Vor allem eine Szene kann jetzt wieder rausgekramt werden aus den Archiven, sie passt ideal als Intro für dieses Finale der Champions League: wie die deutsche Nationalspielerin Jule Brand der Spanierin Alexia Putellas im Kabinengang des Fritz-Walter-Stadions gegenübersteht, beide mit dem kurz vorher ausgezogenen Trikot der jeweils anderen in der Hand. „Danke für das Jersey“, sagt Brand nach dem Final-Hinspiel der Nations League zur zweimaligen Weltfußballerin und Weltmeisterin. Putellas antwortet lächelnd mit einer Ansage: „Viel Glück mit Lyon, aber nicht gegen uns!“ Brand schaut etwas schüchtern und wiegelt schnell höflich ab: „Nein, nein!“, als ginge es darum, den Eltern zu versichern, dass man von einer Party ganz bestimmt nicht zu spät nach Hause kommen werde.Damals führte Putellas mit dem FC Barcelona die Gruppenphase der Champions League punktgleich mit Brands Verein OL Lyonnes an. Fünf Monate und drei Wochen später stehen sich die derzeit besten Teams Europas diesen Samstag (18 Uhr, ZDF-Livestream) im Endspiel der Königsklasse gegenüber. Und dass sich Olympique auf den Weg nach Norwegen ins ausverkaufte Osloer Ullevaal-Stadion machen konnte, hat viel mit Jule Brand zu tun.MeinungChampions-League-Halbfinale:Der FC Bayern zeigt dem deutschen Frauenfußball, was möglich istIm Halbfinale gegen Titelverteidiger FC Arsenal verlor Lyon das Hinspiel 1:2, einziger Treffer: Brand. Bei der Aufholjagd im Rückspiel lieferte sie erst eine Vorlage und schoss dann das 3:1-Siegtor in der 86. Minute – so umjubelt und so schön, dass Brand später erzählte, sie habe sich ihren Schuss mit dem linken Fuß aus spitzem Winkel noch einige Male angeschaut: „Ich glaube, ich war nie glücklicher in meinem Leben.“ Es war ein Tor mit Symbolkraft, das für die Entwicklung dieser Fußballerin steht.Erst vergangenen Sommer war die 23-Jährige vom VfL Wolfsburg nach Frankreich gewechselt, raus aus der Komfortzone, rein in ein Team mit einer besonders hohen Dichte an Können, Ego und Ehrgeiz. All diese großen Namen – und sie mittendrin. Am ersten Tag, hat Brand erzählt, sei sie sehr nervös gewesen: Alles neu, der erste Umzug ins Ausland, sie tat sich schwer. Für die französische Sprache gilt das noch immer, auf dem Platz aber hat Brand sich im harten Konkurrenzkampf zwischen selbstbewussten Anführerinnen wie Ada Hegerberg und Wendie Renard etabliert, Brand ist selbst zu einer zentralen Figur geworden.Dass Jonatan Giráldez OL im Sommer übernommen hat, könnte der entscheidende Trumpf sein in diesem Finale der SuperlativeDass sie in jeder Einheit auf einem Niveau und mit einer Intensität trainiert, die nur wenige Klubs bieten können, hat sie reifer werden lassen. Brand hat ihre oft binnen einer Partie auftauchenden Schwankungen zwischen Weltklasse und fahrigem Dribbling-Aktionismus besser in den Griff bekommen. Sie wirkt fokussierter, agiert effizienter und ruhiger. In der Champions League hat ihr das je drei Tore und Vorlagen gebracht, auf sechs Scorerpunkte kommt bei Lyon sonst nur Melchie Dumornay, die mit einer Spitzengeschwindigkeit von 31,4 km/h die OL-Offensive antreibt. Während Bundestrainer Christian Wück zuletzt vor allem eine Spielmacherin in Brand sah, ist sie bei Lyon unter Coach Jonatan Giráldez in ihrem eigentlichen Revier auf dem Flügel unterwegs – nicht immer 90 Minuten, nicht immer von Anfang an, aber mit steigender Tendenz und steigender Anerkennung.Auf dem Weg ins Finale besiegten Alexia Putellas (li.) und der FC Barcelona im Halbfinale den FC Bayern um Giulia Gwinn. Albert Gea/ReutersDass Giráldez nach einer Saison in den USA bei Washington Spirit im Sommer 2025 OL übernommen hat, könnte der entscheidende Trumpf sein in diesem Finale der Superlative: Lyon ist mit acht Titeln der Rekordsieger, Barça stand in sechs der sieben jüngsten Endspiele, davon nun zum sechsten Mal in Serie, auch das ein Rekord. Giráldez kennt nicht nur den gegnerischen Verein und die Spielerinnen bestens, er kennt auch Pere Romeu taktisch „in- und auswendig“, wie dieser jüngst sagte. Seit 2019 war Giráldez Co-Trainer von Barças Frauen, von 2021 bis 2024 ihr Cheftrainer mit Romeu als Assistent. Zehn von zwölf möglichen Trophäen gingen in dieser Zeit an ihr Team, 2023 und 2024 gewannen sie die Champions League.Viel von dem, was Giráldez damals etabliert hat, bildet bis heute die Grundlage für die Arbeit von Romeu im für Barça typischen Ballbesitzfußball. 124 Tore haben die Katalaninnen in der Liga erzielt, das zweitplatzierte Real Madrid 59. In der Königsklasse sind sie als Einzige ungeschlagen. Auf Lyon wartet eine der gefährlichsten Offensiven Europas, noch dazu die wohl beste Mittelfeldreihe mit der wieder genesenen Aitana Bonmatí, Patricia Guijarro und Putellas. In seinem neuen Team verfügt Giráldez allerdings über eine Qualität, die nicht minder außergewöhnlich und stärker von Physis und Geschwindigkeit geprägt ist. Wenn dann auf den letzten Metern noch die schnelle Dribbelkunst von Jule Brand hinzukommt, könnte es auch für den FC Barcelona schwer werden.Das letzte Mal, dass Brand diesem Klub im Champions-League-Finale begegnete, 2023 mit dem VfL Wolfsburg, musste sie von Anfang bis Ende zusehen, wie aus einem 2:0 eine 2:3-Niederlage wurde. Das immerhin dürfte ihr dieses Mal nicht passieren. Nein, nein!
Jule Brand im Finale der Champions League: So glücklich wie nie
Dass Lyon gegen den FC Barcelona im Finale der Champions League steht, liegt auch an Jule Brand – die sich unter den Größen des Rekordsiegers etabliert hat. Und der hat noch einen anderen Trumpf.













