PfadnavigationHomeWirtschaftBenzinpreis„Kein Preis ist mit so vielen Ängsten verbunden, wenn er steigt“Stand: 11:58 UhrLesedauer: 7 MinutenTanken ist teuer gewordenQuelle: Sven Hoppe/dpaNoch gut einen Monat lang gilt der „Tankrabatt“, mit dem die Politik die Preise für Benzin und Diesel deutlich gesenkt hat. Eine Verlängerung ist bisher nicht geplant, Ökonomen raten davon auch ab. In Union und SPD gibt es aber schon andere Ideen.Kurz nach 11 Uhr an einer Tankstelle mitten in Berlin: Die Zwei vor dem Komma ist verschwunden. An den Zapfsäulen stehen zwei Transporter und drei Kleinwagen, die Fahrer füllen ihre Tanks für 1,89 pro Liter mit Diesel oder E10-Benzin. Super kostet um diese Zeit 1,95 Euro. Es ist offensichtlich: Der Tankrabatt, die von der Bundesregierung versprochene Entlastung der Autofahrer, funktioniert. An der Preistafel am Straßenrand kann das jeder ablesen.Um fast 17 Cent pro Liter hat der Bundestag die Steuerbelastung seit dem 1. Mai gesenkt. Im Tagesverlauf fallen die Spritpreise regelmäßig unter die Schwelle von zwei Euro, nachdem sie im April zeitweise Spitzen von 2,50 Euro pro Liter erreicht hatten. Einen Monat wird die Entlastung noch anhalten, etwa 1,6 Milliarden Euro fehlen danach im Bundeshaushalt. Nun stellt sich die Frage, was am 1. Juli passieren wird: Steigen die Benzinpreise dann wieder, weil der Tankrabatt abrupt endet?Lesen Sie auchDerzeit sieht alles danach aus. Mit Ausnahme von CSU-Chef Markus Söder finden sich in der Regierungskoalition aus Union und SPD kaum Stimmen für eine Verlängerung. Man sei zu weiteren möglichen Entlastungen in einem engen Austausch, sagt Armand Zorn, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag. „Wir sind uns einig, dass wir gezielter vorgehen wollen und diejenigen unterstützen müssen, die besonders stark von den Preissteigerungen betroffen sind.“ Zorn leitet mit seinem CDU-Kollegen Sepp Müller die „Energiepreis-Taskforce“ im Parlament. Dort hat man am Freitag über mögliche weitere Maßnahmen beraten. Es sind ja noch fünf Wochen Zeit. Womöglich löst US-Präsident Donald Trump den Konflikt mit dem Iran bis dahin, wird die Blockade der Straße von Hormus aufgehoben und der Ölpreis sinkt wieder. Das wäre der beste Fall, nicht nur für Autofahrer, sondern für die ganze Wirtschaft. Man beobachte, dass die Preise auch abseits der Tankstellen anziehen, sagt Zorn. Die Inflationsrate liegt bei 2,9 Prozent. „Das Leben der Menschen wird auch jenseits des Autofahrens teurer. Es muss also umso mehr darum gehen, die Kaufkraft der unteren und mittleren Einkommen insgesamt zu stärken, zum Beispiel über die Einkommenssteuer.“Die Auswirkungen des nun fast drei Monate andauernden Iran-Kriegs belasten Deutschlands Unternehmen stärker als erwartet. Steigende Preise für fossile Energie, unterbrochene Lieferketten und drohende Knappheiten strahlen in viele Bereiche aus. Ökonomen senken ihre Prognosen für das Wachstum in diesem Jahr immer weiter ab. Den Tankrabatt hält aber kein Wirtschaftsforscher für sinnvoll, denn er verstößt gegen zwei Grundprinzipien der sozialen Marktwirtschaft: Er hilft nicht zielgenau denen, die Hilfe brauchen, und er setzt Preismechanismen außer Kraft. Außerdem ist er vor allem Politikern der Union zu teuer und er widerspricht den Klimazielen, weil er fossile Energieträger fördert. SPD-Fraktionsvize Zorn verteidigt die Maßnahme als „schnelle und unkomplizierte Entlastung“, durch die man die Inflation leicht gebremst habe. Er gibt aber zu, dass die Preise auch unabhängig vom Tankrabatt gesunken sind. Und dass die Entlastung nicht zielgenau ist: „Der Porschefahrer profitiert davon sogar stärker als der Golf-Fahrer.“Monika Schnitzer, die Vorsitzende der fünf „Wirtschaftsweisen“, fordert ein Ende solcher Krisenmaßnahmen: „Wenn überhaupt, sollte man die wirklich Bedürftigen unterstützen und Haushalte mit sehr niedrigen Einkommen in den Blick nehmen“, sagt sie. „Öl auf dem Weltmarkt ist teurer, in Deutschland kostet das Kaufkraft. Wenn wir das ausgleichen wollen, geht das nur durch Umverteilung innerhalb der Gesellschaft. Eine höhere Verschuldung geht dabei zulasten unserer Kinder, die das zurückzahlen müssen.“ Wenn der Staat bei jedem Problem alle finanziell unterstütze, schaffe das eine falsche Erwartungshaltung, kritisiert Schnitzer. „In der Pandemie gab es die Wumms-Milliarden, in der Energiekrise nach 2022 Inflationsausgleich und so weiter. Das funktioniert irgendwann nicht mehr.“ Überzogene Versprechungen würden sich auch in schlechten Umfragewerten niederschlagen.Benzinpreis für alle sichtbarDabei sollten die Krisensitzungen im Bundestag und die Entlastungsbeschlüsse im Koalitionsausschuss die Stimmung eigentlich verbessern. Es gehe darum, die Handlungsfähigkeit der Politik zu demonstrieren, geben Abgeordnete zu. Plakativer als über den Preis an der Tankstelle kann man das kaum machen. „Tanken ist ein sehr emotional besetztes Thema. Fast jeder Bürger hat ein Auto, und der Benzinpreis ist durch die Preistafeln an den Tankstellen für alle sichtbar“, sagt Florian Neumeier vom Münchener ifo-Institut. „Kein Preis wird so stark wahrgenommen und ist mit so vielen Ängsten verbunden, wenn er steigt: Was bedeutet das für meinen Geldbeutel, was kann ich mir in den nächsten Monaten nicht mehr leisten?“ Das könnte den Impuls der Politik erklären, auf die gestiegenen Benzinpreise zu reagieren. „Die Lösung“, sagt Neumeier, „ist trotzdem falsch.“Der ifo-Forscher hat mit seinem Team untersucht, ob die Mineralölkonzerne die Steuersenkung tatsächlich an die Kunden weitergegeben haben. Daran hatte es vor der Einführung des Tankrabatts Zweifel gegeben. Nun sind die Preise um 14 bis 16 Cent gesunken – im Vergleich zu den durchschnittlichen Preisen in Frankreich, wo es keinen Tankrabatt gibt. Ein Grund dafür sei der große politische Druck, sagt Neumeier. Schon den ersten Tankrabatt während der Corona-Pandemie 2022 hatten die Unternehmen fast komplett an die Autofahrer weitergegeben. Damals gab es mehr „Rabatt“ und die Ausfälle im Staatshaushalt waren doppelt so hoch. SPD-Politiker will SpritpreisdeckelJetzt sucht die Politik nach Maßnahmen, die möglichst wenig kosten. Eine Übergewinnsteuer geistert noch immer durch die Diskussionen – favorisiert in den Reihen der SPD, abgelehnt von Bundeskanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Fraktionsvize Zorn will die Spritpreise direkt regulieren. „Die aktuelle Preisbildung im Mineralölmarkt funktioniert nicht im Sinne der Marktwirtschaft“, meint er. „Deshalb brauchen wir einen Spritpreisdeckel, der die Margen der Mineralölhersteller gesetzlich begrenzt. Es kann nicht sein, dass die Mineralölkonzerne auf dem Rücken der Verbraucher übermäßige Gewinne einfahren.“An diesem Punkt hatten Union und SPD schon zu Beginn der Energiepreiskrise im März angesetzt – und die Macht des Bundeskartellamts deutlich gestärkt. Nur kann die Wettbewerbsbehörde nicht einfach so die Preise senken. Sie muss in aufwendigen Verfahren nachweisen, dass Unternehmen ihre Marktmacht tatsächlich missbrauchen. Bisher ist ihr das nicht gelungen. Ifo-Ökonom Neumeier warnt vor zu hohen Erwartungen: „Es gibt im Kraftstoffmarkt auf jeder Wertschöpfungsstufe eine gewisse Konkurrenz, von den Raffinerien bis zu den Tankstellen“, sagt er. „Selbst wenn es das Kartellamt schafft, die Margen im Markt zu reduzieren, wird das nur wenige Cent am Benzinpreis ausmachen.“ Der eigentliche Kostentreiber liege auf der ersten Stufe, wo das Öl gefördert wird. „Dort gibt es kaum Wettbewerb, sondern mit der Opec sogar ein Kartell.“ Dagegen sind deutsche Behörden machtlos.Leider sind sie auch orientierungslos. Wie sich der Anstieg der Preise und der Tankrabatt auf den Verbrauch von Benzin und Diesel ausgewirkt haben, kann niemand seriös sagen. Das zuständige Bundesamt für Ausfuhrkontrolle hat seit Monaten keine aktuellen Zahlen veröffentlicht. „Die Daten für das Jahr 2026 werden derzeit verarbeitet. Ziel ist es, auch diese Angaben zeitnah zu veröffentlichen“, heißt es aus dem Amt. Statistiken internationaler Organisationen deuten darauf hin, dass die Benzin-Nachfrage in Deutschland im März insgesamt um drei Prozent zurückging, bei Diesel sogar um sechs Prozent. Das war vor dem Tankrabatt. Was danach passiert ist, ob die Deutschen Kraftstoff gespart haben – man weiß es nicht. Durch die Krise steuert die Politik weitgehend im Blindflug. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.Michael Fabricius beschäftigt sich im Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ mit Immobilienthemen und schreibt über alles, was Eigentümer, Mieter und Investoren betrifft. Gemeinsam mit Michael Höfling ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ verantwortlich, den Sie hier abonnieren können.Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.