„Anfangs habe ich noch versucht, es zu beschönigen, vor Freunden oder den Nachbarn“, erinnert sich Conny Fichtner an die beginnende Demenzerkrankung ihrer Mutter. „Vielleicht wollte ich es selbst nicht wahrhaben.“ Christine Friebel neben ihr kennt die Situation gut: „Sich die Krankheit der eigenen Mutter einzugestehen, ist schwer.“ Sie sitzen auf der Terrasse der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz in Oberasbach bei Fürth. Aus dem Wohnzimmer hinter ihnen klingt leise der Fernseher. Die beiden Frauen haben ihre demenzkranken Mütter zunächst selbst gepflegt.„Wir haben immer gesagt, solange sie für uns und andere keine Gefahr darstellt, pflegen wir sie zu Hause“, sagt Friebel. Als ihre Mutter mit fortschreitender Krankheit wiederholt orientierungslos das Haus verlässt, wird die Betreuung aber schwierig. Zwar gebe es mittlerweile Möglichkeiten, den Standort der Betroffenen im Blick zu behalten, beispielsweise über einen Airtag. „Aber da guckt man auch ständig, wo sie ist“, sagt Friebel.Im Wohnzimmer schiebt Bewohnerin Anni ihren Rollator langsam am Fernseher vorbei. „Na, ihr seid aber gut aufgelegt“, bemerkt sie trocken. Der Bildschirm zeigt die „Peter Alexander Show“ aus der Mediathek. Traudel, Heidi und Ingrid sitzen auf dem Sofa und singen leise, aber textsicher mit. Hier sind alle per Du und wollen in der Zeitung nur mit Vornamen genannt werden. Die alten Lieder haben die drei trotz der Krankheit gut im Gedächtnis.Seit Juni 2025 lebt auch Friebels 84-jährige Mutter Leni in der Wohngemeinschaft. Zehn Menschen mit Demenz teilen sich das große Haus mit Garten. Die WG ist selbstgesteuert, das heißt, die Mieter und ihre Angehörigen entscheiden über alle Angelegenheiten des Zusammenlebens. Jeder kann sein Zimmer selbst einrichten und den eigenen Alltag soweit möglich selbst gestalten.Notstand in der Pflege:Im Alter in die WGIn Randersacker teilen sich neun alte Menschen eine Wohnung. Ein Pflegedienst betreut sie rund um die Uhr. Über eine Wohnform zwischen Heim und eigener Wohnung, die immer beliebter wird.Die Demenz-WG in der Schillerstraße in Oberasbach ist eine von 92 im Freistaat. Angebote solcher Pflege-WGs stiegen laut Daten der Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen zuletzt stetig. Frei verfügbare Plätze finden sich auf der Internetseite der Fachstelle.Jede Zimmertür ziert der Name des jeweiligen Bewohners. Rudi ist seit 2024 Teil der Wohngemeinschaft. Stolz präsentiert er seine Einrichtung: Neben einem schmalen Bett gibt es einen großen, bequem aussehenden Sessel und ein Bücherregal. Dass der ehemalige Pfarrer gerne liest, ist nicht zu übersehen.Die Angehörigen sind als Verein und in einem Gremium organisiert, das sich einmal im Monat trifft. Ein Pflegedienst kümmert sich rund um die Uhr, Physiotherapeutin oder Friseur kommen ins Haus. Die Angehörigen und der Pflegedienst binden die Bewohner in möglichst viele Haushaltsaufgaben ein, sei es Gemüse putzen, Wäsche falten oder Gärtnern.Denn wenn die Hände arbeiten, hat der Kopf Pause. Angehörige und ihre demenzkranken Eltern haben hier eine kleine Oase inmitten des Vergessens gefunden.Wenn die Hände arbeiten, hat der Kopf Pause: Einmal im Monat treffen sich Angehörige und WG-Bewohner und verrichten Gartenarbeit oder räumen auf. Foto: privatEin Rundweg führt durch den Garten um das Haus auf die sonnige Terrasse. In zwei Haltestellen mit Bank lässt sich in aller Ruhe auf den Bus warten. Mit der Linie 72 geht es nach Zirndorf oder in die andere Richtung nach Fürth-Süd. „Viele der Bewohner sind früher mit dem Bus zum Einkaufen gefahren“, erklärt Fichtner. Auch wenn die Haltestellen nicht echt sind, kann so ein Gefühl der Eigenständigkeit und Normalität entstehen.Nur eins wurde bemängelt: der fehlende Fahrplan. „Man weiß ja gar nicht, wann der Bus kommt“, beschwerte sich Bewohnerin Traudel unlängst.Ein Bus kommt hier keiner, dafür findet man nette Gesellschaft. Rudi und Heidi an der fiktiven Bushaltestelle „Schillerstraße West“. Foto: privatDie Angehörigen können hier etwas Verantwortung abgeben, bleiben aber nah dran an ihren Liebsten. Das ist das Besondere in der Schillerstraße. Die Last verteilt sich auf mehrere Schultern und sie können die gemeinsame Zeit mehr genießen. Als Friebel für ein paar Tage wegfahren wollte, war sie sehr dankbar für die Unterstützung der Wohngemeinschaft. Fichtner erzählt: „Wir haben damals gesagt: Du fährst. Wir sind da. Wir machen das.“ Für die Angehörigen bedeutet das eine enorme Entlastung.Nicht nur die demenzkranken Eltern haben hier ein echtes Zuhause gefunden, auch für ihre Kinder ist die WG ein Netzwerk, das hilft und auffängt. Wenn Friebel sich an die Pflege ihrer Mutter zu Hause erinnert, sagt sie, sie hätten damals viel ausgehalten. „Mit der WG gab es wieder eine Perspektive, wie es weitergehen kann.“Die Warteliste für die Demenz-WG ist lang, doch derzeit stehen zwei Zimmer leer. Die Eigentümerin möchte das Haus leer verkaufen. Foto: privatDoch das kleine Paradies ist in Gefahr. Die Hauseigentümerin Petra Schütz, die das Projekt 2009 selbst ins Leben rief, möchte verkaufen. „Grundsätzlich liegt mir die WG am Herzen“, sagt Schütz. „Aber ich möchte mich aus der Vermietung zurückziehen.“ Freie Zimmer werden deshalb nicht neu vermietet. Am Haus sind vereinzelt Nachbesserungen nötig. Die Jalousie im Wohnzimmer klemmt und die Beleuchtung in den Gemeinschaftsräumen ist kaputt. Im Garten lockern sich die Wegplatten. Zweimal sei es deswegen schon zu Unfällen gekommen. Die Vermieterin habe auch nach schriftlicher Aufforderung durch den Anwalt nichts repariert, sagt Fichtner.Wenn die leeren Zimmer trotz Warteliste nicht neu vermietet und die Bewohner immer weniger werden, steigen die Kosten für alle Verbliebenen. Ziel der Vermieterin ist es, die Immobilie leer zu verkaufen. Schütz hofft auf einen Erlös von 900 000 Euro für das Haus. Der Preis basiert auf der Schätzung einer Maklerin. „Wirklich helfen würde uns ein unabhängiges Gutachten, um den Wert des Hauses selbst einschätzen zu können“, sagt Friebel.Pflege-WGs hängen stark von einem guten Kontakt zu ihrem Vermieter ab. Wie können sie sich gegen dieses Risiko absichern? Das sei schwierig, sagt der Anwalt des Vereins, Bernd Hausel. Um die Vermietung freier Zimmer zu sichern, hätte der Verein das Haus als Ganzes mieten und einzelne Verträge mit den Mietern abschließen können. „Bei einer Neugründung sollte das Vertragsverhältnis über eine lange Dauer gewährleistet sein, um nicht an der Stimmungslage des Vermieters zu hängen“, sagt Hausel.Trotz aller Widrigkeiten sind sich die Angehörigen einig: „Wir bleiben, bis der letzte geht!“ Ein Pflegeheim sei keine Alternative. Was den Bewohnern in der WG geboten wird, sei im Heim nicht möglich. Dort seien oft zwei oder drei Pflegekräfte für über 20 Menschen zuständig.Der Verkauf geht uns allen immer mehr an die Substanz.Christine Friebel, Tochter einer demenzkranken WG-Bewohnerin„Der Verkauf geht uns allen immer mehr an die Substanz“, sagt Friebel. Zudem ist ein Umzug bei Demenz oft mit einem Krankheitsschub verbunden. Wenn die gewohnte Umgebung wegbricht, ist das für viele eine große Katastrophe. Friebel und ihre Familie haben deshalb beim Umzug in die WG das neue Zimmer ihrer Mutter Leni haargenau so eingerichtet wie zu Hause. „Wir haben alles abfotografiert und geschaut, dass alle Bilder genauso hängen wie bisher.“ Der Umzug hatte auf lange Sicht trotzdem positive Auswirkungen. Leni ist mittlerweile lieber hier als bei ihrer Tochter Zuhause.Für die Angehörigen ist die Wohngemeinschaft zum Herzensprojekt geworden. Sie gestalten den Garten, organisieren den Essensplan und Unterhaltung wie Sitztanz oder eine Märchenstunde. Fichtners Mutter ist vergangenen Dezember verstorben. Drei Jahre hat sie in der Schillerstraße gewohnt. Fichtner kommt auch weiterhin regelmäßig in die WG. „Wir sind wie eine große Familie und unterstützen uns gegenseitig. Deshalb ist der Kampf auch so groß, hierzubleiben.“
Oberasbach: Wie eine Demenz-WG Angehörigen das Leben erleichtert - und warum das Aus droht
In Oberasbach haben Angehörige für ihre demenzkranken Eltern einen Ort geschaffen, an dem diese selbstbestimmt und würdevoll leben können. Doch nun droht dem Projekt das Aus.






