Die Goldene Palme in Cannes geht an «Fjord» von Cristian Mungiu. Die heimlichen Gewinner sind jedoch die SchauspielerDer Wettbewerb von Cannes bot dieses Jahr nur wenige formale Überraschungen. Seine stärksten Momente verdankte das Festival stattdessen den Darstellern.Patrick Straumann, Cannes24.05.2026, 11.05 Uhr3 LeseminutenAktualisiertDer rumänische Regisseur Cristian Mungiu erhält die Goldene Palme für sein in Norwegen spielendes Drama «Fjord». Im Hintergrund freuen sich die Hauptdarsteller Renate Reinsve und Sebastian Stan mit ihm.Sarah Meyssonnier / ReutersSind es die Schauspieler, die einem Festival seinen Glanz verleihen? Seine stärksten Momente hatte der diesjährige Wettbewerb von Cannes jedenfalls der Virtuosität der Darsteller zu verdanken. Vielleicht nicht zufällig: Die Auswahl hatte zwar nur wenige Aussetzer, doch Überflieger waren dieses Jahr kaum präsent; auch die formalen Wagnisse fehlten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Entsprechend zahlreich waren die Anwärter auf die «Prix d’interprétation», die Preise für das beste Schauspiel: Bei den Frauen wurden Virginie Efira und Tao Okamoto ausgezeichnet, die Darstellerinnen von Ryusuke Hamaguchis Care-Drama «Soudain».Auch Léa Seydoux hätte eine gute Figur gemacht: In Marie Kreutzers «Gentle Monster» spielt sie eine Musikerin, deren Ehemann wegen Besitzes von Material mit Darstellungen sexuellen Missbrauchs von Kindern auf seinem Computer überführt wird. In Erinnerung bleibt die Inszenierung wegen der Schockwellen, die das Bewusstsein, mit einem «Monster» verheiratet zu sein, durch Seydoux’ Körper jagt.Im Treibsand der KIUnentbehrlich erscheint auch Yana Radeva, die in Valeska Grisebachs «Das geträumte Abenteuer» eine bulgarische Archäologin verkörpert, die sich tagsüber um ihre Grabungen kümmert und abends mit der lokalen Mafia in Konflikt gerät. Der Darstellerin verdankt die deutsche Regisseurin vermutlich den Jurypreis: Die Gefahren weglächelnd, im Gang stets schlendernd, verleiht Radeva dem Film eine nachgerade traumwandlerische Dimension.Bei den männlichen Darstellern stach Javier Bardem in «El ser querido» von Rodrigo Sorogoyen hervor. Der spanische Star spielt Esteban Martínez, einen Erfolgsregisseur aus Madrid, der seiner amerikanischen Karriere zwei Oscars verdankt und sein Werk nun in seiner Heimat fortsetzen will.Wie die minutenlange, fesselnde Eingangsszene erahnen lässt, wird sich Martínez’ explosive Kraft später in einer selbstzerstörerischen Dynamik auf die Dreharbeiten abfärben. «El ser querido» ist ein eloquentes Plädoyer gegen die Tyrannei des genialen, solitären Künstlers – Bardem schenkt der einst gefeierten Figur einen melancholischen Abgesang.Der Preis ging schliesslich an Emmanuel Macchia und Valentin Campagne, die für ihre bewegende Darstellung eines Soldatenpaares in Lukas Dhonts «Coward» ausgezeichnet wurden. Dennoch erscheint die magnetische Performance des Spaniers symptomatisch für eine akut zeitgenössische Problematik: Relevanter als das moralische Profil einer Rolle ist, so könnte man zusammenfassen, deren Glaubwürdigkeit.Die besten Schauspieler: Emmanuel Macchia (links) und Valentin Campagne wurden für ihre Arbeit in «Coward» ausgezeichnet.Sébastien Nogier / EPAAngesichts der technischen Veränderungen im filmischen Produktions- und Vertriebsprozess sind es die Akteure, die die Kunstform vor dem drohenden Verlust des Wirklichkeitsbezugs retten können. Kurz: Will die Filmindustrie nicht im Treibsand der künstlichen Intelligenz untergehen, täte sie gut daran, auf die Schauspieler zu setzen.Die Fronten in «Fjord» sind unterkühltSebastian Stans Figur in «Fjord» ist jedenfalls einem «natürlichen» Darstellungsprozess zu verdanken. Cristian Mungius Drama gewann dieses Jahr den Hauptpreis; es ist die zweite Goldene Palme des Rumänen, der bereits vor knapp zwanzig Jahren mit «4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» den Wettbewerb gewinnen konnte.«Fjord» illustriert den Konflikt zwischen den norwegischen Behörden und einer rumänischen Immigrantenfamilie, deren Modell einer streng religiösen Erziehung den liberalen Prinzipien Skandinaviens diametral entgegensteht. Akut wird die Konfrontation, als der Verdacht aufkommt, die Kinder könnten von den Eltern misshandelt worden sein. Die Faktenlage wird nicht endgültig geklärt, ebenso wenig masst sich Mungiu ein Urteil an. Die unterkühlte Schönheit der nordischen Landschaft lässt allerdings erahnen, dass die Fronten eingefroren sind.Unerwartete Kontraste prägten auch die schönste Produktion, die dieses Jahr an der Côte d’Azur zu sehen war. «Notre salut» vom Franzosen Emmanuel Marre, der mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde, ist ein intimistisches Drama, das während des Zweiten Weltkriegs spielt und in den Alltag eines ambitiösen Beamten in der Kollaborations-Kapitale Vichy eintaucht. Marre zeichnet das Porträt eines willigen Helfers – dessen Verfehlungen umso eklatanter sind, als der Kriegsverlauf auf der Bildebene abwesend bleibt.Seltene schwarz-weisse Archivaufnahmen kollidieren mit der im Off gelesenen Privatkorrespondenz des Protagonisten, die zu verstehen gibt, dass der windige Kollaborateur das gesamte Privatvermögen seiner Frau in den Vorkriegsjahren veruntreut hat. Zusammengehalten wird die Inszenierung vom Hauptdarsteller Swann Arlaud, dessen hypnotisches Spiel der Rolle eine ungeahnte Tiefe verleiht.Passend zum Artikel
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Der Wettbewerb von Cannes bot dieses Jahr nur wenige formale Überraschungen. Seine stärksten Momente verdankte das Festival stattdessen den Darstellern.











