Marta Kostjuk hat in den vergangenen Wochen auf vielfache Weise beeindruckt. Anfang Mai in Madrid gewann die Ukrainerin ihren ersten bedeutenden Titel, nachdem sie im vergangenen Dezember noch gegrübelt hatte, ob sie ihre Profikarriere mangels erhoffter Erfolge nicht besser beenden sollte. Ihren Turniersieg feierte die Dreiundzwanzigjährige auf dem Madrider Centre Court mit einem Eins-a-Rückwärtssalto, der schon zu ihrem Markenzeichen geworden war, als ihr als Teenager eine Zukunft voller Glanz und Gloria verheißen wurde. Den stärksten Eindruck jedoch hinterließ Marta Kostjuk in Paris.Es begann auf dem Platz, als sie die gebürtige Russin Oksana Selekhmeteva 6:2, 6:3 bezwang und danach im Siegerinterview unter Tränen erzählte, dass eine russische Rakete am Morgen nur 100 Meter von ihrem Elternhaus in Kiew eingeschlagen habe. Und es setzte sich fort im Gespräch mit Journalisten, als sie ihr Smartphone nach vorne hielt und ein Foto zeigte, das sie um acht Uhr morgens, drei Stunden vor ihrem Match, erhalten hatte.Zu sehen sind Flammen und Rauch in ihrer Kiewer Nachbarschaft als Folge der Einschläge russischer Hyperschallraketen. Die Ereignisse am Pfingstsonntag fasste die Ukrainerin in einem Satz zusammen, der Sport und Krieg lakonisch zusammenführt und unter die Haut ging: „Ich bin glücklich, dass ich in der zweiten Runde stehe und jeder lebendig ist.“„Mir wurde übel“Zum Zeitpunkt des russischen Angriffs seien ihre Mutter, ihre Schwester sowie die Schwester ihrer Großmutter im Haus gewesen, erzählte Marta Kostjuk. Zu Anfang des Krieges, als noch niemand ahnte, was vor sich ging, hätten sich noch bis zu 17 Personen dort verschanzt. „Mir wurde übel bei der Vorstellung, dass, wenn es 100 Meter näher gewesen wäre, ich keine Mutter und Schwester mehr hätte“, sagte die Weltranglistenfünfzehnte, nachdem sie „eines der schwierigsten Matches meiner Karriere“ erfolgreich hinter sich gebracht hatte.Als Weltenbummlerin bangt Marta Kostjuk, wie die anderen Ukrainerinnen im Tenniszirkus, die meiste Zeit aus der Ferne mit Familie, Freunden und Volk. Seit Russland seinen Angriffskrieg im Februar 2022 entfesselte, gehört die Dreiundzwanzigjährige mit ihrer acht Jahre älteren Landsfrau Elina Switolina zu den vernehmbarsten Stimmen. In Wort und Tat kämpfen die beiden dagegen an, dass die Ukraine zwischen all den anderen Kriegen und Konflikten in Vergessenheit gerät.Neben der moralischen Unterstützung und den Spenden, die sie für die Heimatfront einwerben, helfen die Erfolge der beiden im Sport, um weiter Aufmerksamkeit zu erregen. In ihrer Siegerrede neulich in Madrid erwähnte Kostjuk ihre geplagte Heimat und würdigte ihre russische Finalgegnerin Mirra Andrejewa mit keinem Wort. Kurz vor dem Start der French Open triumphierte Elina Switolina zum dritten Mal beim Mastersturnier in Rom. Damit spielte sich die Weltranglistensiebte in den erweiterten Favoritenkreis für die French Open. „Ich versuche, mich auf mein Spiel zu konzentrieren und nicht schon daran zu denken, ob ich den Titel gewinnen kann oder nicht“, sagte Switolina.Zwischen Aufmerksamkeit und IgnoranzKostjuk und Switolina erleben gerade Wochen zwischen Siegen und Bangen – und zwischen Aufmerksamkeit und Ignoranz. „Ich habe mich damit abgefunden, dass die Tour es vergessen hat“, sagte Kostjuk in Richtung der WTA. Die Kritik, den Ukrainekrieg nur noch achselzuckend hinzunehmen, mochte die Profiorganisation der Damen nicht auf sich sitzen lassen. „Wir bleiben unmissverständlich bei unserer Verurteilung des russischen Krieges“, ließ sich ein WTA-Sprecher zitieren. Man unterstütze die ukrainischen Spielerinnen seit Februar 2022. Russische und belarussische Profis dürfen bis heute nicht unter ihrer Flagge spielen.Ihre Haltung hielt die WTA jedoch nicht davon ab, die Ukrainerin Oleksandra Olijnykowa unlängst für unbotmäßige Kollegenschelte zu bestrafen. Wie die 25-Jährige, die zu den sieben Ukrainerinnen unter den Top 100 der Weltrangliste gehört, berichtete, sei sie von der Tourorganisation mit Geldstrafen belegt worden, nachdem sie russische und belarussische Spitzenspieler namentlich als Propagandisten des Krieges angeprangert hatte. Diese persönliche Kritik scheint zu viel für die WTA im fünften Kriegsjahr.Schon im Frühjahr 2023, als der große Angriff auf ihre Heimat ein Jahr zurücklag und der Konflikt schon einmal auf die Stimmung bei den French Open schlug, wusste die damals gerade mal 20 Jahre alte Marta Kostjuk die Konfliktlage gut für sich und die Welt einzuordnen. Sie erzählte schon damals eindrücklich darüber, wie schwer es sei, in Paris ihrem Beruf nachzugehen, während daheim in Kiew die Bomben fielen. Sie wusste zu erklären, warum sie und ihre Landsfrauen angefangen haben, russischen Tennisspielerinnen den Handschlag am Netz zu verweigern. Und zwar bis heute auch jenen, die inzwischen für ein anderes Land starten, wie am Sonntag Kostjuks Auftaktgegnerin Selekhmeteva für Spanien.In welcher Gefahr die Landsleute daheim schweben, wissen Marta Kostjuk und Elina Svitolina aus eigener Erfahrung. Kostjuk stand bei ihrem letzten Besuch im April während russischer Luftangriffe auf dem Trainingsplatz und hörte die Einschläge in der Ferne. In gewissem Maße hätten sich die Ukrainer daran gewöhnt, sagte die Tennisspielerin in Paris. Doch seien sie „irritiert, ängstlich und echt wütend“. Trotz dieser emotionalen Gemengelage blieben „die Leute auch sehr resilient“, sagte Kostjuk: „Und das ist etwas, das man sicher von ihnen lernen kann.“
Marta Kostjuk bei French Open: "Mutter und Schwester wären tot"
Am Morgen verfehlt eine russische Rakete nur knapp ihr Elternhaus in Kiew. Am Mittag gewinnt Marta Kostjuk bei den French Open das „schwierigste Match“ ihres Lebens. Die Ukrainerin kämpft gegen das Vergessen.











