Datenleitungen im Zangengriff der Mullahs: Iran verlangt Schutzgeld für Unterseekabel in der Strasse von HormuzDie Islamische Republik will Gebühren für die Nutzung unterseeischer Glasfaserkabel erheben und exklusive Rechte auf deren Wartung und Reparatur geltend machen. Damit droht sie der gesamten Golfregion wirtschaftlich zu schaden.26.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIran blockiert seit Wochen den Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormuz. Nun droht es damit, dort auch die Datenflüsse versiegen zu lassen.Majid Asgaripour / Wana News via ReutersIn der Strasse von Hormuz steht der Schiffsverkehr seit Wochen weitgehend still. Das hat die Öl- und Gaspreise weltweit in die Höhe getrieben. Iran verlangt seit Anfang Mai Zahlungen von Schiffen, die den Seeweg passieren wollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jetzt droht Iran damit, auch die Unterseekabel in der Meerenge unter seine Kontrolle zu bringen. Der unterseeische Datenverkehr durch den Persischen Golf ist ein wichtiger Teil der digitalen Infrastruktur der Anrainerstaaten. Alle möglichen Internetdienste wären von einem Ausfall der Unterseekabel betroffen: von E-Mail und Videotelefonie bis hin zu Finanztransaktionen.Offenbar will sich das Mullah-Regime mit dem Anspruch auf die Datenkabel eine neue Einnahmequelle erschliessen. Iranische Regierungsvertreter und Staatsmedien haben angedeutet, Iran könnte eine Gebühr für den Gebrauch der Unterseekabel erheben, die durch die Strasse von Hormuz verlaufen. Bezahlen sollen sie die amerikanischen Tech-Konzerne, die diese Kabel benutzen – Amazon, Microsoft, Google und Meta.Tech-Firmen sind längst zum Ziel iranischer Angriffe gewordenEs ist nicht das erste Mal seit dem Ausbruch des Kriegs, dass die iranische Regierung die Infrastruktur von Big Tech in der Golfregion ins Visier nimmt. Im März bombardierte Iran Rechenzentren von Amazon in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain. Und auch eine Industrieanlage für Erdgas in Katar war Ziel iranischer Angriffe. Seitdem droht ein Lieferengpass für Helium, einen wichtigen Rohstoff für die Produktion von Halbleiterchips in Südkorea und Taiwan. Beide Länder haben vermeldet, dass ihre Heliumvorräte höchstens für rund ein halbes Jahr ausreichen würden.Es ist unklar, wie Iran Zahlungen für die Nutzung der Kabel durchsetzen will, denn die amerikanischen Firmen dürfen aufgrund von Sanktionen keine Geschäfte mit der Islamischen Republik machen. Geldüberweisungen sind also ausgeschlossen. Teheran will das offenbar ändern und ausländische Tech-Firmen dazu zwingen, iranische Gesetze einzuhalten.Wie gefährdet sind die Unterseekabel im Persischen Golf?Die Strasse von Hormuz ist relativ flach, in weiten Gebieten liegt der Meeresgrund nur 50 bis 100 Meter tief. Allerdings besteht der Boden hier hauptsächlich aus sandigen oder lehmigen Sedimenten. Unter solchen Bedingungen liegen die Kabel in der Regel nicht einfach auf dem Grund, sondern sind im Boden vergraben. Das erschwert es Saboteuren, die Kabel zu erreichen.Hinzu kommt, dass nur zwei der fünf aktiven Unterseekabel in der Strasse von Hormuz durch iranische Hoheitsgewässer verlaufen. Diese beiden Kabel binden auch Iran an, sie sind also für den Internetzugang im Land wichtig. «Iran würde sich ins eigene Fleisch schneiden, sollte es diese zwei Kabel beschädigen», sagt Jonas Franken. Er forscht an der Technischen Universität Darmstadt zur Sicherheit von Unterseekabeln. Das iranische Regime sperrt zwar seit Monaten das Internet für die eigene Bevölkerung. Die Machthaber verzichten aber natürlich nicht selbst auf den Internetzugang. Dafür sind die Unterseekabel unerlässlich.Iran könnte Kabelreparaturen verhindernSollte Iran die Kabel kappen, die im omanischen Seegebiet liegen, würde das einer Kriegshandlung gleichkommen, sagt Jonas Franken. Iran würde damit also eine Eskalation des Konflikts riskieren. Allerdings könnte Iran auch versuchen, Oman auf seine Seite zu ziehen. Die beiden Staaten führen zurzeit Gespräche über die gemeinsame Einführung permanenter Zahlungen für den Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormuz.Selbst wenn eine Einigung mit Oman nicht zustande käme, könnte Iran an einer anderen Stelle Druck ausüben. Teheran hat nämlich auch angekündigt, die exklusiven Rechte auf Wartung und Reparatur der Unterseekabel im Persischen Golf geltend machen zu wollen. Was das iranische Regime damit meint, ist Franken ein Rätsel. Das Land verfüge nicht über die dafür nötige Ausrüstung.Zurzeit werden solche Arbeiten im Golf ausschliesslich von der in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässigen Firma E-Marine durchgeführt. Das Unternehmen betreibt dafür eine Flotte aus fünf spezialisierten Schiffen. Beim Ausbruch des Kriegs befand sich nur eines davon im Persischen Golf. Die anderen waren im Roten Meer und im Indischen Ozean im Einsatz.Die Blockade der Strasse von Hormuz gäbe Iran also neben der Kontrolle über Öl- und Gaslieferungen einen weiteren Hebel: Es könnte die Reparatur ausfallender Unterseekabel verhindern, indem es die Passage der dafür nötigen Schiffe blockiert. Das einzige im Persischen Golf liegende Schiff von E-Marine hätte es auch schwer, seine Aufgaben zu erfüllen. Für Kabelreparaturen müsste das Schiff mehrere Tage bis Wochen lang an einer Stelle liegen. Das würde es anfällig für iranische Angriffe machen.Datenflüsse werden wegen geopolitischer Konflikte teurerJonas Franken ist der Auffassung, dass Iran vor allem langfristig die Kontrolle über Unterseekabel ausüben könnte. Etwa, indem es Zahlungen für das Verlegen neuer Datenleitungen durch seine Hoheitsgewässer verlangt. Solche Gebühren würden Iran für internationale Tech-Firmen jedoch noch unattraktiver machen.Für Iran könnte die Rechnung trotzdem aufgehen, wenn es nur den richtigen Preis veranschlagt. Schon jetzt droht der Platz für neue Unterseekabel im Persischen Golf knapp zu werden. Iranisches Seegebiet zu meiden, dürfte also immer schwieriger werden.Zudem dehnt Iran gegenwärtig seine Ansprüche über den Persischen Golf hinaus aus. Am Mittwoch gab die für den Schiffsverkehr zuständige iranische Behörde bekannt, ein erweitertes Verwaltungsgebiet kontrollieren zu wollen. Es erstreckt sich südöstlich bis zur Stadt Fujairah im Golf von Oman. Dort gehen die meisten Unterseekabel der Vereinigten Arabischen Emirate an Land.Golfstaaten werden als Technologiestandorte geschwächtLänder wie Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben Milliarden in Infrastruktur investiert, die vom Zugang zu den Datenverbindungen abhängt. Diese Länder versuchen, sich als internationale Standorte für KI-Rechenzentren zu profilieren. Mit ihren grossen Energiereserven locken sie auch amerikanische Firmen, die befürchten, der Strommangel in den USA könnte ihre Wachstumspläne ausbremsen.Irans Nachbarn am Persischen Golf sind zwar nicht zu hundert Prozent auf die Unterseekabel angewiesen. Der Internetverkehr läuft auch über Glasfaserkabel an Land. Aber die terrestrischen Datenverbindungen für den wachsenden Bedarf auszubauen, wäre teuer, und die Kabel wären dann ebenfalls Risiken ausgesetzt – durch Erdrutsche, Bautätigkeit oder militärische Konflikte.Im Persischen Golf sahen Tech-Firmen noch unlängst eine alternative Route für Unterseekabel, die bis anhin durch das Rote Meer verlaufen und Europa mit Asien und Ostafrika verbinden. 90 Prozent des Internetverkehrs zwischen Europa und Asien läuft über Glasfaserkabel im Roten Meer. Aber die Region ist durch den Konflikt mit den Huthi-Rebellen äusserst unsicher geworden.Deutlich wurde die Gefahr im Februar 2024. Nach einem Angriff durch die Huthi-Rebellen warf die Besatzung eines sinkenden Frachtschiffs den Anker aus. Das untergehende Schiff trieb tagelang umher, und sein Anker schleifte dabei vier Datenkabel hinter sich her. Die beschädigten Kabel fielen monatelang aus. Erst nach langwierigen Verhandlungen stimmten die Konfliktparteien einer Reparatur zu.Die Hoffnungen, auf den Persischen Golf als Unterseekabel-Route ausweichen zu können, wurden vom Ausbruch des Iran-Kriegs Ende Februar zerschlagen. Seitdem sind im Golf mindestens drei grosse Unterseekabel-Projekte stillgelegt worden. Die beteiligten Unternehmen hatten bereits etliche Millionen Dollar darin investiert.Angesichts der anhaltenden Unsicherheit im Roten Meer und im Persischen Golf könnten Tech-Firmen in Zukunft beim Verlegen von Unterseekabeln längere Routen in Kauf nehmen, um die Region zu meiden. Der Facebook-Eigner Meta baut beispielsweise ein 50 000 Kilometer langes Unterseekabel, das Amerika mit Afrika und Asien verbinden soll, aber einen Bogen um den Nahen Osten macht.Passend zum Artikel