Ein Syrer aus der Schweiz reist erstmals seit über zehn Jahren nach Aleppo – und überrascht seine Mutter. Doch er bleibt eine AusnahmeDer Bund entscheidet wieder über Asylgesuche von Syrerinnen und Syrern. Die wenigsten wollen zurück in ihre zerstörte Heimat, doch der politische Druck steigt.24.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenRuinen prägen das Stadtbild: Menschen in einem Einkaufsviertel in Aleppo.Dominic Nahr / NZZEs ist 13 Uhr in Aleppo. Karim, ein Syrer, der in der Schweiz lebt, kommt gerade vom Frühstück mit seiner Familie. Bohnen, Falafel, Tahini und Joghurt wurden aufgetischt, das schöne Geschirr hervorgeholt. Denn die Familie hatte etwas zu feiern, seine Ankunft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Karim ist zum ersten Mal seit über zehn Jahren zurück in Aleppo. Am Donnerstag flog er mit seiner Frau und seinem kleinen Kind von Zürich über Istanbul in seine Geburtsstadt. Am Flughafen empfingen ihn seine Geschwister, für seine Mutter war der Besuch eine Überraschung. Sie weinte, als sie ihn umarmte, und freute sich, dass er kam, solange sie noch lebte.In der Stadt ist vieles neu für Karim. Sein altes Gymnasium wurde zerstört, zur Universität kann er nicht, weil die Gegend vermint ist, sein Wohnquartier ist derart zugemüllt, dass man es kaum mehr durchqueren kann, und vielerorts hängen Flaggen der neuen Machthaber um Präsident Ahmed al-Sharaa.Karim, der in Wirklichkeit anders heisst, erzählt am Telefon fast eine Stunde lang lebhaft von seinen Erlebnissen in Aleppo, schickt Fotos und Links. Doch später zieht er per E-Mail seine Zitate zurück. Seinen richtigen Namen will er nicht mehr in der Zeitung lesen, die Bilder dürfen nicht publiziert werden.Warum, wird nicht ganz klar. Vielleicht weil er fürchtet, seine Reise könnte einen falschen Eindruck vermitteln?Karim befindet sich in einer privilegierten Position. Weil seine Frau Schweizerin ist, besitzt auch er einen Schweizer Pass. So konnte er relativ einfach aus der Schweiz nach Syrien reisen – und wieder zurück. Die meisten seiner Landsleute in der Schweiz haben diese Möglichkeit nicht. Im Gegenteil: Manche fürchten sich davor, bald unfreiwillig in einem Flugzeug nach Syrien zu sitzen.Denn der Bund entscheidet seit dem 1. Mai wieder über Asylgesuche von Syrerinnen und Syrern. Nachdem die Schweizer Migrationsbehörden nach dem Sturz des Diktators Bashar al-Asad im Dezember 2024 nicht mehr über Gesuche aus Syrien befunden hatten, halten sie die Lage im Land nun offenbar für übersichtlich genug, um wieder entscheiden zu können. Und sie gehen neuerdings davon aus, dass nicht mehr in allen Regionen Syriens eine Situation allgemeiner Gewalt herrsche. Das heisst: Rückführungen sind unter gewissen Umständen wieder möglich.Hinter der Praxisänderung steht die grössere Frage, wie ein Land mit Flüchtlingen umgehen soll, wenn deren Fluchtgrund langsam zu erodieren scheint.Die Kinder sprechen Arabisch mit Schweizer AkzentIn der Schweiz leben 28 000 Syrerinnen und Syrer, rund 20 000 davon sind anerkannte Flüchtlinge, vorläufig Aufgenommene oder Asylsuchende. Nach dem Sturz des Machthabers Asad waren die Hoffnungen in Europa gross, dass viele Flüchtlinge von sich aus in das Land zurückkehren würden. Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht. Seit Dezember 2024 reisten nur 178 Personen freiwillig aus der Schweiz nach Syrien zurück. Mehrere angefragte Syrerinnen und Syrer sagen, sie könnten sich eine Rückkehr nicht vorstellen – zu tief gehen die Wurzeln, die sie mittlerweile hier geschlagen haben.Zu ihnen gehört Amira, 48, die ebenfalls anders heisst. Sie lebt mit ihren drei Kindern, 14, 16 und 18 Jahre alt, am Rand der Stadt Bern. Ihre Kinder seien hier zur Schule gegangen, sprächen hauptsächlich Deutsch, an Syrien erinnerten sie sich kaum, sagt sie. «Wenn sie zu Hause manchmal Arabisch sprechen, haben sie einen Schweizer Akzent.»Amira sagt, sie habe ihren Kindern kaum je von Syrien erzählt. «Ich wollte sie nicht damit belasten.» Erst als Asad stürzte und die Kinder in der Schule Vorträge über ihr Herkunftsland halten mussten, hätten sie von sich aus Fragen gestellt.Amira kam mit ihren Kindern wie Hunderttausende anderer Syrerinnen und Syrer während der Flüchtlingskrise 2015 nach Europa, vertrieben vom Krieg im Land. In der Schweiz besuchte sie die Uni, heute arbeitet sie in einer Tagesschule.Wegen der Praxisänderung des Bundes hat sie Angst, ihre Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz zu verlieren. «Ich mache mir keine grossen Sorgen um mich», sagt sie. «Aber ich werde alles dafür tun, dass meine Kinder nicht zurück nach Syrien müssen.» Wenn man diese frage, woher sie kämen, würden sie antworten «aus Bern» und nicht «aus Syrien».«Bei Kriminellen muss der Bund härter durchgreifen»Die meisten Syrerinnen und Syrer in der Schweiz dürften die Praxisänderung des Bundes nicht unmittelbar spüren. Die Migrationsbehörden können nun zwar bei Asylsuchenden unter gewissen Umständen den Vollzug einer Wegweisung anordnen. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) geht aber davon aus, dass angesichts der weiterhin volatilen Sicherheitslage sowie der schwierigen wirtschaftlichen und humanitären Situation im Land «diese begünstigenden Umstände bei vielen Asylsuchenden noch nicht gegeben sein werden».Doch der politische Druck steigt. Der FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen sagt: «Die Lage in Syrien hat sich seit dem Machtwechsel im Land stabilisiert. Ich bin der Meinung, dass wir nun gewisse Leute zurückführen müssen.» Fehlende wirtschaftliche Perspektiven im Herkunftsland seien kein Asylgrund.Besonders im Fokus stehen straffällige Asylbewerber. Die deutsche Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag versprochen, nach Syrien abzuschieben, «beginnend mit Straftätern und Gefährdern». Im Dezember und im Januar wurden erstmals seit langem wieder kriminelle Syrer nach Damaskus ausgeflogen. Österreich schaffte bereits im vergangenen Juli als erstes EU-Land einen verurteilten Mann nach Syrien zurück.Das Staatssekretariat für Migration schreibt, es stehe mit den syrischen Behörden in Kontakt, um Rückführungen von straffälligen Personen zu ermöglichen. Bis heute wurden allerdings keine Personen in das Land zurückgeführt.«Bei kriminellen Syrern muss der Bund härter durchgreifen», sagt Christian Wasserfallen. «Sie haben definitiv keinen Schutz in unserem Land verdient.»Anders sieht das die Schweizerische Flüchtlingshilfe. Ein Sprecher sagt: «Wir halten Rückführungen nach Syrien für unzumutbar – egal, welchen Hintergrund eine Person hat.» Die Schweiz dürfe gemäss dem zwingenden Völkerrecht keine Person in ein Land abschieben, in dem ihr Folter oder eine unmenschliche Behandlung drohe. «Das Risiko dafür ist in Syrien jedoch gross.»Karim, der in Aleppo weilt, ist bei der Frage der Rückkehr gespalten. Er würde es grundsätzlich begrüssen, wenn möglichst viele Syrerinnen und Syrer freiwillig in ihr Herkunftsland zurückkehren würden. Mit dem Wissen und dem Geld aus dem Westen könnten sie helfen, das Land wieder aufzubauen. Er selbst bleibt jedoch nur für zehn Tage in Syrien. Danach fliegt er mit seiner Familie zurück in die Schweiz, wo er sich ein neues Leben aufgebaut hat.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel