolgt hatten. Abgesehen von wenigen Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit, als die Fans aus Respekt vor einem Zuschauer schwiegen, der notärztlich behandelt werden musste, war es extrem laut. Doch vor allem die Wucht der Gesänge und Anfeuerungsrufe, die danach wieder aufbrandeten, nahmen Einfluss – denn mit ihnen drehten die Gastgeber auf.„Wir haben diese Stadt einfach angezündet, die Menschen stehen bedingungslos hinter uns. Sie sind einfach nur stolz auf ihren RWE“, sagte Koschinat. In diesem Bewusstsein werde seine Mannschaft auch am Fürther Ronhof antreten – dann allerdings nur von 2300 eigenen Fans begleitet. Mehr Tickets wurden den Essenern nicht zugestanden.Lesen Sie auchDoch an der Herangehensweise wird das nichts ändern. Natürlich, so Koschinat, werde es auch taktische Maßgaben geben. Es werde darauf ankommen, die Fürther nicht ins Spiel kommen zu lassen. „Wir dürfen uns nicht einigeln und ihnen die Initiative überlassen“, warnte er. Dann könnten die Franken sich den Gegner zurechtlegen. Seine Mannschaft müsse mutig auftreten und „eine offensive Haltung zeigen“.Dass Rot-Weiss Essen dazu in der Lage ist – daran hat niemand Zweifel. Denn seit Koschinat im Dezember 2024 nach Essen gekommen ist, hat sich ein Wandel vollzogen, sowohl was das Auftreten der Mannschaft angeht als auch in Bezug auf die Wahrnehmung des Teams durch die Fans. „Wir mussten uns die Liebe der Menschen hier immer wieder erarbeiten“, so Koschinat.Ein gutes Beispiel ist Torben Müsel, der Matchwinner aus dem Hinspiel. „Dieser Spieler hat nichts mehr mit dem Torben Müsel zu tun, den ich hier mal übernommen hatte“, sagte Koschinat. Dann erinnerte er daran, wie der Mittelfeldspieler sich früher in seinem eigenen Anspruch verzettelt hatte. Müsel wollte Fehler vermeiden, hat Sicherheitspässe gespielt. Mittlerweile sei er ein „Unterschiedsspieler“ – jemand, der sich den Ball einfach schnappt und ihn den Winkel donnert, wenn sich die Gelegenheit bietet. Doch das gilt nicht nur für Müsel: Koschinat hat der kompletten Mannschaft Selbstvertrauen eingehaucht.Der Trainer, der mit seiner extrem emotionalen und lauten Art für Aufsehen sorgt, ist ein Antreiber, ein Mutmacher. Er schützt seine Spieler abseits des Platzes vor Kritik, nimmt sie in Schutz – doch während der Spiele fordert er alles an Einsatz ein. Als Koschinat kam, drohten die Essener, die 2022 erst wieder in die 3. Liga zurückgekehrt waren, sich an einem Anspruch zu verzetteln, dem sie nur schwer gerecht werden konnten. Es hakte vor allem fußballerisch. Nach 17 Spieltagen waren sie mit drei Punkten Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz Tabellenachtzehnter.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Entsprechend schlecht war die Stimmung. „Damals sind die Spieler beim Warmmachen ausgelacht worden“, so Koschinat. Es mache ihn „einfach nur stolz“, was danach passiert sei: RWE kämpfte sich in der abgelaufenen Saison noch auf einen einstelligen Tabellenplatz. In der darauffolgenden Spielzeit pirschten sich die Essener an Aufstiegsplätze heran, mit einem Fußball, der zum Verein und der Mannschaft passt. Die Essener spielen nicht filigran. Sie leben vom Kampf, von der Leidenschaft und dem Zusammenspiel mit ihren Fans.Sollte der Aufstieg gelingen – in Essen dürfte eine große, emotionale Party steigen. Denn den Glauben, ihren Klub noch einmal auf der Bühne des großen Fußballs zu sehen, hatten vor allem viele Ältere zwischenzeitlich schon längst verloren. Jetzt lebt er wieder.