PfadnavigationHomeWissenschaftLongevityDie unsterbliche Qualle – und was sie uns über das Altern verrätStand: 09:55 UhrLesedauer: 4 MinutenTurritopsis dohrnii gilt als biologisch unsterblich Quelle: Getty Images/Yiming ChenEine winzige Qualle fasziniert die Forschung. Immer wieder durchläuft sie den Lebenszyklus, ohne dass ihre Zellen sterben. Forscher haben endlich ihr ganzes Erbgut entschlüsselt – und darin ein ganzes Arsenal an Longevity-Mechanismen entdeckt.Turritopsis dohrnii ist keine gewöhnliche Qualle. Wenn andere Tiere nach der Fortpflanzung altern und sterben, macht sie etwas Bemerkenswertes: Sie kehrt in ein früheres Entwicklungsstadium zurück, wird wieder zur Larve und beginnt ihr Leben von vorn. Immer wieder. Ohne erkennbare Grenze. Biologen nennen das „Lebenszyklus-Umkehr“ – und sprechen, mit gebotener Vorsicht, von biologischer Unsterblichkeit.Doch was steckt dahinter? Ein internationales Forscherteam der Universität Oviedo hat nun erstmals das vollständige Erbgut dieser nur wenige Millimeter großen Qualle entschlüsselt und mit dem einer nah verwandten, sterblichen Art verglichen: Turritopsis rubra, die keine vergleichbare Verjüngungsfähigkeit besitzt. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „PNAS“ veröffentlicht.Das Erbgut von T. dohrnii umfasst rund 390 Millionen Basenpaare und enthält knapp 17.500 Gene. Zum Vergleich: T. rubra kommt auf etwa halb so viele. Die Forscher untersuchten gezielt fast 1000 Gene, die mit Alterungsprozessen und DNA-Reparatur zusammenhängen – und stießen auf auffällige Unterschiede.Lesen Sie auchBei T. dohrnii fanden sich deutlich mehr Kopien bestimmter Gene, die für die Präzision der DNA-Verdopplung und die Reparatur von Erbgutschäden zuständig sind. So liegt etwa das Gen für das Enzym DNA-Polymerase Delta viermal vor, bei T. rubra nur einmal. Ähnliches gilt für mehrere Reparaturgene. Das deutet darauf hin, dass die unsterbliche Qualle ihr Erbgut besonders sorgfältig instandhält – ein Vorteil, wenn man vorhat, unendlich oft neu anzufangen.Telomere und die Frage des EndesEin zentrales Thema in der Alternsforschung sind Telomere: die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Sie verkürzen sich bei jeder Zellteilung und gelten als biologische Uhr. Bei T. dohrnii fanden die Forscher Veränderungen in einem Schlüsselprotein namens POT1, das normalerweise verhindert, dass die Telomere zu stark wachsen. Die Quallen-Variante dieses Proteins bindet deutlich schlechter an die Telomere als bei anderen Tieren – was dazu führen könnte, dass die Telomere nicht verkürzt, sondern erhalten oder sogar verlängert werden. Ein Mechanismus, der dem Zellaltern entgegenwirken würde.Lesen Sie auchDazu kommt: T. dohrnii besitzt mehr Kopien eines Gens, das die Aktivität des Enzyms Telomerase steigern kann – jenes Enzyms, das Telomere wieder verlängert und das in menschlichen Krebszellen ebenfalls überaktiv ist.Auch beim Umgang mit sogenannten reaktiven Sauerstoffspezies – aggressiven Molekülen, die bei normalem Stoffwechsel entstehen und Zellschäden verursachen – zeigt die unsterbliche Qualle Besonderheiten. Sie trägt fünf Kopien des Gens für Thioredoxin, ein Protein, das solche Schäden abwehrt. T. rubra hat nur zwei. Das Enzym Glutathionreduktase, ebenfalls am Schutz vor oxidativem Stress beteiligt, ist bei T. dohrnii doppelt vorhanden – aber bei keiner anderen der untersuchten Quallenarten. Interessant: Frühere Experimente mit Fruchtfliegen zeigten, dass eine erhöhte Aktivität dieser Gene das Leben verlängert.Lesen Sie auchDer vielleicht faszinierendste Befund betrifft die Frage, wie die Lebenszyklus-Umkehr auf molekularer Ebene funktioniert. Dabei werden ausdifferenzierte Zellen – also Zellen, die bereits eine bestimmte Aufgabe im Körper übernommen haben – offenbar wieder in einen pluripotenten Zustand zurückversetzt, aus dem heraus neue Zelltypen entstehen können. Das erinnert an die Reprogrammierung, die in der Stammzellforschung künstlich herbeigeführt wird.Tatsächlich fanden die Forscher während der Lebenszyklus-Umkehr Hinweise auf genau diese Prozesse: Eine Gruppe von Genen, die normalerweise Weichen der Entwicklung stellt und in embryonalen Stammzellen aktiv unterdrückt wird – der sogenannte Polycomb-Repressor-Komplex 2 –, wird in der Qualle während der Verjüngungsphase herunterreguliert. Gleichzeitig werden Gene aktiviert, die mit Pluripotenz assoziiert sind, darunter Varianten von SOX7, SOX14 und MYC – Faktoren, die auch in der Stammzellforschung eine Rolle spielen.„Diese Faktoren könnten Schlüsselrollen bei der Aktivierung von Pluripotenz-Signalwegen spielen“, schreiben die Autoren – vorsichtig formuliert, aber mit deutlicher Implikation.Jungbrunnen?Natürlich ist Turritopsis dohrnii keine Blaupause für menschliche Unsterblichkeit. Quallen und Menschen sind evolutionär weit voneinander entfernt, und viele der beschriebenen Mechanismen funktionieren in einem so komplexen Organismus wie dem Menschen grundlegend anders. Die Autoren räumen auch ein, dass die Genomqualität beider Assemblierungen noch Lücken aufweist und ein direkterer Vergleich mit weiteren nah verwandten, sterblichen Arten nötig wäre.Dennoch liefert die Studie wertvolle Hinweise: Die unsterbliche Qualle scheint nicht einen einzigen Trick zu kennen, sondern ein ganzes Ensemble von Mechanismen – bessere DNA-Reparatur, stabilere Telomere, stärkerer Oxidationsschutz, flexiblere Zellprogrammierung –, die zusammenwirken. Genau diese Kombination könnte erklären, warum T. dohrnii etwas schafft, was in der Natur sonst nicht vorkommt.Die Alternsforschung hat mit dieser Qualle ein ungewöhnliches Modell gefunden – eines, das zeigt, dass das biologische Verfallsdatum kein absolutes Gesetz sein muss.