Max Brods Hand zögert Blatt um Blatt ein bisschen zu theatralisch davor zurück, die Texte seines Freundes Kafka wie gewünscht dem lustig flackernden Kaminfeuer zu überantworten. Das Feuer ist Fake, wie die Mauern, an denen Brod lehnt. Die fragwürdige Ästhetik von schlechten Online-Filmchen zu Beginn ist bewusst gesetzt, genau wie der stumme Mensch im Gorillakostüm. Gorillas auf der Bühne, das ist seit so vielen Jahren ein dermaßen zum Gähnen reizender Theatergag, dass man schon zu Beginn von „Zirkus Kafka“ geneigt ist, dem Regisseur Dor Aloni zu unterstellen, da müsse doch ein bisschen mehr dahinterstecken als eben bloß Klischee.Das aber wird man erst am Ende dieser Zirkus-Revue erfahren, wenn die letzten Lichterketten in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt erloschen sind und der ganze Zirkus abgezogen sein wird: jener, den Kafka uns mit seinen Erzählungen hinterlassen hat. Und derjenige, den die Leute seither mit Kafka anrichten, vor allem im Theater. Warum sollte man sich über den Betrieb nicht mal wieder auf kluge Weise lustig machen und über das Interpretieren literarischer Werke überhaupt? Es ist ein sehr charmanter leichtgewichtiger Spaß, den der israelische Dramatiker Roy Chen, 1980 in Tel Aviv geboren, verfasst hat, und einer, der dann doch, wie beiläufig, in das Dilemma heutiger Diskurse führt, die sich in Floskeln, Sprachregelungen und Eiertänzen verlieren.Chens Text, der nun in Frankfurt uraufgeführt worden ist, führt erst einmal in das Jahr 1924 und zu jenem entscheidenden Moment, in dem sich der Schriftsteller Max Brod entscheidet, dem letzten Willen seines soeben verstorbenen Freundes Franz Kafka nicht zu entsprechen. Alles, was sich an Geschriebenem in seinem Nachlass befinde, solle der Freund verbrennen, hatte Kafka schon Jahre vor seinem Tod verfügt. „Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler“, befand Kafka. Brod hat es anders gesehen, wie Millionen von Lesern seither.Ein Raum, in dem die Frage überhaupt gestellt werden kannRoy Chen und Dor Aloni, die beide auch eng mit dem Berliner Maxim Gorki Theater in der Intendanz von Yael Ronen verbunden waren, haben mitsamt dem Ensemble sichtlich Freude daran, die Zwiebel Kafka zu häuten. Der Clou an Chens Text und Alonis Inszenierung ist nicht, nur den sich im moralischen Dilemma windenden Max Brod, den Torsten Flassig angemessen pikiert auch immer wieder auf sein eigenes schriftstellerisches Werk verweisen lässt, zu zeigen. Chen erweckt vielmehr vier Figuren zum Leben, die alle, mehr oder weniger, Kafkas letzten Erzählungen entspringen: Die Erste, die Brod anherrscht, das Verbrennen sein zu lassen, ist die Sängerin Josefine (Anabel Möbius). Ebenso fordern ihr Recht auf Existenz zunächst der Trapezkünstler (Mitja Over), der sich weigert, das Trapez zu verlassen, schließlich ein Bauchredner (Issak Dentler) und die Hungerkünstlerin (Rokhi Müller).Chens Text ist eine geschickte Verquickung von Originalpassagen mit einer blühenden literarischen Phantasie, die in Alonis Inszenierung aus der Maus Josefine eine menschliche Diva macht, aus dem Trapezkünstler einen schmollenden Jüngling mit begrenzten geistigen Mitteln, aus der „kleinen Frau“ in einem kühnen Perspektivwechsel die Puppe und gleichzeitige Ehefrau des Bauchredners und aus dem Hungerkünstler eine Frau, der Brod verzweifelt versucht, das böse Ende mithilfe von Walnüssen zu ersparen. Das an sich ist schon ein großes Vergnügen, mit Feuerschalen, falschen Lavabrocken und glamourösen Kostümen (Bühne Marlene Lockmann, Kostüme Svenja Gassen).Und es kippt auf sehr lustige Weise, wenn die Figuren mit Blick auf das, was in der Kafka-Exegese mit ihnen angestellt wird, Brod nicht mehr um Rettung, sondern um Vernichtung anflehen. Sprachrohr Josefine versucht Brod anzustacheln, sie von all den Interpretationen und Inszenierungen zu befreien, und man darf nicht so kleinkariert sein zu bemerken, dass der „Hungerkünstler“ schon 1922 erschienen war und Kafka selbst in den Wochen vor seinem Tod im Juni 1924 die drei weiteren Erzählungen publikationsfertig gemacht hat – der Band erschien im August 1924.Also auf in die Hölle der Interpretation, wenn Chen die Kunst- und Künstler-Allegorien Kafkas in diesen vier Erzählungen in den Theaterbetrieb überführt, in dem, wie es spitz heißt, anders als im Varieté zwei Spielzeiten im Voraus geplant werde. Da sitzt nun Josefine alias Möbius alias „Die Dramaturgin“ im Stuhlkreis mit den Darstellern, jede und jeder von ihnen ein Abziehbild seiner Figur im wirklichen Theaterleben – plus eine Portion beruflicher Eitelkeit, floskelhafter Selbstzweifel und Diskurs-Stereotypen wie jener, es gehe nicht darum, eine konkrete Antwort zu geben, sondern vielmehr „einen Raum zu öffnen, in dem diese Frage überhaupt gestellt werden kann“. Das ist flott und mit viel Selbstironie durchaus geeignet, sich die Frage zu stellen, wie es denn so weit kommen konnte mit den gut gemeinten Team- und Publikumsgesprächen, in denen absolut nichts Interessantes verhandelt wird. Bis in einer letzten Volte auch der Gorilla zu seinem Recht kommt. Und die Dramaturgin im Affenkostüm die ganz große Frage aus Kafkas „Bericht für eine Akademie“ stellt: Freiheit oder Ausweg?Zirkus Kafka, Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele, nächste Vorstellungen am 31. Mai und 8. Juni.
Schauspiel Frankfurt macht klugen Spaß mit „Zirkus Kafka“
Man darf auch mal sehr gescheite künstlerische Witze machen: Roy Chens unterhaltsamer „Zirkus Kafka“ wird in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt uraufgeführt.







