PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungVölkerkundeWenn deutsche Wissenschaftler zum Judenboykott aufrufenStand: 11:31 UhrLesedauer: 3 MinutenWELT-Autor Alan PosenerQuelle: Claudius Pflug/WELTMögen andere Länder noch so viele Verbrechen begehen – Forscher in Deutschland setzen am liebsten Israel auf die Anklagebank. Jüngstes Beispiel: ein fragwürdiger Beschluss der Völkerkundler.Die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde heißt seit einigen Jahren politisch korrekter Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSK). Der Namenswechsel kann aber nicht über Kontinuitäten hinwegtäuschen. So blieb die Leitung bis weit in die 1960er-Jahre hinein in der Hand von Männern, die Karriere gemacht hatten, als die Völkerkunde der Rassenlehre und dem Antisemitismus der Nazis zuarbeitete.Unter postkolonialen Vorzeichen lebt diese Kontinuität wieder auf. Bei ihrer jüngsten Mitgliederversammlung „empfahl“ die Gesellschaft ihren Mitgliedern die „kritische Überprüfung institutioneller Kooperationen mit israelischen Universitäten und Forschungseinrichtungen“. Kein anderes Land wird von den deutschen Völkerkundlern derart stigmatisiert: nicht Russland, China, der Iran, die autoritären arabischen Staaten, nicht der Sudan, wo ein Völkermord ungeheuren Ausmaßes im Gange ist, nicht Tansania, wo die Opposition abgeschlachtet wird. Nicht Donald Trumps Amerika, wo die Forschungsfreiheit in Gefahr ist. Nur der jüdische Staat.Der Vorstand der DGSK redet sich darauf hinaus, dass in einer zweiten Resolution grundsätzlich der kritische Umgang mit der internationalen wissenschaftlichen Kooperation empfohlen werde. Ein Feigenblatt, solange nichts daraus folgt als der Boykott Israels. Auch werde explizit die individuelle Kooperation mit israelischen Wissenschaftlern nicht ausgeschlossen. Erst recht ein Feigenblatt: als würde etwa eine Professorin der Hebrew University in Jerusalem oder der University of the Negev in Beerscheba mit einer deutschen Einrichtung zusammenarbeiten wollen, die ihren Staat und ihren Arbeitgeber derart sonderbehandelt. Es handelt sich um einen akademischen Judenboykott.Lesen Sie auchNun steht es der DGSK selbstverständlich frei, in die Fußstapfen ihres Gründungsdirektors Fritz Krause zu treten, der schon in den 1920er-Jahren Kulturrassist war und später der NSDAP beitrat. Es steht den angeschlossenen Institutionen selbstverständlich frei, der Boykottempfehlung zu folgen, so auch dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Freien Universität Berlin, wo die Studenten lautstark „Academic Boycott Now!“ fordern. Wer aber gegen jüdische Wissenschaftler diskriminieren will, darf sich nicht empört auf die Freiheit der Wissenschaft berufen, wenn ihm der deutsche Staat die Mittel entzieht. Im Gegenteil: Der freiheitliche Staat darf Institutionen nicht finanzieren, die Juden ausgrenzen.Wenn es um Israel geht, verrutschen eben leicht die Maßstäbe. Allerdings auch aufseiten der Freunde des jüdischen Staates. Wenn etwa Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) die Leugnung des Existenzrechts Israels zum Straftatbestand machen will, geht er zu weit. Die Gedanken sind frei – oder sollten es sein. So schlägt der in Israel geborene Publizist Omri Boehm anstelle des jüdischen Staates einen binationalen, föderalen Staat für Juden und Araber in Palästina vor. Man mag ihn für naiv, sogar gefährlich naiv halten: Strafbar sollte seine Meinung nicht sein. Ebenso wenig wie es strafbar sein darf, Wladimir Putin zuzustimmen, wenn er das Existenzrecht der Ukraine als Nation anzweifelt; der spanischen Regierung, die bis heute den abtrünnigen Staat Kosovo nicht anerkennt; der Regierung in Peking, die Taiwan lieber heute als morgen annektieren würde; oder Donald Trump, wenn er – je nach Laune – Grönland, Kanada oder Panama den USA einverleiben will. Boykotte gegen israelische Akademiker widersprechen der Wissenschaftsfreiheit. Einschränkungen dessen, was öffentlich gedacht werden darf, widersprechen der Freiheit der Rede. Wehret den Anfängen!