Der Begriff Narrativ wird in letzter Zeit bei vielen Gelegenheiten benutzt. Alles will seinen Sinn erklären und tut dies am besten mit einer Geschichte. Die wiederum verknüpft Informationen mit Emotionen. Das gilt auch für diese Zeitung, in der dieser Text erscheint: Die Ostdeutsche Allgemeine ist gegründet, weil die westdeutschen überregionalen Zeitungen den Osten viel zu oft gewohnheitsmäßig durch ihre Westbrille sehen.

Das verlangt 35 Jahre nach der deutschen Einheit nach einer Korrektur. Die OAZ will die Korrektur sein. Den Begriff Narrativ weiter gefasst, sagt er: Die deutsche Einheit verlangt nach Sinnstiftung, bei der Fakten aus allen Himmelsrichtungen in einen emotionalen Zusammenhang gestellt werden. Nur so können sie Menschen verbinden.

Die Utopie war aufgezehrt

Aber die Stiftung eines gemeinsam anerkannten Sinns bleibt aus, weil für die jüngere deutsche Vergangenheit unterschiedliche Deutungsmuster im Umlauf sind. Eine Seite erklärt sich aus dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang der anderen Seite zum Sieger. Die Utopie war aufgezehrt. Dass die Utopie aufgezehrt war, leugnet auch das Lager der Besiegten nicht. Aber für sie war die deutsche Einheit Resultat ihres aktiven Widerstands gegen die Diktatur der Uneinsichtigen. Ein solches Narrativ wird dringend gebraucht, um all jene, die sich im Osten abgehängt fühlen, mit dem neuen Staat zu versöhnen und zu verbinden. Solche Versöhnung vermag ein Roman zu stiften, dessen künstlerische Wahrheit in der Tendenz der historischen entspricht, mithin dem kommunikativen Gedächtnis.