Laufen im Ultrasport Frauen den Männern den Rang ab?Ob beim Rennen, Schwimmen oder Radfahren: In letzter Zeit häufen sich die Siege von Frauen in extremen Ausdauerwettkämpfen. Warum der Mythos des starken Mannes wackelt.24.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer beste Mann kam erst knapp anderthalb Stunden nach ihr ins Ziel: Rachel Entrekin gewinnt einen Ultralauf über 250 Meilen.PD Norda / Somer KreismanRachel Entrekin läuft irgendwo im Niemandsland von Arizona, ein Mann ist ihr auf den Fersen, Kilian Korth. Der Abstand wird gross und grösser, doch Fachleute, die den Live-Stream dieses Ultramarathons kommentieren, sind überzeugt: Am Ende wird Korth siegen. Entrekin wird von Begleitern darüber informiert. Sie sagt sich: «Warum gehen die einfach davon aus, dass ich einbreche?» Das sei doch irgendwie sexistisch. «Und dieser Gedanke half mir, in meinem Innern zu den Zweiflern zu sagen: ‹Heute nicht!›»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das erzählt die 34-Jährige, als sie das Ziel des Cocodona 250 erreicht hat, eines Rennens über 250 Meilen (402 km) mit über 12 000 Höhenmetern. Das ist, als wäre sie entlang der Autobahn von Chur nach Genf gelaufen und hätte dabei den Mount Everest und gleich auch noch den Titlis überwunden. Das alles in etwas mehr als 56 Stunden und mit nur 19 Minuten Schlaf. Nie zuvor war ein Mensch diesen Ultramarathon so schnell gelaufen. Korth kam mit fast anderthalb Stunden Rückstand ins Ziel.Dass Frauen auf sehr langen Distanzen Männer besiegen, kommt in jüngster Zeit öfter vor: In zwei der letzten fünf Radrennen quer durch die USA siegten Frauen, im Ultraschwimmen halten Frauen diverse Weltrekorde, und Anfang Mai distanzierte die Schweizer Triathletin Eva Hürlimann sämtliche Männer, als es darum ging, die zehnfache Ironman-Distanz zurückzulegen (38 km Schwimmen, 1800 km Radfahren, 422 km Laufen).Das scheint eine Theorie zu stützen, die bereits in den 1980er Jahren diskutiert wurde: dass die Überlegenheit biologischer Männer mit zunehmender Distanz schwindet und irgendwann die Frauen vorne sind. Erleben wir gerade diesen Kipppunkt? Jana Strahler, die am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Freiburg den Bereich Sportpsychologie leitet, ist da eher skeptisch: «Neuere Studien zeigen, dass auch im Ultrabereich die Differenz von 8 bis 12 Prozent zugunsten der Männer nicht unbedingt aufgehoben wird.»Physiologisch sind die Männer im VorteilBiologische Männer haben physiologische Vorteile, die zu einem grossen Teil darauf zurückzuführen sind, dass ihr Körper das männliche Sexualhormon Testosteron in viel grösseren Mengen produziert. Sie sind kräftiger, sie haben grössere Herzen, grössere Lungen und produzieren mehr rote Blutkörperchen, was wiederum die maximale Sauerstoffaufnahme begünstigt. Das ergibt den von Strahler erwähnten Leistungsvorteil, der in der Leichtathletik vom 100-m-Sprint bis zum 24-Stunden-Lauf mehr oder weniger konstant bleibt.Allerdings wird die Datenbasis mit zunehmender Distanz immer schmaler, an Ultraläufen wie dem Cocodona 250 starten nur wenige Leute, und die Männer sind immer noch klar in der Überzahl. Hinzu kommt, dass bei derart extremen Ausdauerprüfungen nicht unbedingt die Physiologie entscheidet. Die Wissenschafterin Strahler sagt dazu: «Wir sind in Extrembedingungen, und dadurch wird Leistung kontextabhängig.»Es geht nicht mehr darum, wer physiologisch am besten ist. Vielmehr zählt, wer es schafft, trotz Schlafentzug und Hitze oder Kälte seine Leistung über viele Stunden oder mehrere Tage stabil aufrechtzuerhalten. «Das kann dazu führen, dass Frauen in einzelnen Rennen nicht nur konkurrenzfähig sind, sondern eben auch Männer schlagen», sagt Strahler.In welch extremen Bereichen sich Ultrasportlerinnen bewegen, hat Rachel Entrekin am Tag nach der Zielankunft des Cocodona 250 beschrieben. Nach rund 200 Meilen sei sie im Laufen eingeschlafen. Das sei für sie das Signal gewesen, eine Pause einzulegen. Die Athletin legte sich für einen fünfminütigen Power-Nap direkt neben der Strecke hin und fühlte sich danach wie eine neue Frau. Später schob sie zwei weitere Schlafpausen von je sieben Minuten ein.Mit zunehmender Distanz hatte sie Halluzinationen. Entrekin sah unter anderem einen sich immer wieder verwandelnden Vogel. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, in diesem Zustand fokussiert zu bleiben und konsequent sein Tempo zu laufen. Wie verrückt muss man sein, um all das auf sich zu nehmen? Die Sportpsychologin Strahler sagt: «Meiner Meinung nach sind diese Leute nicht verrückt, sondern das sind Personen, die gelernt haben, in einem Bereich sicher und kontrolliert zu agieren, in den die meisten Menschen gar nicht kommen. Sie sind Gefahrenmanager.»Kann man diese Art von Management lernen? Strahler sagt, es sei wichtig, zum Beispiel auszuprobieren, wie man auf Schlafentzug reagiere. Wie geht es meinem Körper? «Wachstum erleben wir, wenn wir aus der Komfortzone rausgehen», sagt die Wissenschafterin. «Es geht um dieses Spiel, immer ein bisschen in den Grenzbereich zu kommen.» Und das können Frauen so gut lernen wie Männer.Es gibt jedoch auch einige körperliche Faktoren, die für die Frauen sprechen. In einer Studie der University of British Columbia wurden 2017 bei einer Kraftübung Frauen mit Männern verglichen. Dass die Männer mehr Power hatten, überraschte niemanden – doch die Frauen ermüdeten deutlich weniger stark, im Durchschnitt um 15 Prozent. Dieses Ergebnis werde durch andere Untersuchungen gestützt, sagt Strahler.Der Grund dafür liegt in der Zusammensetzung der Muskeln. Frauen verfügen über einen höheren Anteil langsam zuckender Muskelfasern. Diese sind ausdauernd und ermüdungsresistent. Und sie sind gut darin, Sauerstoff zu verarbeiten. Frauen haben zudem generell weniger Muskelmasse und einen kleineren Muskelquerschnitt. «Das bedeutet, dass die mechanische Belastung auf den Körper beim Laufen kleiner ist», sagt Strahler. «Wer leichter ist, zieht sich deshalb mutmasslich weniger Mikroschäden an der Muskulatur zu.»Frauen haben auch den Vorteil, dass sie physiologisch weniger schnell altern. Der Abbau der Kapazität zur maximalen Sauerstoffaufnahme oder der Muskelfunktionen verläuft weniger steil als beim biologischen Mann. Und die Regenerationsfähigkeit bleibt länger erhalten. Die Männer werden schneller schlecht – und die Frauen können näher aufschliessen.Was ebenfalls wissenschaftlich erwiesen ist: Frauen können effizienter Fett oxidieren. Diese Art der Energiegewinnung aus den körpereigenen Fettreserven ist bei Ausdauerprüfungen entscheidend. Warum haben Frauen da einen Vorteil? «Das hat möglicherweise etwas mit den Östrogenen zu tun», sagt Strahler, «von ihnen wissen wir, dass sie bestimmte Enzyme modulieren können, um die Muskulatur bei längerer Belastung effizienter mit Energie zu versorgen.»Östrogen ist ein weibliches Sexualhormon. Kann es sein, dass bei sehr langen Belastungen der Kampf der Hormone kippt, von einem männlichen Testosteron- zu einem weiblichen Östrogen-Vorteil? Das glaubt Strahler nicht. Auch der weibliche Körper produziere Testosteron, je nach Zyklusphase mehr oder weniger. «Aber es bleibt dabei: Wenn Testosteron im Körper ist, dann ist es immer muskelaufbauender, als es das Östrogen jemals sein könnte.»Der weibliche Körper kann besonders gut schwimmenEs wird auch darüber diskutiert, ob der weibliche Körper besonders gut für das Langstreckenschwimmen geeignet ist. Dafür spricht, dass in dieser Disziplin Frauen sogar geschlechterübergreifende Weltrekorde halten. Die Amerikanerin Sarah Thomas schwamm 168 Kilometer am Stück und viermal hintereinander durch den Ärmelkanal. Die Deutsche Nathalie Pohl hält sogar die Bestzeiten auf zwei vergleichsweise kurzen Strecken.Hier könnten die Vorteile beim Körperbau liegen: Frauen haben einen etwas höheren Fettanteil, primär im Bereich von Bauch und Oberschenkeln, was ihre Wasserlage verbessert. Dazu trägt auch bei, dass ihre Extremitäten kürzer sind, weshalb die Beine weniger absinken. Zudem sind die Knochen von Frauen 20 bis 25 Prozent leichter als jene von Männern. All das hilft beim Schwimmen und kann möglicherweise erklären, warum Frauen in dieser Sportart speziell konkurrenzfähig sind.Was man ebenfalls weiss: Frauen geben weniger schnell auf als Männer; in grossen Marathons kommen durchschnittlich 96 Prozent der Männer und 97 Prozent der Frauen ins Ziel. Je garstiger die Bedingungen sind, desto grösser wird der Unterschied. Als 2018 der Boston Marathon bei tiefen Temperaturen, Regen und Wind ausgetragen wurde, stieg die Ausfallquote bei den Männern im Vergleich zum Vorjahr um 80 Prozent, jene der Frauen nur um 12 Prozent.Beide Geschlechter könnten sich mentale Ausdauer aneignen, sagt die Sportpsychologin Strahler. Aber aus der Forschung wisse man, dass Männer und Frauen tendenziell unterschiedliche Coping- und Pacing-Strategien wählten: Bei Männern gehe es um Tempo und kognitive Wettkampfstrategien, bei Frauen um das mentale Belastungstraining: Wie komme ich mit dem Grenzerleben klar? Gerade bei extremen Belastungen sei es wichtig, Ziele zu haben, die zu einem passten. «Wenn du ein Ziel für dich selbst hast, unabhängig von anderen, ist das vielleicht smarter, als wenn du dir sagst: ‹Ich will schneller sein als X.›»Je länger ein Wettkampf dauert, desto mehr Faktoren spielen eine Rolle. «Weibliche Stärke im Ultrabereich ist ein Fakt», sagt Strahler. «Wir sind da eher in einem Überlappungsbereich von Leistung, in dem Biologie und Anatomie vielleicht weniger zählen als psychologische und kontextuelle Faktoren.» Und dann ist die Athletin konkurrenzfähig.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel