Jüngst gab es große Aufregung um Ihren Verriss von Ildikó von Kürthys Sachbuch „Alt genug“ – beschäftigt Sie das noch?Sage jedenfalls niemand, Literaturkritik bleibe in Deutschland wirkungslos! Der jüngste Vorgang ist da nur der letzte in einer langen Reihe von Ereignissen, die man erlebt, wenn man Literaturkritik im Fernsehen macht. Aber: Es ist ja legitim, wenn eine Autorin feststellt, dass ich gelegentlich auch negativ über Bücher spreche, und sich dagegen wehrt. Dagegen habe ich nichts. Was mich allerdings verblüfft hat, waren die Feuilleton-Versuche der Einordnung, die fast allesamt mit dem Eingeständnis begannen, Kürthys Buch nicht gelesen zu haben …… so auch in der „Süddeutschen Zeitung“.Da muss man sich intellektuell schon ehrlich machen. Wie kann man das beurteilen, wenn nicht auf Grundlage der Lektüre des zur Debatte stehenden Buchs? Da merkt man, dass das nicht gewollt ist. Diese Menschen wollen nicht über Bücher reden, sondern andere Diskurse führen.Was sind das für Diskurse?Das kennt man doch. Nichts davon ist neu. Diese Debatten verlaufen seit zweihundert Jahren so oder so ähnlich. Schon Heinrich Heine sagte: „Der Haß meiner Feinde darf als Bürgschaft gelten, daß ich dieses Amt bisher recht treu und ehrlich verwaltet.“ Dass sich Autorinnen und Autoren gegen Kritik wehren und sich in ein Opfernarrativ fügen, gab es auch zu Ludwig Börnes Zeiten schon. Heutzutage wird das vielleicht durch Shitstorms etwas verstärkt. Allerdings kann man sich durch Social-Media-Askese davor ganz gut schützen.Sie sind nicht in den sozialen Medien?Ich weiß, dass es das gibt, aber ich muss mir das nicht täglich zu Gemüte führen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich als Kritiker sehr viel verpasse, wenn ich dort nicht präsent bin. Ich war allerdings einmal in einer Jury für einen BookTok-Award, da habe ich mich dort umgesehen, das war interessant.Inwiefern?Ich habe schon früh viel Science-Fiction gelesen, hege seither eine kindliche Affenliebe zu diesem Genre und kenne natürlich auch Theodore Sturgeon, dessen berühmtes „Sturgeon’s Law“ ja besagt, dass neunzig Prozent aller Science-Fiction absoluter Mist sei – aber, so fügte Theodore Sturgeon listig hinzu: Neunzig Prozent von allem ist absoluter Mist. Das ist eine Wahrheit, die wir aushalten müssen. Auch neunzig Prozent aller in Deutschland hergestellten Brötchen sind ungenießbar. Dasselbe gilt für T-Shirts, Schuhe und horribile dictu – auch für die Literatur.„Auch neunzig Prozent der deutschen Literatur ist absoluter Mist“: Leipziger Buchmesse 2026Picture AllianceUnd Sie sind ein Meister darin, diese neunzig Prozent verknappt und zugespitzt im Fernsehen zu kritisieren. In Ihren Interviews sind Sie dagegen gar nicht kritisch.Auf der Grundlage von „Mir hat Ihr Buch nicht gefallen, nun lassen Sie uns darüber reden“ ein Autoreninterview zu führen, ist nicht möglich. Interviews sind immer affirmativ. Wenn ich jemanden in eine Sendung einlade, bin ich der Gastgeber und habe mich entsprechend nach den Geboten der Höflichkeit zu verhalten.Während Kritik zweierlei bedeutet, sowohl Beurteilung wie auch Mängelrüge.Das griechische Wort „krínein“ bedeutet erst einmal trennen oder unterscheiden. Die Bestseller-Kritik in meiner Sendung geht allerdings lustigerweise auf einen Kompromiss zurück. Als mir „Druckfrisch“ vor bald 25 Jahren angetragen wurde, war ich hellauf begeistert, Literaturkritik im Fernsehen machen zu dürfen. In den Gesprächen mit der Redaktion konnten wir uns dann aber nicht einigen, wie die Sendung aussehen sollte. Nach dem dritten oder vierten Treffen schwante mir, dass damit nur eine weitere Talkshow geplant werden sollte, auf deren Sofa im Idealfall der Papst, Günter Netzer, Karl Lagerfeld oder Boris Becker Platz nehmen sollten.Warum gerade diese Herren?Weil die damals gerade alle Bücher veröffentlicht hatten. Als ich diese Namen nannte, sagte man mir: Herr Scheck, endlich haben Sie es begriffen! Und ich entgegnete: Ja schon, aber was Sie nicht begreifen, ist, dass diese Leute alle ihre Verdienste haben, aber auf ganz anderen Feldern als dem Bücherschreiben erworben. Mit ihren Büchern kapitalisieren sie lediglich ihre Bekanntheit. Da findet ein aufmerksamkeitsökonomischer Tausch statt: Prominenz gegen Aufmerksamkeit als Buchautor – und natürlich gegen Geld.Und dann?War die Enttäuschung zunächst groß, dass wir so nicht zueinanderkommen. Aber diese Krise war durchaus heilsam, weil sie einen produktiven Austausch von Ideen mit den Redakteurinnen und Redakteuren auslöste. Bis mir als leidenschaftlichem Leser von Gore Vidal schließlich dessen Essay über die Bestsellerliste der „New York Times“ einfiel. Vidal hatte alle 20 Titel, die in einer bestimmten Woche auf der Liste standen, sowohl Belletristik wie Sachbuch, für seinen Essay gelesen. Auf 36 Seiten fühlte er darin Amerika literarisch den Puls. Ich schlug der Redaktion vor, auf ähnliche Weise die zehn meistverkauften Bücher der Deutschen in Kurzkritiken zu behandeln. Um dann während der restlichen Sendung mit den Autorinnen und Autoren zu sprechen, die ich für literarisch satisfaktionsfähig halte. Darauf konnten wir uns einigen: Das ist die DNA von „Druckfrisch“. So machen wir es seit der ersten Sendung. Damals ahnte ich natürlich nicht, dass ich mich in diesem Moment selbst dazu verurteilte, 23 Jahre lang Monat für Monat die zehn meistverkauften Bücher der Deutschen zu lesen. Die natürliche Lebensdauer einer Fernsehsendung liegt bei etwa zwei oder drei Jahren. Aber wir sind noch immer da und mit uns die Bestsellerliste, deren Idee geklaut war – vielen Dank, Gore Vidal!Haben Sie Gore Vidal denn auch interviewt?Natürlich! In Ravello in Italien, wo er damals residierte. Das war sehr ungewöhnlich. Er lebte dort inmitten von Requisiten aus dem Film „Ben Hur“, an dessen Drehbuch er mitgeschrieben hatte. Gore Vidal glaubte tatsächlich, Amerika wäre die Reinkarnation des römischen Imperiums. Sein Großvater war ein berühmter Südstaaten-Senator und er selbst über drei Ecken mit den Kennedys verwandt. In Ravello empfing er mich in einer Toga.Er verkleidete sich für Ihre Sendung?Nein! Damals war ich noch beim Radio. Da wurde nichts gefilmt. Nur für mich hatte er sich in das römische Gewand gekleidet. Und das Interview führten wir dann auf einem antiken Triclinium, einer Art Sofalandschaft, auf der die alten Römer einst halb liegend ihre Speisen zu sich nahmen. Haben Sie je ein Radio-Interview auf einem Triclinium geführt? Wissen Sie, wie unbequem das ist? Irre!Die Nummer eins auf dem Platz, aber nicht unbedingt sprachsicher: Torwart Oliver KahndpaWürden Sie sagen, dass Sie – ähnlich wie Gore Vidal – nach 23 Jahren der Bestseller-Lektüren den Deutschen ebenfalls den Puls lesen können?Ich habe sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben, „Schecks Bestsellerbibel“. Das hat übrigens auch ein Register. Da kann man ganz problemlos die Frage klären, wie viele Bücher von Frauen ich verrissen habe und wie viele nicht und warum ich das tue. Da gibt es auch eine dreißig Seiten lange Einleitung. Ich habe also schon ein bisschen darüber nachgedacht.Und haben was herausgefunden?Dass es durchaus bestimmte regionale Phänomene gibt, zum Beispiel die berühmte „German Angst“, die sich jetzt gerade wieder in der deutschen Abstiegsangst artikuliert. Es gibt hierzulande auch einen Entrümpelungs- und Aufräumwahn. Warum ist jemand wie Werner Tiki Küstenmacher mit „Simplify your life“ so erfolgreich? Das scheint mir psychologisch sehr interessant!Was sagt es denn über uns aus?Am Anfang ist das Buch hilfreich, denn es gibt ein paar wirklich gute Tipps, wie man seine Sockenschublade aufräumt und seinen Krempel auf dem Schreibtisch in einer Hängeregistratur unterbringen kann. Dann aber geht es weiter und wird immer verrückter. Denn die Entrümpelungsmethode wird auch auf die Familienstruktur übertragen – nach dem Motto, haben Sie Ärger mit Ihren Kindern? Haben Sie schon mal überlegt, einen Schlussstrich zu ziehen? Oder mit Ihren Eltern? Nun: „Simplify your life.“ Der Wahnsinn hat Methode. Und solche Funde freuen den Kritiker natürlich. Ebenso wie so manche Sätze von Paulo Coelho, meinem besonderen Freund, oder Peter Hahne, dem Meisterdenker, der tatsächlich Sätze schreibt wie: „Die Höhenflüge seiner Lebensziele kann man nicht auf Sand bauen.“ Ein anderer Meister der Katachrese ist Oliver Kahn.Was haben Sie bei ihm gefunden?Oliver Kahns Lieblingsschriftsteller ist Paulo Coelho, wie er in einem Buch schreibt, allerdings schreibt er nicht nur den Namen des Schriftstellers falsch, er hält ihn auch für einen Argentinier, dabei ist Coelho Brasilianer. Aber das sind eigentlich Lektoratsfehler. Richtig lustig sind unsterbliche Sätze wie „Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.“ Das stand in seiner Autobiographie „Nummer eins“, und es sind solche Funde, weshalb man Bücher wirklich bis zur letzten Seite lesen muss. Weil so was natürlich nicht auf den ersten zehn Seiten steht, sondern meistens irgendwo ganz hinten auf Seite 230.Man muss sich Denis Scheck demnach als jemanden vorstellen, der kichernd zu Hause sitzt, während er diese Bestseller liest? Während wir ihn uns als Leidensfigur vorgestellt haben, die über grauenhaft schlechten Fantasy-Romanen mit dämlichen Drachen brütet …Da müssen wir differenzieren. Anders als die berühmte Kölner Heidegger-Expertin hege ich keinerlei Vorurteile gegenüber Fantasy. Ich liebe Fantasy. Aber ich habe Maßstäbe, was gute Fantasy ausmacht, etwa von Ursula K. Le Guin, Marion Zimmer Bradley oder J.R.R. Tolkien. Gerade Autorinnen haben auf diesem Feld Substanzielles geleistet, was gerade erst wiederentdeckt wird. Mit dem Schund, der heute in Gestalt von Young Adult, Romantasy oder Dark Fantasy in Erscheinung tritt, hat das rein gar nichts zu tun. Ich glaube übrigens auch nicht, dass alle diese Bücher von Frauen geschrieben sind, die ausschließlich unter weiblichen Pseudonymen veröffentlicht werden. Der aktuelle Romantasy-Trend existiert seit fünf, sechs Jahren. Was man aber nicht übersehen darf, ist die Tatsache, dass diese Titel meist nur eine Woche lang unter den Top Ten auftauchen und dann wieder verschwinden, weil sie Fans haben, die dieses Buch in der Woche des Erscheinens kaufen, darüber hinaus aber niemand. Deshalb ist die Nachfrage in der übernächsten Woche praktisch schon wieder bei null. Deshalb bin auch ich gezwungen, das für die Sendung zu lesen. Und es wundert mich nicht, dass von diesen Romantasy-Titeln nicht einer von der Literaturkritik positiv besprochen wurde. Ich wäre der Erste, der Heureka rufen würde, wenn in diesem Genre plötzlich ein intelligenter, lustiger, kurzweiliger und ironischer Titel auftauchen würde. Und ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass das früher oder später geschehen wird.Die Bestseller-Romane und -Sachbücher, die in Ihrer Rubrik vorkommen, werden andernorts meist ignoriert. Einige beschweren sich darüber. Sie sagen, wir sind erfolgreich, aber im Feuilleton kommen wir nicht vor. Und Caroline Wahl beklagt sich, nicht gut besprochen zu werden.Ich würde natürlich auch gern mein eigenes Urteil überprüfen, indem ich Kritiken von Kollegen zu populären Romanen lesen würde, wenn es denn welche gibt.Wir sprechen viel darüber, inwieweit die „Gelesene Literatur“, um einen Titel der Germanisten Steffen Martus und Carlos Spoerhase zu zitieren, bei uns vorkommen soll. Selbstkritisch könnte man jedenfalls sagen, dass viele Debüts bei uns rezensiert werden statt, sagen wir, einen Sebastian Fitzek unter die Lupe zu nehmen.Erfolgreich und gut: Die „Tintenwelt“-Romane von Cornelia FunkedpaIch glaube schon, dass es sehr lohnend ist, sich mit Phänomenen wie Stephen King zu beschäftigen, den ich für einen ganz großen Schriftsteller halte, oder Dan Brown, den ich für keinen großen Schriftsteller halte. Was ließe sich nicht alles erklären anhand eines globalen Phänomens wie „Harry Potter“. Einem Schriftsteller wie Johannes Mario Simmel etwa hat die Kritik über Jahrzehnte Unrecht getan, die ihn immer in einem Atemzug genannt hat mit Heinz G. Konsalik, dabei trennen die beiden literarisch Welten. Nicht alles, was Simmel gemacht hat, war herausragend, aber „Es muss nicht immer Kaviar sein“ ist ein phantastischer Roman, auch heute so gut zu lesen wie 1960. Und die Idee, Rezepte in eine Romanhandlung zu integrieren, ist ganz wunderbar, die sogar eine kulinarische Brücke ins Werk des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass schlägt.Marcel Reich-Ranicki hat einst davor gewarnt, die Fischsuppen von Herrn Grass zu essen … Aber zurück zu unserem Thema. Bei sehr erfolgreichen Büchern gibt es besonders hierzulande bestimmte Reflexe. Die einen sagen, der Erfolg ist bereits der Hinweis darauf, dass etwas gelungen ist. Andere halten das hingegen für den Beweis, dass damit etwas nicht stimmen kann, gerade weil es die Massen begeistert.Erfolg an sich ist natürlich kein Qualitätsmerkmal – „Sturgeon’s Law“ zufolge sind wie gesagt neunzig Prozent dessen, was wir lesen, absoluter Schrott. Aber es gibt eben auch wunderbare Bücher, die zugleich wahnsinnig erfolgreich sind, denken wir nur an Cornelia Funke und ihre „Tintenwelt“-Romane. Ich halte Cornelia Funke für ein ganz großes Talent, gerade die Idee der Zauberzungen ist überaus originell. Auch die „Harry Potter“-Romane von J.K. Rowling sind brillant. Wenn Harry eine Strafarbeit mit einem Federkiel und seinem eigenen Blut als Tinte schreiben muss, dann ist das ein grandioser Einfall.Knapp vor Kafkas „Strafkolonie“.Ganz genau. Denn, was muss er schreiben? „Ich darf keine Lügen erzählen.“ Das ist nah dran an einer Kafka-Phantasie. Kafka wollte ja auch Bestseller schreiben. Er hatte mit seinem Freund Max Brod einen Plan dafür geschmiedet. Zusammen wollten sie eine Art „Lonely Planet“-Reiseführerreihe gründen. „Billig“ sollte sie heißen: „Billig durch London“, „Billig durch Paris“, „Billig durch Prag“. Leider fanden sie keinen Verleger, der bereit war, ihnen einen Vorschuss zu bewilligen.Wenn nach „Sturgeon’s Law“ so viele Bestseller Mist sind – warum sind sie trotzdem erfolgreich?Die Frage führt bei bestimmten Genres nicht weiter. Es gibt zum Beispiel diese Art von Gewaltpornos, wie sie längst nicht nur Sebastian Fitzek schreibt, die bilden inzwischen ein eigenes Genre. Da sehe ich wenig Raum für Differenzierungen. Also ob Cody McFadyens oder Mo Hayders Erfolg jetzt glorreicher ist als Fitzecks oder Simon Becketts? Das ist doch alles sehr ähnlich und speist sich aus dem Appetit nach „more of the same“. Das ist wie bei den Amazon-Algorithmen: If you like this, you will like this as well. Da kommt es selten zu Überraschungen. Und dann liest man Graham Greenes Roman „Der stille Amerikaner“ von 1955 noch einmal und denkt sich, verdammt, das war damals ein Weltbestseller, und wann ist dir auf der Bestseller-Liste je ein vergleichbar komplexer Roman begegnet? Sicher, Greenes Chauvinismus würde heute so wahrscheinlich nicht mehr durchgehen. Aber zweifellos ist er ein literarischer Meister, genauso wie übrigens Somerset Maugham, den ich immer geliebt habe und der auch nicht mehr gelesen wird.Was macht Kritik für Sie aus?Kritik ist ein Instrument zur Verbesserung der Welt. Meinungen sind billig, Argumente schon etwas herausfordernder, deshalb versuche ich, meine Bestsellerkritik, die in erster Linie eine Geschmackskritik ist, zumindest mit einem Argument zu versehen. Das gelingt sicherlich nicht immer. Ich habe ja nur fünf bis sechs Minuten für die gesamte Liste. Aber das ist mein Anspruch.Drei Sätze für 300 Seiten – steht das noch in einem Verhältnis?Natürlich. Niemand hindert mich ja daran, Bücher auch in längerer Form zu besprechen. Und wenn ein Titel für einige Wochen oder gar Monate auf der Liste bleibt, darf ich innerhalb eines halben Jahres auch dreimal drei Sätze sagen.
Denis Scheck über Literatur und den Entrümpelungswahn der Deutschen
Seit Jahrzehnten liest Denis Scheck alle Titel der Bestsellerliste. Kaum jemand kennt die Deutschen so wie er. Ein Gespräch über Oliver Kahns Bekenntnisse, Peter Hahnes Sprachsünden und warum er die sozialen Medien meidet.







