Sozialdemokraten Lara-Marie Honczek (l.), Ursula König und Jens Peter GotterQuelle: Kristian Frigelj/WELT; Montage: Infografik WELT/anna wagnerAn der SPD-Basis gärt der Unmut über die Bundesführung – und zugleich ist sie tief besorgt über das Erstarken der AfD. Was schlagen die Mitglieder konkret vor, um ihre im Niedergang begriffene Partei zu retten?Ursula König spricht immer wieder über „die Blauen“. Die AfD ist ihre größte Sorge, wenn sie auf die Politik blickt. Die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Oggersheim sitzt an einem Mittwochabend im Mai an einem langen Tisch in einem Brauhaus. Vor ihr steht ein roter Parteiwimpel. Die 75-Jährige hat sich mit einem halben Dutzend Sozialdemokraten getroffen, zum ersten „Stammtisch“ nach langer Zeit. Es gibt Bier, deftiges Essen. Und Politik.Oggersheim ist etwa 630 Kilometer von Berlin entfernt. Der Stadtteil von Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz besitzt in der Politik einen historischen Klang. Ganz in der Nähe hat einst Helmut Kohl (CDU) gewohnt. Im Bungalow empfing „der Oggersheimer“, wie Kohl auch genannt wurde, Staatsoberhäupter und bereitete die deutsche Wiedervereinigung vor.Lesen Sie auchDas ist lange vorbei, aber die große Politik bleibt Tagesgespräch. Ursula König und ihre Parteifreunde sollen sie häufig erklären, weil die Menschen wissen wollen, was „die da“ in der Bundesregierung treiben. So geht es vielen tausend anderen Sozialdemokraten vor Ort auch. Doch bei König herrscht längst Ratlosigkeit, Enttäuschung und Unverständnis. Kaum anders ist es an der Parteibasis der CDU.König blickt besonders kritisch auf Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Der führe die Regierung und seine Partei „wie ein Vorstandsvorsitzender“. Die ständigen Konflikte in Berlin gefährdeten aus ihrer Sicht das Vertrauen in die Demokratie. „Wenn die sich in Berlin nicht einigen, dann werden wir blau“, warnt König. Sie meint damit die AfD.Lesen Sie auchSie sieht Probleme auch bei ihrer eigenen Partei. „Wir haben bisher Politik am Wähler vorbei gemacht“, sagt König. Vor allem Arbeitnehmer fühlten sich von der Partei nicht mehr vertreten. „Man sorgt sich um alle möglichen Schichten in der Bevölkerung, aber man nimmt die Arbeitnehmer nicht mehr mit“, sagt König. Man dürfe nicht nur grüne Politik machen. „Wir waren früher mal bürgerliche Mitte, und ich hoffe, dass wir das wieder werden“, sagt König. Es müsse „ja was passieren, bei Rente, Gesundheit, Krankenversicherung“. Aus ihrer Sicht müssten alle in die Rentenkasse einzahlen, auch die Beamten, die Selbstständigen. „Da geht bisher keiner richtig dran.“Auch in Ludwigshafen sind Sauberkeit und Sicherheit ein großes Thema. Und auch Migration. „Man kann nicht erwarten, dass wir im Prinzip permanent Flüchtlinge aufnehmen, aber die Kommunen nicht finanziell ausstatten“, sagt König. In der Folge könne vieles nicht gemacht werden, weil das Geld fehle. „Dann kippt die Stimmung.“ Ludwigshafen sei eine klassische SPD-Hochburg gewesen, „eigentlich überwiegend rot“, sagt König. Heute nehme sie dagegen eine wachsende Frustration wahr, auch bei langjährigen Stammwählern, und wie die AfD immer stärker werde. „Sogar Migrantenfamilien sind bereit, blau zu wählen“, erzählt König. Viele Menschen seien von der Politik enttäuscht, dabei würden die Blauen keine Lösungen verkaufen. „Es gibt inzwischen einen allgemeinen Verdruss“, sagt König.Lesen Sie auchSie sieht einen politischen Wandel in Oggersheim: „Ich bemerke den Trend zu den Blauen. Das ist das Schlimme“, sagt sie. Bei der vergangenen Landtagswahl sei sie „erschrocken“ gewesen: „Der Stadtteil war sehr stark blau.“ In ganz Ludwigshafen büßte die SPD zehn Prozentpunkte ein und landete hinter der CDU. Die AfD verdoppelte sich fast und erreichte 24,8 Prozent. Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) wurde bei der Landtagswahl am 22. März abgewählt. „Er war sehr beliebt, aber man hat die Partei nicht gewollt, die hinter ihm steht“, sagt König.Die 21-jährige Lara-Marie Honczek erlebt diese Entwicklung auch bei jungen Menschen. Die AfD profitiere von sozialen Netzwerken. „Die können auf jeden Fall Social Media. Das läuft alles über TikTok und Social Media“, sagt sie. Viele beschäftigten sich gar nicht näher mit den politischen Inhalten der Partei. Die Menschen in ihrem Alter würden den Parteien keinen Glauben mehr schenken. „Der große Schatten für alle Parteien ist die AfD“, sagt sie.Honczek hat auch eine große Sorge, falls die schwarz-rote Koalition scheitern sollte: „Dann werden die Leute sagen: Jetzt probieren wir halt die AfD aus.“ Honczek war Landesschülervertreterin in Rheinland-Pfalz und engagierte sich später auch auf Bundesebene. Nach dem Abitur wollte sie sich weiterhin politisch einbringen und gelangte 2024 zur SPD. „Ich wollte nicht nur von außen meckern“, sagt Honczek. Persönlich verortet sie sich in der politischen Mitte. Die SPD werde oft vorschnell als „links“ abgestempelt, sagt sie. „Zu links, das ist auch nicht so meine Werte-Region“, sagt Honczek. Die frühere Ministerpräsidentin Malu Dreyer ist ein Vorbild für sie.Mit SPD-Chef Lars Klingbeil fremdelt sie offen: „Ich bin kein Klingbeil-Fan“, sagt sie. Die Parteispitze in Berlin wirke für viele junge Mitglieder weit entfernt und schwer greifbar. Ganz anders erlebe sie dagegen den früheren Ministerpräsidenten Schweitzer, der nun als SPD-Fraktionschef im Landtag weitermacht. Mit ihm habe sie mehrfach im Wahlkampf zusammengearbeitet. „Seine Reden machen immer sehr viel Mut“, sagt sie. „Er kann klar benennen, wo etwas schiefläuft und was man anpacken muss.“Auch SPD-Ortschefin König nennt Schweitzer als positives Beispiel innerhalb der SPD. Er könne vermitteln und gleichzeitig politische Inhalte glaubwürdig vertreten. Genau solche Persönlichkeiten fehlten der Bundespartei.Längst wird an der Basis eine klare Trennung von Regierungsamt und Parteivorsitz diskutiert. Die Parteichefs seien „gefangen in ihren multiplen Rollen“, sagt Jens Peter Gotter, der ein paar Plätze weiter am Tisch sitzt. „Deswegen ist meine persönliche Meinung, wir sollten Amt und Mandat trennen.“Parteivorsitzende, die zugleich im Bundeskabinett säßen, gerieten zwangsläufig in Loyalitätskonflikte. „Wie sollen die Partei voranbringen oder auch mal harte Worte sagen?“, fragt Gotter. Deshalb schlägt der 53-Jährige vor: „Ihr sitzt am Kabinettstisch, dann macht das. Aber bitte Parteiämter abgeben.“Schweitzer, der auch Bundesvize ist, wäre für ihn „prädestiniert“ als SPD-Chef. Auch eine Doppelspitze mit Anke Rehlinger, der saarländischen Ministerpräsidentin, kann Gotter sich vorstellen: Das seien „Persönlichkeiten“, die der Partei neue Impulse geben könnten.„Es fehlt eine Identifikationsfigur“Einen Abend später trifft sich der SPD-Ortsverein Köln-Dellbrück zum Stammtisch. Es gibt schwäbisches Essen, Bier aus dem Schwarzwald und Kölsch. Auch hier sind sie ratlos, wenn es ums Führungspersonal geht. „Es fehlt eine Identifikationsfigur. Der Klingbeil ist mir etwas zu glatt“, sagt Anne Ratzki. Die 89-jährige Bildungsexpertin mit Doktoren- und Professorentiteln ist 1972 in die SPD eingetreten, wegen Willy Brandt. Politiker mit einem solchen Format vermisst sie seit Langem. Dann fällt ihr noch ein positives Beispiel ein. „So einen wie Cem Özdemir brauchen wir“, sagt Ratzki über den neuen grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.Die Mitglieder im Ortsverein verstehen sich eher als links. Heinz-Günter Boos nennt es „ganz extrem“, wie sich der Reichtum immer mehr konzentriere, als „die Ballung des Geldes“ bezeichnet er das. Die Reichen würden noch reicher, und es gebe sehr viele Menschen, die sehr viel Geld hätten, sagt der 67-Jährige. Er sieht wie andere am Tisch, dass der „Zeitgeist nach rechts“ tendiere und es einen Hang zum Autoritären in Teilen der Bevölkerung gebe. Es werde beklagt, dass es in der Demokratie zu lange dauere.Neben Boos sitzt Horst Noack. Der 77-Jährige ist vor über 40 Jahren in die Partei eingetreten, und er ist geblieben, oft „mit der Faust in der Tasche“, bei Gerhard Schröder zum Beispiel, dem er die Hartz-Reformen immer noch verübelt. „Es fehlt mir das S in der SPD“, sagt er, das Soziale. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas spreche das zwar an, komme aber nicht so richtig zur Geltung.Insgesamt beklagt Noack, dass Deutschland zu schlecht dargestellt werde, gerade von den Medien: „Wir sind doch weit besser dran als viele andere Länder.“ Da wendet Ratzki ein, dass es auch darum gehe, wie viel jeder zu verlieren habe. Eine Erhöhung des Rentenalters würde auf jeden Fall eine Verschlechterung bedeuten.Christiane Wasem erinnert sich noch an einen echten „Kümmerer“ in Köln, der einst sogar CDU-Wähler überzeugen konnte, SPD zu wählen: der legendäre Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Wischnewski, der Minister unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) war. „Wischnewski hat die Leute abgeholt, und er sagte immer: Wenn Sie ein Problem haben, dann wenden Sie sich an mich.“ Und er habe geholfen. So etwas gebe es heute nicht mehr.Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.
Misere der Sozialdemokraten: „Sogar Migrantenfamilien sind bereit, blau zu wählen“ - WELT
An der SPD-Basis gärt der Unmut über die Bundesführung – und zugleich ist sie tief besorgt über das Erstarken der AfD. Was schlagen die Mitglieder konkret vor, um ihre im Niedergang begriffene Partei zu retten?










