PfadnavigationHomeSportLeichtathletikSteven RichterDeutschlands neue Diskus-Hoffnung warf schon weiter als die Harting-Brüder jemalsVon Sebastian KayserStand: 08:19 UhrLesedauer: 5 MinutenMit seinen 74 Metern in Ramona (Oklahoma) hat Steven Richter selbst nicht gerechnetQuelle: picture alliance/BILDBYRÅN/JOEL MARKLUNDSteven Richter hat den deutschen Rekord im Diskuswerfen zuletzt um nur acht Zentimeter verpasst. Die Harting-Brüder übertraf er mit seinem 74-Meter-Wurf aber. Wer ist der Mann, der Deutschlands neue Diskus-Hoffnung ist?Am Ende fehlten ihm acht Zentimeter. Das ist so viel, wie die Breite einer Kreditkarte. Oder die Höhe einer Playmobilfigur. Diese acht Zentimeter fehlten Steven Richter, um Geschichte zu schreiben.9. April, Ramona im US-Bundesstaat Oklahoma: Als Richter aus dem Ring geht, fliegt der Diskus noch immer. Auf dieser seit ein paar Jahren zur Diskusanlage ausgebauten Wiese legt er am Ende satte 74 Meter hin. Acht Zentimeter kürzer als Jürgen Schult bei seinem Weltrekord 1986 in Neubrandenburg, der bis vor zwei Jahren Bestand hatte.Richter sagt zu „Bild“: „Der Wurf war weit. Es gab nur Linien, die den Sektor markierten, aber keine wie bei anderen Wettkämpfen, wo man sieht, dass es 60, 65 oder 70 Meter sind. Daher kann man sehr schwer einschätzen, wie weit er ging. Aber mit 74 Metern habe ich nicht gerechnet. Die waren eine krasse Überraschung.“Acht der zehn weitesten Würfe der Diskus-Geschichte gab es in Ramona, inklusive des aktuellen Weltrekords von Mykolas Alekna (Litauen), der den Diskus vor einem Jahr auf 75,56 m schleuderte. Richter: „Ich wollte die 70 Meter knacken. Meine Trainer liebäugelten mit Lars Riedels Sachsenrekord von 71,50 Metern.“ Alles pulverisiert.Die perfekte Diskus-FlächeWarum ist Ramona perfekt zum Diskuswerfen? „Das ist eine sehr große, weite Fläche. Es gibt nichts, das den Wind auch nur annähernd bremsen könnte. Eine klassische Weidefläche. Die nächsten Dörfer sind 15 Minuten weg. Der Wurfplatz liegt höher als die Umgebung. Der Wind kommt flach und knallt gegen diese Erhöhung und bekommt Auftrieb. Dadurch trägt er die Disken deutlich länger. Und der Wind ist stetig stark, während wir in Deutschland mehr Böen haben“, sagt Richter.An Schult dran, die Olympiasieger-Brüder Robert und Christoph Harting weit übertroffen. Ist er besser, als die Hartings je waren? Richter: „Die Weite kann mir keiner mehr nehmen und ich bin auch sehr stolz auf sie. Aber ich kann das schon richtig einordnen. An diesem Ort kommt alles perfekt zusammen. Hätte es den damals schon gegeben, hätten Robert und andere deutlich weiter geworfen. Das weiß ich und deswegen zolle ich den Medaillengewinnern höchsten Respekt.“Und weiter: „Olympiasieg und WM-Titel haben einen so viel höheren Stellenwert. Ich würde lieber Olympiasieger oder Weltmeister sein, als die 74 Meter geworfen zu haben.“Wer ist dieser Sachse aus dem kleinen Ort Gelenau im Erzgebirge (4000 Einwohner)? Er startet für den LV Erzgebirge, trainiert in Chemnitz bei Erfolgscoach Sven Lang, der David Storl und Christina Schwanitz zu WM-Gold im Kugelstoßen führte.Zur Leichtathletik kam Richter, weil es mit dem Fußball nicht klappte: „Ich wollte Profi werden, aber dazu hat das Talent nicht gereicht.“ Da er gut laufen konnte, wurden die 800 m seine Heimat. Steven: „Bis ich mit zwölf, 13 Jahren Jungs sah, die richtige Muskeln hatten. Da sagte ich mir, dass Wurf eventuell das Richtige für mich ist. Im Kraftraum zu stehen, finde ich mega cool.“ Von 68 ging es bis heute auf 120 Kilo rauf, bei 1,98 m. „Meine Schwester sagte damals: ‚Dann wirst du ja ein richtiger Schrank.‘ Aber das wollte ich“, erzählt Richter.Freundin Aliah freut es. Sie war Hammerwerferin, hat aber schon mit 16 Jahren aufgehört. Steven: „Ich bin sehr glücklich, dass sie so viel Verständnis zeigt. Ich bin oft unterwegs und wenn ich zu Hause bin, bin ich vom Training oft kaputt.“ Auch ans Leben nach der Karriere denkt er schon. An der TU Chemnitz studiert Richter Sportwissenschaften.Richerts Hobbys: Zwei-Euro-Münzen und AngelnSeine Hobbys: Er sammelt Zwei-Euro-Münzen („Wenn ich eine habe, die 3,50 Euro wert ist, freue ich mich schon“). Und er will dieses Jahr noch seinen Angelschein machen. Steven: „Mein Vater nahm mich oft mit. Leider ist mir das etwas abhandengekommen. Aber ich will das wieder aufleben lassen mit meinen Kumpels.“Und dann gibt es im August ja auch noch die EM in Birmingham. Was ist einfacher: der Angelschein oder eine EM-Medaille? „Der Angelschein. Eine EM-Medaille ist schon sehr viel schwerer. Das Niveau in Europa ist nahezu gleich stark zum Weltniveau“, sagt Richter.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Übrigens: Kontakt zu den Hartings hat er keinen, dafür meldete sich sofort nach dem Wettkampf Schult bei ihm, dessen 74,08 m noch immer deutscher Rekord sind. Richter: „Er sagte: ‚Die paar Zentimeter hättest du ruhig noch machen können.‘“Zurück nach Ramona. Sind dort die magischen 80 m möglich? Richter: „Ich kann mir vorstellen, dass der Weltrekord noch nicht das Maximale ist. Wir können den schon noch ein ganzes Stück verbessern, aber 80 Meter klingen für mich wie eine Utopie.“ Das klangen seine 74 m für ihn bis vor Kurzem auch noch. Richter: „Mein Anspruch ist natürlich, international vorn mit dabei zu sein. Der große Traum ist, dass mir das bei Olympia 2028 gelingt. Darauf liegt mein Fokus.“Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.