Wenn es um Literatur in einfacher Sprache geht, schalten die deutschen Leitmedien und auch Philologen in den Kulturkampfmodus. Von Skandal und Kulturfrevel ist die Rede, von einer Verhunzung von Kunstwerken, von einem Desaster. Und man kann es ja auch irgendwie verstehen. Was bleibt von einem Werk, das seiner poetischen Sprache beraubt wird, seiner sprachlichen Eigenart?
Ein Beispiel aus Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“, einem Werk, das zum deutschen Bildungskanon gehört: Effis betrogener Ehemann Instetten trifft seinen Vertrauten Wüllersdorf. „Wüllersdorf war aufgestanden: ‚Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die andern sie wollen. Das mit dem Gottesgericht, wie manche hochtrabend versichern, ist freilich Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, so lange der Götze gilt.‘“
In dem 2024 im nordrhein-westfälischen Aibo-Verlag erschienenen „Effi Briest in einfacher Sprache angelehnt an Leichte Sprache“ klingt diese Passage so: „Wüllersdorf stand auf: ‚Die Welt ist so, wie sie ist. Die Dinge passieren nicht, wie wir es wollen. Sie passieren so, wie andere es wollen. Dass Gott urteilt, ist Unsinn. Das mit unserer Ehre ist eigentlich auch Quatsch. Aber es ist eben immer noch so. Und wir müssen es befolgen.‘“ – Man bemerkt: Sowohl in sprachlicher Hinsicht als auch in Bezug auf die Bedeutung geht in der vereinfachten Version Einiges verloren, etwa dass Ehre einen religiösen Aspekt hat.






