Das Geräusch fräst sich durch Mark und Bein: Zehn Menschen schieben einfache weiße Stapelstühle mit Plastiksitzschalen über die leere Bühne im Theater Magdeburg. Sie gehen im Kreis und werden immer schneller, ihre Stühle dröhnen immer lauter, bedrohlicher, infernalischer. Man kann dabei an Tropenregen denken oder an Gewehrfeuer oder auch an einen hochmotorisierten Pkw, der mit Absicht mitten durch Besuchergruppen, Buden, Stehtische, Heizpilze rast. So geschah es am 20. Dezember 2024 auf dem Weihnachtsmarkt von Magdeburg. Sechs Menschen wurden getötet, mehr als 300 verletzt, 41 davon lebensgefährlich. Der Fahrer, geboren 1974 in Saudi-Arabien, wurde sofort festgenommen. Er muss sich derzeit vor dem Landgericht Magdeburg verantworten. Das Urteil wird im Juni erwartet.Im Theater der Stadt wollte man sich mit dem Anschlag auseinandersetzen und die Bühne als Raum nutzen, um Prozesse des Rückblicks, der Aufarbeitung, gar der Heilung zu ermöglichen. Der Autor Kevin Rittberger wurde beauftragt, ein Stück zu schreiben. Er führte über ein Jahr hinweg Gespräche mit Betroffenen, Angehörigen, Helfern. In die fragmentarischen, mitunter abstrakt verfremdeten Aussagen mischte er Anmerkungen zur Vergangenheit der Stadt – bis hin zum Dreißigjährigen Krieg, in dem Magdeburg erheblich zerstört wurde.Zum Täter und seiner Tat ist fast nichts zu hören. Im Mittelpunkt stehen die Opfer, ihre Leidensgeschichten und ihr harter Kampf um einen geregelten Alltag – oft mit physischen Beeinträchtigungen, immer mit psychischen Problemen. Rittbergers „Stimmen-Partitur“ aus wechselnden Perspektiven ist sehr gut gemeint und voller Empathie geschrieben. Jedoch bleibt die Beschwörung des Schmerzes und des Unglücks durch den Verzicht auf die genauen Umstände ziemlich allgemein. Man kann mitfühlen, nicht mitdenken, was vielleicht gewollt ist.Die Stühle sind auf der Bühne der einzige HaltIn der Uraufführung entfacht der Regisseur Sebastian Nübling in „Wunde Stadt“ allerdings eine theatrale Spannung, die den Text stärker macht, als er ist, und dem Publikum näherbringt, als zu erwarten war. Nübling benutzt nur wenige Mittel, die er freilich so effektvoll einsetzt, dass sie überaus beredt und eindringlich wirken. Das fängt mit den Stühlen an, die mal schaben und rumpeln, mal klagen und zürnen, die mal lose verteilt und mal in Reih und Glied aufgestellt werden. Dann wieder bilden die namenlosen Personen einen Stuhlkreis unter einem Mikrofon, das mittig von der Decke hängt (Bühnenbild: Nübling und Una Jankov). Werden die Panikattacken zu stark, bewegen sie ihre Körper wie langsame Pendel vor und zurück und atmen konzentriert, um sich zu beruhigen. Wände werden verschoben und Luftballons malträtiert. Manchmal überfällt die traumatisierten Menschen nackte Verzweiflung: „Ich will mein altes Leben zurück!“Die Stühle sind der einzige Halt, den die vier Frauen und sechs Männer in ihren grauen Bundfaltenhosen und Kapuzenpullis haben (Kostüme: Una Jankov). Einzeln und im Chor sprechen sie über die Bilder im Kopf, die sie seit dem Blutbad auf dem Alten Markt nicht loswerden, über die schlimmen Erfahrungen mit Beamten und Behörden sowie mit Familien und Freunden, deren Geduld rasch erschöpft war: „Jetzt ist auch mal gut, oder?“ Zudem geht es häufig um Geld, denn manche haben Mühe, ihre Miete zu bezahlen, weil sie nicht mehr arbeiten können und die staatlichen Entschädigungen häufig auf sich warten lassen, wenn sie überhaupt genehmigt werden. Mitunter sind sogar die Seelsorger und Therapeuten überfordert, erst recht, wenn es rassistische Äußerungen gibt und der Täter beschimpft wird: „Er gehört erschossen!“ So thematisiert Rittberger die widersprüchlichen Dynamiken, die seit Dezember 2024 die Bürgerschaft erschüttern.Die politischen Folgen des VerbrechensDie Generalbundesanwaltschaft hat das Attentat als persönlich motivierte Amokfahrt und nicht als politischen Terroranschlag eingestuft. Dass der Täter kein Islamist war, sondern sich, im Gegenteil, islamophob äußerte, hinderte die AfD nicht daran, sein Verbrechen zu instrumentalisieren und ausländerfeindliche Stimmung zu schüren. In Sachsen-Anhalt darf man die AfD als „gesichert rechtsextrem“ bezeichnen. Trotzdem liegt sie bei Umfragen inzwischen mit mehr als vierzig Prozent vor den anderen Parteien und könnte nach der Landtagswahl im September den Ministerpräsidenten stellen. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich davon schon jetzt bedroht. In „Wunde Stadt“ erzählt eine Intensivkrankenschwester aus dem Irak, wie sie seit dem Attentat angepöbelt und bedroht wurde. Sie will schweren Herzens wegziehen. Andere werden ihr folgen. Wer wird sie in Magdeburg ersetzen, wo man den Mangel an Arbeitskräften überall bemerkt?Auf dem Alten Markt wurde just zur Premiere über Pfingsten wieder das traditionelle Stadtfest veranstaltet. Die Zufahrten waren mit massiven Klötzen gesichert. Polizisten patrouillierten bereits vormittags zwischen Imbissbuden und Fahrgeschäften. Frische Blumen lagen neben den in die Gehsteige eingesenkten Gedenkplatten.Der Schluss von „Wunde Stadt“ spielt im Jahr 2077. Das fabelhafte Ensemble trägt nun lässige Klamotten und sitzt wie Touristen vor der „Trauernden Magdeburg“. Diese Bronzeplastik aus der nahen Johanniskirche hat den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Hier bewegt sie sich plötzlich und steigt vom Sockel. Metall wird lebendig! So hoffnungsfroh endet die zugewandt mutige, kunstvoll überzeugende Inszenierung von Sebastian Nübling, die nichts beschönigt, aber auch nicht resigniert. Großer Jubel.
Theaterstück "Wunde Stadt" über die Amokfahrt von Magdeburg
Das Theater Magdeburg versucht, den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt 2024 zu verarbeiten. In „Wunde Stadt“ erschüttern Wut, Verzweiflung und Rassismus die Bürgerschaft des Ortes.









