Zulfiya Spowart: Beshik (Die Wiege), 2026. Installationsansicht, «The Aural Sea», Nationalpavillon Usbekistans, 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2026. Photo by Gerda Studio, Courtesy of the Uzbekistan Art and Culture Development Foundation Es ist leicht, bei der laufenden Biennale in Venedig die Orientierung zu verlieren. Die besten Ausstellungen im Überblick.Die schiere Menge an sehenswerter Kunst und das Getöse um die Länderbeiträge an der Biennale von Venedig können überfordern. Wir haben entschlackt: Diese Ausstellungen sollten Sie an der wichtigsten Kunstausstellung der Welt nicht verpassen. Tipps, die an der Biennale in Venedig etwas Orientierung bieten Die Hauptausstellung im Hauptpavillon der Giardini und im Arsenale Die sehenswertesten Pavillons in Giardini und Arsenale Die besten Länderbeiträge in der Stadt Was man sonst noch sehen sollte Die Hauptausstellung im Hauptpavillon der Giardini und im Arsenale Ein fünfköpfiges Team aus künstlerischen Beratern und Assistenten hat trotz dem Ableben der Biennale-Direktorin Koyo Kouoh in Abstimmung mit den bereits ausgewählten Künstlern, Kouohs Familie und dem Biennale-Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco ihre kuratorischen Ideen postum realisiert.«In Minor Keys» («In Moll») ist die zentrale Ausstellung der Biennale, die im Hauptpavillon der Giardini und im Arsenale 110 Kunstschaffende und Kollektive zeigt. «Indem wir uns dem Spektakel des Grauens verweigern, ist es an der Zeit, auf die Molltöne zu hören», heisst es im Statement der kamerunisch-schweizerischen Kuratorin.Sie lädt dazu ein, sich «leise auf das Flüstern und die tieferen Frequenzen einzustimmen; die Oasen und Inseln zu finden, an denen die Würde aller Lebewesen gewahrt bleibt». Und so besticht die Ausstellung durch den Fokus auf Materialität und Farben, Malerei, Skulpturen und Handwerk, statt wie so oft auf neue Medien zu setzen. Susceptibility to Gravity, 2026. Ortsspezifische Installation; 7 Aussenflaggen, jeweils 320×150 cm. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, «In Minor Keys». Photo by Andrea Avezzù, Courtesy of La Biennale di Venezia Das Politische ist nicht in allzu lauten Statements zugegen, vielmehr ist es gehüllt in poetische und sinnliche Erfahrungen, die sich wie besagte Oasen durch die Ausstellungen ziehen.In Arbeiten von Alexa Kumiko Hatanaka und Otobong Nkanga im Hauptpavillon etwa materialisiert sich die Auseinandersetzung menschlicher Beziehungen in ästhetischen, in den dunklen Hallen des Arsenale in Installationen etwa von Theo Eshetu oder Alfredo Jaar auch in räumlichen Formen. Garden of the Broken Hearted, 2026. Skulpturale Installation, Olivenbaum, rotierende Plattform, Spotlights, Video, Sound. In unterschiedlichen Grössen. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, «In Minor Keys». Photo by Marco Zorzanello, Courtesy of La Biennale di Venezia Die sehenswertesten Pavillons in Giardini und Arsenale Schon die Ausstellungen an den Hauptorten sind an einem Tag kaum zu schaffen. In den Giardini werden 29 permanente Pavillons bespielt, 25 weitere sind im Arsenale zu sehen.Die grösste Kontroverse um die Länderbeiträge lösten dieses Jahr Russland und Israel (das nicht in seinem Pavillon im Giardini, sondern im Arsenale zeigt) aus: Nachdem die Jury angekündigt hatte, keine Länder für den Wettbewerb um den Goldenen Löwen zu berücksichtigen, deren Staatschefs derzeit vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind, trat die Jury nach ihrer Kritik am Biennale-Präsidenten, der gegen diesen Entscheid war, zurück.Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wird die Biennale keinen Preis für den besten Pavillon vergeben – das soll diesmal das Publikum tun. Und dieses schien vor allem von Florentina Holzingers österreichischem Pavillon angezogen. «Seaworld Venice» ist quasi eine Kläranlage, in der die Menschen, so die Künstlerin, «in ihrer eigenen Pisse leben müssen».25 Performerinnen leben während der gesamten Dauer der Kunstschau hier, daneben gibt es Performances in der ganzen Stadt und der Lagune, in denen die Darstellerinnen in typischer Holzinger-Manier nackt umhertanzen, singen, schreien, um den weiblichen Körper bisweilen im wahrsten Sinne für Glockenschläge zu nutzen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen.Leisere Töne werden indes von Henrike Naumann, die im Februar verstorben ist, und Sung Tieu im deutschen Pavillon mit «Ruin» angeschlagen. Sie blicken etwa aus migrantischer Perspektive auf die deutsche Gedenkkultur. Tieu hat die Fassade aus Nazi-Zeiten mit drei Millionen kleinen Marmorfliesen in einen DDR-Plattenbau transformiert, dessen Inneres einen Parcours durch die sozialistische Vergangenheit und ihre Zerwürfnisse bis in die Gegenwart birgt.Nur wenige Schritte weiter fordert der japanische Pavillon von Ei Arakawa-Nash unter dem Titel «Grass Babies, Moon Babies» die Besucher dazu auf, sich um Babypuppen zu kümmern, und bringt das partizipatorische Element auf eine neue Ebene.Auch im Arsenale sind sehenswerte Beiträge zu entdecken, etwa «The Aural Sea» des usbekischen Pavillons, in dem acht Künstlerinnen die Auswirkungen von Klimawandel und sowjetischen Agrarreformen am Aralsee erzählen. Xin Liu: The Permanent and the Insatiable: Born to Sea, 2026. Installationsansicht, «The Aural Sea», Nationalpavillon Usbekistans, 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2026. Photo by Gerda Studio, Courtesy of the Uzbekistan Art and Culture Development Foundation A. A. Murakami: «The Sun Sets in a Shell», 2026 (im Hintergrund). Produziert mit Unterstützung von Mandarin Knitting Technology und Zegna Baruffa Lane Borgosesia. Zi Kakhramonova: Archive of Lost Forms, 2026 (im Vordergrund). Installationsansicht, «The Aural Sea», Nationalpavillon Usbekistans, 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2026. Photo by Gerda Studio, Courtesy of the Uzbekistan Art and Culture Development Foundation Etwas versteckt, aber ebenso sehenswert ist der Pavillon von Peru, in dem Sara Flores Kené-Arbeiten zeigt: Textilkunst des Shipibo-Konibo-Volkes aus dem peruanischen Amazonasgebiet. Die Künstlerin Sara Flores präsentiert Textilarbeiten des Shipibo-Konibo-Volkes. Getty Images Die besten Länderbeiträge in der Stadt Im Verlauf der Jahrzehnte ist die Biennale längst über ihre historischen Räume hinausgewachsen, selbst das Arsenale kann nicht mehr alle teilnehmenden Länder beherbergen. Dieses Jahr sind 46 Pavillons in der Stadt verteilt – in Kirchen, Industriehallen und prächtigen Palazzi, die teilweise nicht öffentlich zugänglich sind. Obwohl Südafrika seine Teilnahme abgesagt hat, weil das Werk von Gabrielle Goliath, das sich mit Femiziden und auch dem Leid palästinensischer Frauen auseinandersetzt, als «spaltend» deklariert worden war, zeigt die Künstlerin «Elegy» quasi als inoffiziellen südafrikanischen Beitrag in der Sant’Antonin-Kirche unweit der Giardini.Auf dem offiziellen Kalender zeigen die Bahamas mit «In Another Man’s Yard» im San Trovaso Art Space die Künstler John Beadle und Lavar Munroe, die sich mit der jahrhundertealten Tradition der Junkanoo-Festivals beschäftigen.Etwas abseits hinter dem Hauptbahnhof lädt der Heilige Stuhl im Giardino Mistico dei Carmelitani Scalzi, dem versteckten Garten der Karmeliter, mit «The Ear is the Eye of the Soul» zu einem Spaziergang mit Sound im Klostergarten ein.Auch der weissrussische Beitrag greift auf liturgische Elemente zurück, um von der heutigen Gesellschaft zu erzählen, und inszeniert wortwörtlich einen Kirchgang in der Chiesa di San Giovanni Evangelista. Was man sonst noch sehen sollte Venedig ist schon lange der Lieblingsort grosser Kunstsammler und engagierter Stiftungen, die es sich nicht nehmen lassen, anlässlich der Biennale bedeutende Ausstellungen anzustossen. Zu den Highlights gehört dieses Jahr natürlich die neu eröffnete Fondazione Dries Van Noten im Palazzo Pisani Moretta mit der Ausstellung «The Only True Protest is Beauty». Dries Van Noten ist aber längst nicht die einzige Modegrösse in der Stadt. Im Palazzo Corner della Regina zeigt die Fondazione Prada in der Ausstellung «Helter Skelter» Arthur Jafa und Richard Prince. In Trump-Zeiten gilt sie vielen als der bessere, inoffizielle amerikanische Pavillon.In der Punta della Dogana, längst eine Institution in der Stadt, zeigt die Pinault Collection Lorna Simpson, und in der Biblioteca Marciana präsentiert die Fondazione Bulgari Monia Ben Hamouda, wobei sich ein Besuch allein schon deshalb lohnt, weil in den Prunksälen zeitgenössische Kunst und ledergebundene Bücher sowie alte Globen aufeinandertreffen.Zur Biennale zeigt die Fondazione In Between Art and Film in «Caricula» im einstigen Krankenhaus Complesso dell’Ospedaletto acht neue Videoarbeiten, die sich mit menschlicher Desorientierung auseinandersetzen. Zeitgleich zur Biennale zeigen die Gallerie dell’Accademia mit Marina Abramović erstmals eine lebende Künstlerin. Etwas Zeit für die Stadt sollte man ebenfalls einplanen. Photo by Andrea Avezzù, Courtesy of La Biennale di Venezia Alles in Venedig zu erleben, ist angesichts der vielen sehenswerten Ausstellungen ohnehin nicht möglich, aber mehrere Tage sollten Besucherinnen und Besucher auf jeden Fall einplanen. Allein für die Hauptausstellung und die wichtigsten Länderpavillons in den Giardini und dem Arsenale braucht es zwei Tage; idealerweise mindestens zwei weitere für die Stadt. Die beste Strategie dafür: gut planen und regelmässige Stopps in den schönen venezianischen Cafés und Restaurants. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.