Am Ende fehlten Steven Richter nur wenige Zentimeter. Beim Meeting in Ramona hatte sich Richter vorgenommen, erstmals in seiner Karriere die 70 Meter zu werfen. Aber was dann geschah, übertraf alle Erwartungen: Richter zeigte auf der zur Diskusanlage ausgebauten Wiese im US-Bundesstaat Oklahoma gleich fünf Würfe über 70 Meter und steigerte sich auf 74,00 Meter, die Platz vier in der ewigen Weltbestenliste bedeuten. Nur acht Zentimeter trennten ihn vom deutschen Uralt-Rekord von Jürgen Schult aus dem Jahr 1986. „Er hat mir danach gratuliert und geschrieben: Die paar Zentimeter hättest du auch weiter werfen können.“Mit 74,00 Metern gehört Richter, dessen Bestweite bis dahin bei 69,61 Metern gelegen hatte, plötzlich zur Weltspitze. Dabei konnte er in Ramona nur erahnen, wie weit seine Würfe gingen. Es habe dort nur die normale Sektorbegrenzung gegeben, aber keine Linien, die anzeigen, ob es 65, 70 oder 75 Meter sind. Er habe zwar gemerkt, dass er ihn gut getroffen hat, und anhand der Sekunden, die der Diskus in der Luft war, auch abschätzen können, ob es ein guter oder schlechter Wurf war, aber mit 74 Metern habe er nicht gerechnet. „Die waren eine krasse Überraschung.“Ideale Bedingungen in „Throwklahoma“In Ramona sind die Bedingungen so günstig, dass dort erzielte Leistungen kaum mit normalen Stadionwettkämpfen zu vergleichen sind. Sieben der zehn weitesten Diskuswürfe gab es in „Throwklahoma“, inklusive des aktuellen Weltrekords von Mykolas Alekna, der vor einem Jahr 75,56 Meter erreicht hatte. Der Wurfplatz liege höher als die Umgebung, erklärt Richter, daher gebe es nichts, das den Wind auch nur annähernd bremsen könnte. Zudem habe die Anlage mehrere Wurfringe mit unterschiedlicher Ausrichtung, um den typischen Oklahoma-Wind optimal nutzen zu können. Während man an anderen Orten nur vereinzelte Böen habe, wehe in Ramona ein stetiger Wind, der zusätzlichen Auftrieb erzeuge. Dadurch bleibe der Diskus deutlich länger in der Luft, und das könne oft mehrere Meter ausmachen.Richter weiß die Weite realistisch einzuordnen. „Es erwarten jetzt viele, dass man in jedem Wettkampf 70 Meter werfen kann. Aber bevor man Ramona als Ort für Diskuswurf-Wettkämpfe entdeckt hat, hat 30 Jahre lang niemand in diese Region geworfen.“ Er ist sich sicher, dass auch die beiden Olympiasieger Robert und Christoph Harting weiter geworfen hätten, wenn es den Wurfplatz in Ramona damals schon gegeben hätte: „Dieser Ort ist einzigartig. Die Weite zeigt, was unter perfekten Bedingungen möglich ist.“ Sein eigentliches Ziel lautet daher, auch ohne starken Wind im Stadion zwischen 68 und 70 Meter zu werfen: „Damit kann man auf internationalem Niveau Medaillen gewinnen.“Dass er in Ramona überhaupt so weit kam, ist auch einer ungewöhnlichen Vorbereitung zu verdanken. Vor dem Wettkampf ließ Richter seine Disken von ChatGPT analysieren. „Ich wusste, es gibt Disken, die viel Ringgewicht haben, und Disken, die wenig Ringgewicht haben“, erzählt er. Basierend auf der KI-Analyse wählte er eine Scheibe, deren äußerer Ring viel Gewicht mitbringt. „Der Vorteil ist, dass sich der Diskus in der Luft durch dieses hohe Ringgewicht wieder mehr ausbalanciert, auch wenn er im Abwurf ein bisschen wackelt. Das kommt mir als explosivem und schnellem Werfertypen sehr entgegen, gerade wenn der Wind die Scheibe so stark angreift wie in Ramona.“Noch Luft nach obenRichter startet für den LV Erzgebirge und trainiert am Bundesstützpunkt in Chemnitz bei Sven Lang, der David Storl und Christina Schwanitz zu WM-Gold im Kugelstoßen führte. In diesem Jahr habe er einige Umstellungen vorgenommen, zudem ist mit Steve Harnapp ein weiterer Trainer zu seinem Team gestoßen, der viel technischen Input einbringt. „Ich merke, dass ich jedes Jahr auf einem höheren Niveau einsteige als im Jahr zuvor“, sagt Richter. Momentan arbeitet er vor allem an seiner Beweglichkeit. „Kraft habe ich genug und auch eine hohe Drehgeschwindigkeit.“ Doch in der Technik sieht er noch Reserven: „Wenn das alles auf den Punkt klappt, bin ich mir sicher, dass ich auch die nächsten Jahre im Stadion in diese Richtung werfen kann.“Konkret geht es um die Verwringung zwischen Hüfte und Armen, die sei bei ihm im Abwurf noch ein bisschen zu gleichmäßig. „Ich muss daran arbeiten, dass ich meine Hüfte und meine Schulter noch mehr auseinanderbringe, also eine größere Verwringung in den Wurf bekomme, um dadurch nochmals eine größere Schleuderwirkung zu erzeugen.“ Der Fortschritt sei bereits spürbar: Es mache schon einen großen Unterschied, älter zu werden, weil man jede Saison auf einem höheren Ausgangsniveau starte. „Ich konnte im Winter auf einmal Weiten abrufen, die mir sonst nur im Sommer gelungen sind.“Auch abseits der Wurfanlage hat Richter Erfahrungen gesammelt, die ihn geprägt haben. Für Wettkämpfe bei der Leichtathletik-WM hatten er und Henrik Jansen im September Wetten auf Teamkollegen abgeschlossen und waren dafür vom Weltverband World Athletics jeweils für drei Monate auf Bewährung gesperrt worden. Bei Richter handelte es sich um eine Wette in Höhe von 40 Euro. Er bezeichnete sein Verhalten damals als „extrem dumm“. Inzwischen spricht er von einem „guten Lernprozess“: „Man wird ein bisschen vorsichtiger in seinen Aktionen und denkt vielleicht nochmal über Sachen nach, bevor man sie macht.“Nach der Verletzung von Mykolas Alekna (Riss des Brustmuskels) sieht Richter gute Chancen für die deutschen Diskuswerfer um ihn, Jansen und Mika Sosna, bei der EM in Birmingham unter die Top 5 zu kommen und vielleicht auch um die Medaillen mitzukämpfen. „Erst mal ist das Ziel, das Finale zu erreichen, aber dann möchte ich mich mit der Weite auch gerne vorne einordnen.“ Beim Goldenen Oval in Dresden an diesem Sonntag wird Richter unter anderem auf Matthew Denny treffen. Der Australier ist mit 74,78 Metern der zweitbeste Diskuswerfer der Geschichte. „Ich würde ihn gern ärgern“, sagt Richter: „Man muss aber auch anerkennen, dass er einer der Weltbesten ist. Auf dieses Niveau möchte ich gerne kommen.“ Es ist eine lange Reise, die gerade erst beginnt.
Diskuswerfer Steven Richter schafft es mit ChatGPT an die Weltspitze
In den USA steigert sich Diskuswerfer Steven Richter auf beachtliche 74 Meter. Die Leistung verdankt er nicht nur günstigen Wettkampfbedingungen, sondern auch einer ungewöhnlichen Trainingsmethode.
Steven Richter analysierte seine Wurfscheiben mit ChatGPT und steigerte sich auf 74,00 m – Platz vier der ewigen Weltbestenliste, plus 4,39 m gegenüber seiner bisherigen Bestweite. Der Fall illustriert AI als konkretes Performance-Analyse-Tool außerhalb klassischer Tech-Domänen – mit direkt messbarem Ergebnis.












