Elf Jahre ist es her, dass sich das Leben von Marco Trungelliti radikal änderte. Als er an diesem 24. Mai 2026, einem heißen Sonntag in Paris, den Presseraum 2 der French Open betritt, dauert es nicht lange, und er verrät: Die Vergangenheit ist weiterhin präsent. „Ich habe immer noch das Gefühl, als stecke ein Dorn in meinem Herzen“, sagt Trungelliti, „und er wird wohl für immer dort bleiben“.Der argentinische Tennisprofi Trungelliti aus Santiago del Estero glaubte vor elf Jahren, das Richtige zu tun, als er gegen eine Reihe von Matchfixern aussagte: also Personen, die dafür sorgen, dass Tennisspiele absichtlich verschoben werden, sodass der eine mal einfach verliert oder Punkte oder Sätze herschenkt. Auf alles lässt sich wetten und viel Geld verdienen – oft das Zigfache von dem, was bei kleinen Profiturnieren an Preisgeld fließt. Anfangs schien es gut für ihn zu laufen. Drei Profikollegen von Trungelliti wurden im Zuge einer Ermittlung für mehrere Jahre gesperrt, seine argentinischen Landsleute Nicolas Kicker, Patricio Heras und Federico Coria. Doch spätestens als die Urteile von der damaligen Tennis-Aufsichtsbehörde TIU, die inzwischen ITIA heißt, gefällt wurden, war Trungellitis normales Leben vorbei.Ein Verräter, ein Snitch, ist er seitdem für viele in der Heimat. Mit fatalen Folgen. Er bekam Ablehnung zu spüren, Hass und sogar Todesdrohungen. Bis heute im Grunde.Doping, Spielmanipulation, Kokain:Tennis, der befleckte SportVier Doppelfehler in Serie, da freut sich der Matchfixing-Ring: Die Liste der Verstöße von Tennisprofis ist lang – und manchmal öffnen sich kriminelle Abgründe, wie Urteile zeigen. Eine Auswahl.Dabei gibt es auch ein schönes Thema für ihn dieser Tage. Trungelliti erlebt in Paris einen späten sportlichen Frühling. Seine Ergebnisse waren in dieser Saison derart gut, dass er jetzt, im Alter von 36 Jahren, der älteste männliche Tennisspieler in der Geschichte ist, der erstmals in die Top 100 einzog. 18 Jahre musste Trungelliti, einer von so vielen Journeymen, den ums Überleben kämpfenden Reisenden im Tennis, darauf warten. An Position 81 der Weltrangliste steht er, und er wird noch höher steigen. Er gewann sein Erstrundenmatch bei den French Open gegen den französischen Qualifikanten Kyrian Jacquet.Das letzte Mal kam er in Paris 2018 so weit, damals sorgte er richtig für Schlagzeilen. Trungelliti hatte in der Qualifikation verloren, war mit dem Auto nach Barcelona gefahren, wo er lebte, die Mutter und Großmutter auf der Rückbank, dann erfuhr er am Sonntag, dass er ins Hauptfeld rutschte, als Lucky Loser, und bretterte zurück, 1000 Kilometer nonstop, um montags in der ersten Runde zu siegen. Damals ahnten nur Eingeweihte, was längst in den Umkleideräumen an Konflikten schwelte.Trungelliti, der Kronzeuge im Matchfixing, kämpfte im Hintergrund einen ganz anderen Kampf. Er wurde abgekanzelt, beschimpft. „Tatsächlich hat mich das damals sehr getroffen. Zudem war ich in gewisser Hinsicht sehr naiv; ich hatte erwartet, dass das System mir ein wenig unter die Arme greifen würde – doch das Gegenteil war der Fall“, sagt er in Paris.Bereut hat Trungelliti sein Auspacken nieAppelliert, gemahnt hatte er oft genug, auch die Tennisinstitutionen angegriffen. Sie würden die Probleme nicht sehen wollen. 2023 gab er der französischen Sportzeitung L’Équipe ein Interview und sagte: „Niemand hat sich um mich geschert – ich war völlig auf mich allein gestellt.“ Für ihn stand fest: „Wie viele Spieler denken wohl heute – angesichts meiner Geschichte: Wenn mich jemand anspricht, um ein Match zu manipulieren, werde ich das auf keinen Fall melden, nach dem, was Marco durchgemacht hat.“Bereut hat er sein Auspacken nie. Im Jahre 2015, als Trungelliti ein Profi war, der im Niemandsland des Rankings agierte, war er von zwei Männern aufgesucht und um ein Gespräch gebeten worden, wie er einmal der Zeitung La Nación schilderte. Er dachte, es gehe um einen Sponsorendeal. In Wahrheit wollten die Männer Trungelliti zum Betrug anstiften. Er könne einige Tausend Dollar für die Manipulation eines Satzes oder eines Matches auf der Futures-Ebene erhalten, 20 000 Dollar bei Challenger-Turnieren, 50 000 und 100 000 Dollar auf ATP-Ebene. Trungeletti wurden auch Namen anderer Spieler genannt, die längst in solche Aktionen involviert waren.Damit wollte er nichts zu tun haben. Er fühlte sich verpflichtet, diese Untaten zu melden. Genau dafür gibt es die Tennis-Aufsichtsbehörde. 2017 wurden die Spieler Kicker, immerhin mal Nummer 84 der Weltrangliste, Heras und Coria für verschiedene Vergehen bestraft; Kicker wurde am längsten, für sechs Jahre gesperrt. Als Trungelliti zunehmend in den Sturm geriet, versuchte die TIU, sich schützend vor Trungelliti zu stellen und verkündete in einer Stellungnahme: „Seine mutige und prinzipientreue Haltung gegenüber jenen, die versuchen, zu korrumpieren, verdient Bewunderung und Anerkennung.“ Es wirkte etwas lapidar angesichts der Dimension des Falles.Trungellitis Feinde beschwichtigten diese Worte nicht. 2019 beim Turnier in Buenos Aires schlugen ihm Feindseligkeiten entgegen. Beim Turnier in Córdoba soll Corias Vater Trungellitis Frau bedroht haben. Für viele Jahre mied es Trungelliti, in Argentinien zu spielen, sein Umzug nach Andorra, wo er mit seiner Familie immer noch lebt, ist auch als Flucht zu verstehen. „Für meine Frau und mich ist es dort fantastisch, und wir fühlen uns sehr sicher. Die Lebensqualität ist großartig“, sagt er in Paris.Erst 2025 spielte er wieder in Argentinien, ein Challenger-Turnier in Rosario, an einem Ort voll schmerzhafter Vergangenheit. „Als ich nach Buenos Aires zurückkehrte, war es hart, weil es auch genau das letzte Turnier gewesen war, das ich dort gespielt hatte, bevor alles öffentlich wurde. Ich konnte meine Gefühle nicht bewältigen. Es war mir damals einfach zu viel.“ Er kassierte bei seiner Südamerikareise eine Niederlage nach der anderen. Ob er je wieder in Argentinien spielt? „Vielleicht nächstes Jahr. Vielleicht bin ich auch überhaupt noch nicht bereit, dorthin zurückzukehren und dort zu spielen – wir werden sehen“, sagt Trungelliti. Er wisse zwar, dass er auch Unterstützung erhielt, „es gibt viele gute Menschen in Argentinien, und ich habe dort auch viel Liebe erfahren“, sagt er. „Aber letztendlich waren es die falschen Leute, die lauter waren als die guten.“ Er habe sich zudem „zu sehr als Opfer“ gefühlt.Am Mittwoch wird Trungelliti bei den French Open um den Einzug in die dritte Runde kämpfen. Es wäre ein Novum für ihn, so weit bei einem Grand Slam zu kommen. Die Aussichten? Es geht. Der Russe Karen Chatschanow ist sein Gegner, ein Weltklassemann. „Ich versuche nach wie vor, einfach von Tag zu Tag zu leben“, sagt Trungelliti und lächelt. Er hat seinen Frieden gefunden, trotz allem, irgendwie. „Ich genieße diesen Lebensabschnitt gerade sehr. Es hat eine Weile gedauert – das steht fest.“
Die Einsamkeit des Kronzeugen
Vor elf Jahren tat der Tennisprofi Marco Trungelliti das Richtige: Er meldete Spielbetrug und sagte gegen Profis aus, die Matches manipulieren wollten. In der Szene gilt der Argentinier zum Teil bis heute als Verräter.









