Interview«Statistisch gesehen halte ich es für unwahrscheinlich, dass das Leben auf der Erde das einzige ist», sagt der Astrophysiker Sascha Quanz im InterviewAm Freitag hat die amerikanische Regierung eine zweite Tranche der geheimen Ufo-Akten des Pentagons veröffentlicht. Hobby-Astronomen weltweit sehen sich bestätigt, dass wir nicht die Einzigen sind da draussen. Ist das vielleicht gar nicht so abwegig?24.05.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenGibt es andere Lebewesen da draussen? Der Astrophysiker Sascha Quanz sucht nach Hinweisen für Leben ausserhalb unseres Sonnensystems.Maya & Daniele für NZZaSSeit Donald Trump die Ufo-Akten des Pentagons veröffentlicht hat, laufen die Internetforen der Alien-Fans wieder heiss. Aber was ist eigentlich verrückter: an Aliens und Ufos zu glauben – oder daran, dass wir das einzige Leben im Universum sind?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jeder hat natürlich ein Recht auf seine eigenen Vorstellungen. Aber wissenschaftlich gesprochen?Ja, bitte!Bis jetzt wissen wir nur, dass die Erde der einzige Platz im ganzen Universum ist, wo es Leben gibt. Wir haben auch nirgendwo Hinweise auf anderes Leben gefunden. Auch keine Aliens, sorry . . .Sollte uns das eher enttäuschen oder beruhigen? Die Crux an der Sache ist: Wir können auch nicht mit Sicherheit wissen, dass es da draussen kein weiteres Leben gibt. Diesen Beweis kann man nie führen, weil das Universum einfach zu gross ist. Aber: Statistisch gesehen halte ich es für unwahrscheinlich, dass das Leben auf der Erde das einzige Leben ist.Moment: Sie gehen also doch davon aus, dass es irgendwo Aliens gibt?Na ja, die Frage ist, wovon sprechen wir bei Aliens? Von kleinen, grünen Menschlein, die es mit Technologie geschafft haben, ihren Planeten zu verlassen und zur Erde zu reisen? Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Aber eine Form von Leben wie etwa Mikroben? Da bin ich ziemlich optimistisch, dass wir das finden werden.Warum sind Sie sich da so sicher? Alles Leben, das wir auf der Erde kennen, hat denselben Ursprung. Es ist vor zirka 4 Milliarden Jahren entstanden und nie weggegangen. Es bevölkert jede Nische unseres Planeten. Wir können Leben in der Luft nachweisen, auf dem tiefsten Ozeanboden. Es hat die Erdatmosphäre komplett verändert. Es ist extrem robust und anpassungsfähig. Warum sollte das nur ein einziges Mal stattgefunden haben, hier auf der Erde? Das fände ich sehr, sehr seltsam.Sascha QuanzDer Astrophysiker Sascha Quanz forscht zur Entstehung von neuen Planetensystemen und sucht nach Leben ausserhalb unseres Sonnensystems. Er ist seit 2019 Professor für Exoplaneten und Habitabilität an der ETH Zürich. Zudem ist er stellvertretender Direktor des Centre for Origin and Prevalence of Life sowie Co-Leiter der Space-Initiative, mit der die ETH ihre Weltraumforschung und -lehre ausbauen will. Quanz studierte Physik an der Universität in Heidelberg, promovierte am Max-Planck-Institut für Astronomie und war einige Jahre als Unternehmensberater bei McKinsey tätig.Warum muss uns das überhaupt interessieren? Es kann uns doch eigentlich herzlich egal sein. Wir haben ja genug damit zu tun, das Leben auf unserem Planeten zu erhalten.Die unmittelbare Antwort ist: Wir machen es aus naturwissenschaftlicher Neugier. Wir wollen wissen, ob es da draussen irgendwo Leben gibt. Denn wenn wir besser verstehen, unter welchen Bedingungen Leben stattfinden kann, können wir auch besser nachvollziehen, wie es überhaupt entsteht. Aber ich glaube, es gibt noch ein grösseres Warum.Das wäre?Das Reflektieren darüber, was Menschheit bedeutet.Und? Was bedeutet Menschheit?Für genau die Antwort bin ich eben auf der Suche. Aber wir könnten mal damit anfangen, dass es – nach jetzigem Wissensstand – nur einen einzigen Ursprung von Leben auf der Erde gibt. Jeder Baum, jeder Pilz, jedes Tier, jeder Einzeller, letztlich alles kommt von demselben Ursprung. Wir haben alle DNA, unsere Zellen funktionieren gleich, die Energiegewinnung ist mehr oder weniger überall identisch.Sie wollen sagen, dass wir und der Einzeller gar nicht so anders sind?Vom Ursprung betrachtet. Und Evolution unterliegt auch immer dem Zufall. Als Beispiel: Hätte damals dieser Asteroid vor 66 Millionen Jahren die Erde nicht getroffen, wären wir heute wahrscheinlich Dinosaurier oder Echsen. Man kann die Evolution des Lebens nicht von der Evolution des Planeten selber trennen. Die Frage ist, ob schon die Entstehung von Leben ein Zufall war. Oder eine logische Konsequenz aus naturwissenschaftlichen Gesetzen, wenn die richtigen Bedingungen herrschen.Und wonach suchen Sie genau, wenn Sie nach Leben im All suchen?Jede Form von Leben hinterlässt Spuren in der Atmosphäre eines Planeten. Und durch die Analyse des Lichtes, das Planeten aussenden, können wir sogenannte Signaturen in den Atmosphären untersuchen, die Hinweise auf Leben sein können. Also Moleküle wie zum Beispiel Methan oder Sauerstoff. Denn diese haben die Eigenschaft, bestimmte Wellenlängen zu absorbieren.Das klingt sehr kompliziert. Können Sie das genauer erklären?Nehmen wir Kohlendioxid von der Erde als Beispiel: Es gibt natürliches Kohlendioxid sowie menschengemachtes CO2. Das sorgt ja dafür, dass es auf der Erde wärmer wird. Das bedeutet nichts anderes, als dass das Kohlendioxid in der Atmosphäre die Wärmestrahlung der Erde absorbiert und nicht in den Weltraum rauslässt. Wenn wir jetzt Exoplaneten untersuchen – also Planeten, die um andere Sterne kreisen –, machen wir genau das Umgekehrte: Wir messen die Strahlung, die aus der Atmosphäre rauskommt. Wenn da zum Beispiel CO2 enthalten ist, dann fehlt Licht bei den Wellenlängenbereichen, die vom CO2 absorbiert werden. So können wir zusammenpuzzeln, wie die Atmosphäre zusammengesetzt sein muss. Und können eben auch nach diesen sogenannten Biosignaturen suchen, also Gasen, von denen wir wissen, dass es sie auf der Erde nur gibt, weil es Leben gibt.Welche sind das? Ganz konkret suchen wir nach Spuren von Sauerstoff und Methan. Denn Sauerstoff wird von unseren Pflanzen produziert und Methan wird von Mikroben ausgestossen, die eine der frühsten Lebensformen waren auf der Erde.Es gibt Abertausende Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems. Wo fängt man da an?Angestossen von Didier Queloz, der den ersten Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems gefunden und zusammen mit Michel Mayor den Physik-Nobelpreis dafür gewonnen hat, wissen wir nach dreissig Jahren Exoplanetenforschung, dass eigentlich statistisch gesehen jeder Stern einen Planeten haben muss. Stand heute kennen wir über 6000 Exoplaneten, die meisten davon sind allerdings grosse Gasriesen wie Jupiter oder sie kreisen sehr nah um ihren Stern. Deshalb suchen wir nach erdähnlichen Planeten. Also ungefähr gleiche Grösse, gleiche Masse und ungefähr den gleichen Abstand zu ihrem Stern wie die Erde zur Sonne. Denn da hat es ja schon einmal geklappt mit der Entstehung von Leben.Was ist aber, wenn es dort Leben gibt, das andere Spuren hinterlässt als auf der Erde? Das zum Beispiel kein Wasser braucht?Das können wir nicht ausschliessen. Aber das ist genau der Punkt: Es gibt keine andere Theorie des Lebens im Moment. Und wer weiss, vielleicht gibt es eben doch ein universelles Rezept. Denn es gibt gute Gründe für die Bausteine, welche sich das Leben ausgesucht hat. Wasser ist ein super Lösungsmittel. Und es gibt viel Wasser im Universum, das wissen wir. Kohlenstoff ist ein super Element für Kohlenstoffketten und organische Bindungen.Haben Sie die Ufo-Akten, die Trump veröffentlichen liess, angeschaut? Ist da etwas Interessantes dabei für Ihre Forschung? Ich habe jetzt nicht alle Akten durchgesehen, hatte aber nicht den Eindruck, dass da viel Neues dabei ist. Es mag einzelne Phänomene gegeben haben, die wir vielleicht nicht direkt erklären können. Das heisst aber nicht, dass da ein Raumschiff vorbeigeflogen ist.«Warum sollte das bei uns nur ein einziges Mal stattgefunden haben, hier auf der Erde? Das fände ich sehr, sehr seltsam.»Maya & Daniele für NZZaSSondern? Haben Sie eine plausible Erklärung?Ach, das kann alles Mögliche sein, von unbekannten atmosphärischen Phänomenen bis zu instrumentellen Artefakten. Aber nach Ufos zu suchen wäre sowieso eher eine Aufgabe für meine Kolleginnen und Kollegen, die mit Radioteleskopen ins All lauschen und da draussen nach Nachweisen für Intelligenz suchen.Das interessiert Sie nicht?Eine entsprechende Entdeckung wäre ein bahnbrechender Erfolg. Aber mir scheint die Suche nach biologischen Nachweisen erfolgversprechender. Die Biosignaturen, nach denen wir suchen, gibt es seit 2 Milliarden Jahren in der Atmosphäre. Für einen erfolgreichen Nachweis für Intelligenz hingegen müssten beide Zivilisationen – sollte es eine andere Zivilisation geben – technologisch ungefähr zur selben Zeit auf einem vergleichbaren Stand sein. Und dieser Zeitraum ist verschwindend klein. Das Universum existiert seit Milliarden von Jahren, den Menschen gibt es erst seit rund 300 000 Jahren, und erst seit wenigen Jahrzehnten senden wir überhaupt starke Radiosignale ins All. Und wahrscheinlich kommunizieren wir in 100 Jahren schon nicht mehr mit Radiowellen. Da eine Überlappung zu finden, erscheint mir sehr unwahrscheinlich.Wo steht Ihre Mission, die Life-Mission, momentan?Noch relativ am Anfang. Wir haben unsere Mission 2019 der Europäischen Raumfahrtagentur vorgeschlagen, und die Idee wurde zwei Jahre später auch als eine Top-Priorität für ein zukünftiges Science-Programm der ESA aufgenommen. Aber seither ist kaum etwas passiert. Deshalb suchen wir nach alternativen Wegen, um aus der Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Der nächste Schritt für uns ist nun, ein Prototyp-Teleskop zu bauen. Denn um diese kleinen Exoplaneten eben direkt abbilden zu können und ihre Atmosphären zu analysieren, braucht es ein Teleskop, das deutlich grösser ist als das James-Webb-Space-Teleskop. Ein so grosses Teleskop ist aber zu gross, um es in einer Rakete ins Weltall zu bringen. Deshalb ist die Idee, mehrere transportierbare Teleskope im Weltraum zu einem grossen zusammenzuschliessen.Das klingt sehr herausfordernd und sehr teuer. Ein solches Teleskop gibt es zwar noch nicht, physikalisch spricht aber nichts dagegen. Es ist vor allem eine Frage des Fundings und der Priorisierung. Für die Entwicklung bis zum Betrieb des Prototypen brauchten wir wohl ein paar Dutzend Millionen.Und für die ganze Mission? Wahrscheinlich ein paar Milliarden, verteilt auf fünfzehn Jahre.Das ist ziemlich viel Geld.Ja, diese Zahl erscheint sehr gross. Aber zum Vergleich: Allein die Schweizer Bevölkerung hat 2024 geschätzt mehr als 3 Milliarden Franken für Tabak- und Nikotinprodukte ausgegeben.Was glauben Sie denn, würde passieren, wenn wir tatsächlich Leben im All finden würden?Es gibt Astrosoziologen, die setzten sich damit tatsächlich auseinander. Aber ich denke, es kommt stark darauf an, auf welche Art von Leben wir im All stossen, welche Art von Signaturen wir finden. Also wenn wirklich das Raumschiff kommt und wir einen Moment der technologischen Unterlegenheit erleben sollten, würde das wahrscheinlich etwas mehr mit uns machen, als wenn wir eine Art Mikroben finden, die Lichtjahre von uns entfernt sind. Also unser Alltag wird sich dadurch nicht ändern.Aber dennoch: Die Entdeckung des Weltalls ist ja auch unabhängig von Ufos eine Geschichte der permanenten Kränkung des Menschen. Sie meinen, weil wir anerkennen mussten, dass nicht alles um die Erde kreist, sondern wir nur ein winziger Teil in einem gigantischen Universum sind? Das Verständnis, dass wir irgendwas Besonderes sind, ist ein tief menschliches. Aber es ist kein naturwissenschaftliches. Weil, wie gesagt, wir hätten genauso gut Dinosaurier bleiben können. Wir Menschen sind nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Zeitgeschichte. Und das ist auch ein bisschen die Hoffnung mit unserer Mission: dass wir auch ein neues Verständnis unseres Weltbildes erzeugen können. Eines, das uns mehr zusammenbringt.Damit sind Sie aber die grosse Ausnahme. Im Wettlauf um das Weltall scheint es gerade wieder sehr um nationalistische Tendenzen, Machtdemonstration oder individuellen Grössenwahn zu gehen: Elon Musk mit seiner Marsmission, China und die USA, die um die nächste Mondlandung konkurrieren. Es scheint, als wären wir zurück im letzten Jahrhundert.Der Weltraum hat eine enorme Bedeutung für Verteidigung und Kriegsführung. Heute noch viel stärker als früher. Deshalb geht ja letztlich auch ein Grossteil der Budgets, die für Raumfahrtprogramme weltweit gesprochen werden, in Verteidigungsmassnahmen und Intelligence. Aber das war schon bei Apollo so, das war ein politisch motiviertes und kein Wissenschaftsprogramm. Auch wenn viele andere Bereiche davon profitieren konnten, ging es im Grunde um den Kampf von Systemen. Und da sind wir in der Tat heute wieder. Umso wichtiger finde ich es, dass wir da einen Kontrapunkt setzen können mit einer Mission, die die Menschheit verbindet. Und in der Schweiz sind wir dafür in einer sehr guten Lage. Also nicht nur, weil wir den ersten Exoplaneten gefunden haben und es hier die nötigen Industrien, sehr gute Ausbildungssysteme und auch Geld gibt. Sondern auch wegen der diplomatischen Rolle, die wir in der Welt spielen.Wann rechnen Sie damit, dass man technologisch so weit ist, dass man theoretisch Leben im All oder auf Exoplaneten feststellen könnte?Das ist nur eine Frage der Priorität. Und letztlich eine der Mittel, die man zur Verfügung hat. Die Technologie, die man dazu braucht, ist zwar noch nicht unmittelbar verfügbar, aber das ist ein reines Engineering-Problem. Deshalb glaube ich, sind die fünfzehn Jahre, die wir uns gegeben haben, nicht komplett verrückt . . .. . . also für Laien klingt das schon etwas verrückt. Es ist sicher super ambitioniert und wäre jenseits dessen, was man im normalen Raumfahrtprogramm schafft. Aber das liegt vor allem daran, dass diese traditionellen Raumfahrtprogramme der Agenturen ein ganz anderes Risikomanagement haben müssen und die Prozesse deshalb sehr langwierig sind.Ist das eine Berufskrankheit oder Naturell, Ihr unbeugsamer Optimismus?Mit Pessimismus kommt man in unserem Feld tatsächlich nicht sehr weit. Natürlich kann man mit so einer Mission scheitern. Wer weiss, ob wir das Teleskop je bauen können. Aber darum geht es am Ende gar nicht. Die Idee und die Vision verschwinden ja nicht, nur weil wir ein Ziel nicht bis 2040 erreichen. Dieser Gedanke ist jetzt in der Welt und geht auch nicht mehr weg.Was, wenn Sie das nicht mehr selber erleben werden? Kein Problem. Es geht ja nicht um mich. Ich bin ja auch nur ein Wimpernschlag.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel