Miles Davis: In seiner Musik suchte er stets die künstlerische Evolution. Als er sich einmal in die Tradition zurücklehnte, schlug prompt das Schicksal zuEr hat mehrere Kapitel der Jazzgeschichte mitgeschrieben und zahlreiche junge Musiker gefördert. Aber der Trompeter Miles Davis, der vor hundert Jahren geboren wurde, hatte auch dunkle Seiten.26.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenMiles Davis hat immer wieder neue Spielarten der Improvisation entwickelt.Serge Cohen / ImagoEr muss sich einsam gefühlt haben, der Trompeter Miles Davis. Woher sonst sollte der melancholische Tonfall seiner Soli herrühren, wenn nicht aus einer gewissen Verlorenheit? Ob zu Beginn seiner Karriere in Balladen wie «Round Midnight» oder zuletzt in Pop-Songs wie «Time After Time»: Seine melodischen Assoziationen fügten sich in Volten einem ungewissen Horizont entgegen, kontrastiert durch schrille Fanfaren des Schmerzes.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Weg unbedingter künstlerischer Profilierung hatte den überambitionierten und selbstkritischen Trompeter früh schon in die einsame Höhe einer Instanz, eines künstlerischen Fixsterns getragen. So war er jahrzehntelang ein Guru im Mittelpunkt der Jazzszene, umgeben von den ihn verehrenden Mitmusikern und Fans. Freundschaften gingen daraus kaum hervor.Die Solitude, die man aus seinem bald satten, bald gedämpften Trompetenspiel heraushörte, mag auch Ausdruck jenes Gefühls sein, das jedes gottverlassene Subjekt der Moderne überfällt, wenn es sich in der Dunkelheit der Welt verliert. Das erst erklärt, weshalb Miles Davis mit seinem innigen Sound ins Herz vieler Zuhörer traf. Sie fühlten sich verstanden und getröstet und antworteten mit kultischer Zuneigung. Diese blieb einseitig. Jedenfalls zeigte der «Prince of Darkness», als der er in den Medien verklärt wurde, seinem Konzertpublikum oft nur den Rücken (weil er so seine Band besser höre, versuchte er sich später zu rechtfertigen).Geige oder TrompeteMiles Davis hat mehrere Kapitel der Jazzgeschichte mitgeschrieben oder geprägt – von Bebop, Cool Jazz, Hard Bop über Modal Jazz bis zu Fusion und Pop Jazz. Zweifellos zählt er zu den einflussreichsten Musikern des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber er war eine schillernde Figur mit Abgründen.Ikonografisch hat sich das Bild eines sehnigen Mackers im kollektiven Gedächtnis gefestigt, der, nach hinten geneigt wie der Hahn einer Pistole, seine künstlerische Energie in die Trompete fliessen lässt. Aber nicht immer konnte er aufgestaute Gefühle musikalisch sublimieren. Oft launisch, zog er bisweilen über andere Musiker her. Und manchmal verwandelte sich der Meister in ein Monster, das sich gewalttätig an seinen Partnerinnen verging. Davon berichtete vor allem die Tänzerin Frances Taylor Davis, die mit ihm von 1960 bis 1968 verheiratet war.Geboren am 26. Mai 1926 in Alton, wuchs Miles Davis in East Saint Louis in materieller Geborgenheit auf; der Vater war Zahnarzt und Schweinezüchter. Das Familienleben wurde indes durch ständige Streitigkeiten der Eltern strapaziert. Das betraf auch die Zukunft des Sohns: Die Mutter hätte aus Miles gerne einen Geiger gemacht; letztlich setzte sich jedoch der Vater durch und schenkte dem neunjährigen Sohn eine Trompete.Früh schon wurde er zum Stimmführer bei den Eddie Randles Blues Devils, einer lokalen Jazzkapelle. Als entscheidend für seinen Werdegang erwies sich dann sein Engagement als 18-Jähriger in der Band des gefeierten Jazzsängers Billy Eckstine, wo er den Saxofonisten Charlie Parker und den Trompeter Dizzy Gillespie kennenlernte, die mit ihrem furiosen Spiel den Jazz neu erfinden sollten.Der legendäre Bebop-Pionier Charlie Parker (Mitte) war der Mentor des jungen Miles Davis (1947).William Gottlieb / Getty1944 reiste Miles Davis nach New York, um seine Idole in Harlem im «Minton’s Playhouse» aufzuspüren, wo sich eine junge Bebop-Avantgarde formierte. Charlie Parker liess den jungen Bläser an seiner Seite spielen. Miles Davis konnte sich neben dem Bebop-Pionier einigermassen behaupten. Im Vergleich zu Dizzy Gillespie, der mit irrlichternder Fantasie auftrumpfte und sich mit Parker feurige Dialoge oder Duelle lieferte, wirkte er instrumentaltechnisch eingeschränkt.Ein anderer hätte nun lange geübt, um den Konkurrenten Paroli zu bieten. Miles Davis reagierte auf seine Weise. Er wandte sich vom Bebop ab. Stattdessen entwickelte er zusammen mit dem Arrangeur Gil Evans einen neuen, gepflegteren Stil, der seiner Vorliebe für tragende Melodien und schmachtende Tönungen entgegenkam.1949 kam es zu mehreren Sessions für das Label Capitol, bei denen ein Nonett unter der Führung des Trompeters ein Dutzend chorartig arrangierte Stücke einspielte. Die Aufnahmen erschienen erst 1957 integral auf einer Langspielplatte, deren Titel dem neuen Stil den Namen gab: «Birth of the Cool».Dass Miles Davis seine fehlende Technik im Cool Jazz durch klangliche und motivische Prägnanz kompensiert habe, ist eine Art Dogma der «Milesology»: Ausgerechnet eine Schwäche half Miles Davis, seine persönliche Spielweise zu konturieren. Kaum diskutiert wird hingegen der Umstand, dass sich der stilbildende Musiker als Komponist kaum profiliert hat.In der Regel improvisieren ambitionierte Instrumentalisten nicht nur über sogenannte Standards, sondern möglichst auch über inspirierende Eigenkompositionen. Miles Davis schien sich einerseits mit ein paar wenigen, eher rudimentären Kompositionen zufriedenzugeben (wie beispielsweise «Freddie Freeloader», «Jean Pierre»). Andrerseits hat er eine beachtliche Anzahl von Fremdkompositionen als seine Originals ausgegeben: etwa «Solar» (von Chuck Wayne) oder «Blue in Green» (von Bill Evans).Versuchte er so, seine Schwäche zu kaschieren? Oder ging es ihm primär darum, Tantiemen zu erschleichen? «Love and Theft» heisst das Prinzip bei Bob Dylan – man stiehlt, was man liebt. Allerdings entsprach eine gewisse Geringschätzung den Mitmusikern und ihren Stücken gegenüber dem künstlerischen Charakter des autoritären Trompeters.Von seinen Projekten mit dem Arrangeur Gil Evans abgesehen, hat sich Miles Davis fast nie an die fertige Form von Stücken gehalten. Er hat vorgegebene Themen mitunter nur angedeutet oder spontan variiert, um möglichst rasch in die Freiheit der Improvisation auszubrechen, wo er stets mit rhythmischem Feingefühl und unvergleichlicher melodischer Prägnanz begeisterte. Seine Skepsis dem Verfestigten und Ausgeformten gegenüber offenbarte sich aber auch, wenn ein neuer Stil in die Tradition Eingang gefunden hatte.Miles Davis wollte sich nicht mit dem Erreichten abfinden, stets forschte er nach neuen evolutionären Möglichkeiten. Wie sich die Zeiten änderten, wollte er sich weiterentwickeln. Das erklärt die Fruchtbarkeit und Flüchtigkeit seiner knapp fünf Jahrzehnte langen Karriere. «Spiele nie, was schon da steht, sondern was nicht da steht», soll er seinen Mitmusikern gesagt haben, um ihre Flexibilität zu fördern. Selbst hat er immer wieder schlagfertig auf neue Impulse seiner wechselnden Mitmusiker reagiert. Kein Wunder, hat der Trompeter nebenbei seiner zweiten Leidenschaft als Boxer gefrönt.Künstler und JunkieKaum hatte Miles Davis den Cool Jazz geprägt, wechselte er zum Hardbop, einer Weiterentwicklung des Bebop, in der der erdige Blues eine wichtige Rolle spielte. Tatsächlich hatte damals der Trompeter auch selbst den Blues. 1949 war er nach Frankreich gereist und genoss den Respekt, den ihm Koryphäen wie der Philosoph Jean-Paul Sartre oder der Dichter Boris Vian entgegenbrachten. Vor allem aber hatte er eine kurze, aber glückliche Affäre mit der Sängerin Juliette Gréco.Ende der 1960er Jahre wurde aus dem Jazztrompeter Miles Davis ein Rockstar.Tom Copi / GettyUmso härter war die Rückkehr in die USA. Die Wut über den amerikanischen Rassismus nagte am Selbstbewusstsein. Tatsächlich sollte Miles Davis diesen in voller Brutalität zu spüren bekommen: Als er 1957 in der Pause eines Konzerts im New Yorker Jazzklub «Birdland» auf die Strasse hinaustrat, um einer Besucherin ins Taxi zu helfen, wurde er von zwei Polizisten angepöbelt und blutig geschlagen.Die 1950er Jahre waren für Miles Davis aber vor allem insofern verheerend, als er nun, wie viele seiner Jazzerkollegen, dem Heroin verfiel. Der Künstler streifte als Junkie durch die Gossen New Yorks, um an den Stoff zu kommen. Und manchmal, so ist aus seiner Autobiografie zu erfahren, machte er auf Pimp und liess Frauen für sich anschaffen.Musikalisch bewegte sich Miles Davis trotzdem von Erfolg zu Erfolg. Dazu zählt etwa der Soundtrack zu Louis Malles Film «Ascenseur pour l’échafaud» (1958): Seine abgerissenen Phrasen klingen hier wie Klagen einer verlorenen Seele. Schliesslich gründete der Trompeter Ende der 1950er Jahre auch das stilbildende Quintett mit dem Saxofonisten John Coltrane: Auf Alben wie «Relaxin’ with the Miles Davis Quintet» (1958) brillieren die Musiker durch unvergleichliche poetische Kraft.Das grossartige Album «Kind of Blue» (1959), das meistverkaufte Jazzalbum überhaupt, wies dann den Weg zum modalen Jazz. Diesen atmosphärischen Stil pflegte der Trompeter in den sechziger Jahren mit einem zweiten phänomenalen Quintett: Herbie Hancock am Piano, Ron Carter am Bass und der Drummer Tony Williams erhöhten nicht nur die rhythmische Spannung, sie mischten sich auch vermehrt in die improvisatorische Dramatik ein. Und der Saxofonist Wayne Shorter legte neuartige Stücke vor, in denen er die Logik der Akkorde durch ein Farbenspiel unterschiedlicher Skalen erweiterte.Aus dem Jazz in den RockEnde der sechziger Jahre kam es zum grössten Umbruch in der Entwicklung des Jazzmusikers. Wobei Miles Davis das Wort «Jazz» schon gar nicht mehr hören mochte – für ihn war das ein Begriff weisser «Motherfuckers». Er spiele «Social Music», erklärte er. Damit war nicht nur das Interplay seiner Bands gemeint, sondern auch die gesellschaftliche Relevanz, die er anstrebte. Umso grösser war die Frustration darüber, dass sich das junge Konzertpublikum nun Richtung Rock verabschiedete.Seine damalige Frau, die Funksängerin Betty Davis, weckte seine Begeisterung für schwarze Stars wie Sly Stone oder Jimi Hendrix. Auf den Alben «In a Silent Way» (1969) und «Bitches Brew» (1970) hat Miles Davis die neuen Einflüsse erstmals selbst verarbeitet. Bald setzte er seine jungen Pianisten wie Keith Jarrett oder Chick Corea an den Synthesizer; und die tiefen Register überantwortete er E-Bassisten wie vorab Michael Henderson.Miles Davis zusammen mit seiner damaligen Frau Betty Mabry Davis (links) und Devon Wilson am Begräbnis von Jimi Hendrix in Seattle (1970).Bob Peterson / GettyDass sich Miles Davis vom Jazz verabschiedet hatte, um mit seinen Fusion-Bands nun selbst die Massen der Rockfans zu erobern, wurde ihm oft als kommerziell motivierter Verrat ausgelegt. Dabei ging es ihm einmal mehr vor allem darum, in einen Dialog mit dem gewandelten Zeitgeist zu treten.Dem Trompeter ist es auch tatsächlich gelungen, abermals einen neuen, wegweisenden Stil zu entwickeln, von dem sich Musiker scharenweise inspirieren liessen. Die späteren Alben von Miles Davis scheinen zwar immer weniger durch seine Spontanität und Souveränität bestimmt zu sein und immer mehr durch die Studio-Bastelei oder die vorproduzierten Beats seiner Produzenten Theo Macero und Marcus Miller. Das Trompetenspiel jedoch, das Miles Davis gelegentlich durch elektronische Effekte verfremdete, blieb auch im Spätwerk frisch und anrührend.Nach einem körperlichen Kollaps im Jahre 1975 musste sich Miles Davis, der schon lange an einer Blutkrankheit, an Diabetes und Arthritis litt, für fünf Jahre von der Öffentlichkeit zurückziehen. 1980 sorgte er mit «The Man with the Horn» aber für ein Comeback. Und in den folgenden Jahren blieb der gestandene Herr in immer schrilleren Outfits und immer poppigeren Hits auf Tuchfühlung mit der jungen Musikszene.Montreux 1991: Unter der Leitung von Quincy Jones spielt Miles Davis kurz vor seinem Tod nochmals Arrangements von Gil Evans.Alain Benainous / GettyDas Schicksal schlug zu, als Miles Davis von seinen Prinzipien abrückte und sich zu einem Retro-Konzert bewegen liess. 1991 spielte er am Montreux Jazzfestival nochmals orchestrale Werke des 1988 verstorbenen Arrangeurs Gil Evans. Gezeichnet durch neue Schübe seiner alten Krankheiten, war er allerdings nicht mehr imstande, den ganzen Trompetenpart zu spielen; oft musste der 31-jährige Wallace Roney einspringen.Himmel oder HölleZwei Monate später, am 28. September, erlitt er einen tödlichen Schlaganfall. Von den Jazz-Traditionalisten bis zum Pop-Publikum verstanden alle: Eine grosse Musikerpersönlichkeit war gestorben. Der «Prince of Darkness» hatte in seinem Leben nicht wenige Leute enttäuscht durch seinen schwierigen Charakter. Aber als Künstler war er bis ans Ende seiner Tage jung und offen geblieben im Geiste. «When you’re creating your own shit, man . . . even the sky ain’t the limit», hatte er in seiner Autobiografie behauptet. Sinngemäss: Wenn du dich auf deine Kreativität verlässt, kann dich auch der Himmel nicht stoppen. Vielleicht gilt das ja allenfalls auch für die Hölle.Passend zum Artikel