Als mein Handy am Frühstückstisch aufleuchtet, genügt ein Blick, um mir die Laune zu verderben. Nein, ich möchte an einem Sonntag keine Sprachnachricht von jemandem hören, der seine Unsicherheit zu meiner Aufgabe machen will. Auch nicht, wenn die Nachricht nur eine Minute lang ist. Ich leg das Handy weg, beiß in mein Brötchen – und krieg Gewissensbisse: Ist das nicht meine Aufgabe?Missmutig spiele ich die Nachricht ab. Der freie Trauredner fragt mich, ob ich es für eine gute Idee halte, dem Brautpaar vorzuschlagen, für die verstorbenen Großeltern leere Stühle aufzustellen. Völlig unpassend finde ich die Idee, wenn sie nicht vom Brautpaar selbst kommt. Zu meinen Aufgaben als Trauzeugin und damit Ansprechpartnerin für grenzwertige Fragen gehört aber auch, mich halbwegs diplomatisch auszudrücken. „Ich persönlich würd's nicht machen“, schreibe ich also und denke mir: Hoffentlich sind meine Freunde bald verheiratet.Seit ich Trauzeugin bin, haben meine Sonntage nichts mehr mit einem Sonntag zu tun. Bei mir meldet sich mal der Vater der Braut, dann die Freundin, die nicht mit zum Junggesellenabschied kann, dann der Bräutigam mit einer Idee anderer Freunde. Ich will an meinem freien Tag nicht ständig am Handy hängen und erreichbar sein. Schon gar nicht für eine Hochzeit, die nicht mal meine eigene ist. Und noch stärker stört mich: Meine Rolle zwingt mich, dasselbe anderen zuzumuten – den Trauzeugen des Bräutigams ständig um Updates zu bitten, die anderen Teilnehmerinnen am Junggesellenabschied schon wieder zu fragen, was wir planen wollen.Trauzeugin, ich? Hätte ich bloß nicht ja gesagtDabei war meine Freude am Anfang groß. Trauzeugin, ich? Am Telefon wurden unsere Stimmen immer lauter und höher, als meine Freundin mir von ihrem Heiratsantrag erzählte. Es regnete, der Ring passte nicht, und seine Hände waren wohl furchtbar schwitzig – aber das waren nur Details, die die Geschichte noch romantischer machten. Nach ein paar Minuten stellte sie schließlich die entscheidende Frage: Ob ich denn ihre Trauzeugin werden wolle? Viel zu überlegen gab es dabei für mich nicht: Ich würde Taschentücher für ihre Verwandtschaft bereithalten, im Standesamt unterschreiben, auf den Fotos mitgrinsen. Wie schön würde das werden! Wie naiv ich war.„Bei mir ist noch nichts angekommen“, schreibe ich an die mir unbekannte Freundin der Braut, die mir das Geld für den Junggesellenabschied nach wie vor nicht überwiesen hat. Nun will sie es am Abend aber wirklich überweisen. Ganz sicher. Es kommt trotzdem erst nach ein paar Tagen an. Über Whatsapp schreibe ich alle Gäste an, ob sie mir für ein Geschenk einen Ausflugstipp für das Brautpaar nennen mögen. Eine Hand voll Menschen antwortet nicht. Zwei davon auf Nachfrage, andere diskutieren mit mir. Eine Person wandere nicht gern, schreibt sie mir. Sie habe auch früher nur selten in den Urlaub fahren können. Dabei würde für das Geschenk auch der Tipp für einen Ausflug an den nächsten Baggersee genügen. Andere ignorieren mich komplett. Nach ein paar Wochen gebe ich es auf, jeden in das Geschenk integrieren zu wollen.Meine anfängliche Verliebtheit in das Trauzeugen-Dasein weicht einer schwer zu fassenden Wut. Es fühlt sich an, als habe mein „Ja“ mich zur Dienstleisterin gemacht. Ich soll mich mit Ausreden-Profis herumschlagen, damit es das Brautpaar nicht tun muss. Ich soll den Junggesellinnenabschied koordinieren, die Unterkunft buchen und das Geld eintreiben, mit dem Brautpaar den minutiös getakteten Ablaufplan der Hochzeit durchgehen, mir vor der Hochzeit mit dem anderen Trauzeugen zusammen Spiele überlegen, am Abend selbst die Zeit im Blick behalten.Ihr künftiger Ehemann verrät mir Überraschungen anderer Freunde, die ich geheim halten soll. Bei den Worten „Überraschung“ und „Geheimnis“ überkommt mich schon bald eine leichte Gänsehaut – irgendetwas werde ich vermutlich aus Versehen ausplaudern. Denn was die Braut wissen darf und was nicht, weiß ich bald selbst nicht mehr. Immer wieder muss ich mich erinnern, dass ich das Ganze für meine Freundin mache. Durchatmen.Aufgeben ist keine OptionIm Sinne unserer Freundschaft ist auch Aufgeben keine Option. Und ein wichtiger Meilenstein sollte bald geschafft sein: der Junggesellinnenabschied. Wir werden ein Wochenende in einer Unterkunft in den Bergen verbringen, zu der einige Freundinnen mehrere Stunden anreisen werden. Viel zu weit weg, finde ich. Und es ist ein Wochenende, für das ich mein reguläres Budget für einen Kurztrip deutlich überschreite.Aber ich bin selbst schuld: Wie kam ich bloß auf die Idee, über alle eingereichten Vorschläge abstimmen zu lassen? Sollte ich nochmals Trauzeugin werden, entscheide ich, wo es hingeht. Dann kommen auch wir mit weniger als 300 Euro pro Person für ein Wochenende aus. Besser wäre allerdings, es gäbe für mich kein weiteres Mal als Trauzeugin. Denn die Hochzeit raubt mir den letzten Nerv.Es wäre so schön, könnte ich Freude an der Vorbereitung haben. Doch sie stresst mich. Ich verstehe die Aufgabe der Trauzeugin so, dass ich der Braut einen gewissen Anteil der Last abnehmen soll. Und ich bin sogar froh, dass ihr die Frage nach den Stühlen für die verstorbenen Großeltern erspart bleiben wird. Doch die Zahl der Aufgaben hat überhandgenommen, und ich kann sie nicht mal gemeinsam mit der Braut abstecken: Viel zu oft geht es um Überraschungen oder Absprachen, bei denen ich selbst entscheiden muss, wie sehr ich mich engagieren möchte.Wofür braucht man überhaupt einen Trauzeugen?Kurioserweise ist ausgerechnet die Aufgabe, die im Namen steckt, nämlich die Trauung zu bezeugen, mittlerweile weitestgehend hinfällig. Für die standesamtliche Trauung sind Trauzeugen seit 28 Jahren nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben. Auch für eine evangelische Trauung werden keine Trauzeugen benötigt. Einzig für eine katholische Trauung braucht es zwei. Sie müssen nach der Trauung ein Protokoll unterschreiben.Für meine Freundin werde ich den Trubel überstehenIch habe viele Fragen, ebenso viele Thesen – und finde wenige Antworten. Doch eine Meinung verfestigt sich in mir: Hochzeitsplanung und Eventmanagement machen andere Menschen nicht zu Unrecht zu ihrem Beruf. Von Hochzeiten und damit auch Trauzeugen wird zu viel erwartet. Freundschaft sollte nicht in ein Projekt kippen, von dem man Feierabend und Urlaub braucht.Auch meine Braut scheint das Trauzeugen-Dasein als stressig wahrzunehmen – sonst würde sie nicht bei jeder Gelegenheit sagen, wie viel ich mit der Hochzeit zu tun hätte. Ihre Dankbarkeit nehme ich trotzdem als indirekten Druck wahr. Helfe ich denn wirklich genug? Könnte ich noch mehr tun, um sie zu entlasten?Ich frage lieber nicht, denn noch mehr Zeit investieren will ich nicht. Stattdessen beschwichtige ich: Was ich mache, sei ein Klacks gegenüber dem, was sie zu tun habe. Schöner wird es für keine von uns beiden, wenn ich sie meinen Ärger spüren lasse. Auch ihren Trauredner oder ihre Freunde werde ich vor ihr nicht schlecht machen – mögen sie mich noch so nerven.Sich in Freundschaften klar und ehrlich die Meinung zu sagen, bleibt für mich ein wichtiger Grundsatz. Aber man muss eben nicht alles sagen, was man sich denkt – gerade, wenn es um mit Erwartungen überladene Feste geht, in die jede Menge Geld fließt. Trauzeugin zu sein, will gut überlegt sein. Für mich reicht es. Nie wieder.Für meine Freundin werde ich den Trubel nun noch stoisch lächelnd überstehen. Aber ich beschließe, Grenzen zu setzen. Nach dem Wochenende des Junggesellenabschieds werde ich jegliche Nachrichten zur Hochzeit ignorieren – und auch niemandem mehr schreiben. Zumindest sonntags.Die Trauzeugin will lieber anonym bleiben.
Genervte Trauzeugin: Wann ist das Brautpaar endlich verheiratet?
Als sie gebeten wurde, Trauzeugin zu werden, war unsere Autorin begeistert. Doch inzwischen ist sie nur noch genervt: vom Junggesellinnenabschied, vom Trauredner und von den anderen Gästen. Wird da nicht viel zu viel verlangt?







