Schon in den Minuten zuvor hatte es keinen Zweifel mehr daran gegeben, wer an diesem Abend im Osloer Ullevaal-Stadion die silberne Trophäe in den Himmel recken würde. Aber sollte trotzdem noch irgendein Anhänger von OL Lyonnes an ein französisches Fußballwunder in diesem Finale der Champions League geglaubt haben, so stach Salma Paralluelo in der 90. Minute diese Traumblase kaputt.Die 22-Jährige vom FC Barcelona brillierte erst mit der Ballannahme, dann beim Abschluss mit ihrem linken Fuß aus halblinker Position unter die Latte. Ein Traumtor. Und auch, weil Lyon es zuließ, setzte sie nach einem Konter noch einen drauf: Ewa Pajor preschte mit all der Energie, die ihr in der dritten Minute der Nachspielzeit noch blieb, Richtung Strafraum. Der Querpass kam im idealen Moment zu Paralluelo, die entgegen der Laufrichtung von OL-Torhüterin Christiane Endler ins untere rechte Eck abschloss. Und wie Paralluelo danach ihre Hände vor der Brust auf einer Linie immer wieder von innen nach außen bewegte, sagte alles: Schluss! Aus! Finito!Jule Brand im Finale der Champions League:So glücklich wie nieDass Lyon gegen den FC Barcelona im Finale der Champions League steht, liegt auch an Jule Brand – die sich unter den Größen des Rekordsiegers etabliert hat. Und der hat noch einen anderen Trumpf.Nachdem die erste, torlose Halbzeit dieser hochklassigen Partie Lyon gehört hatte, zeigte Barça abermals die zermürbenden Qualitäten, die auch der VfL Wolfsburg 2023 bei der bislang letzten Finalteilnahme eines deutschen Vereins schmerzlich zu spüren bekommen hatte. Schon damals, beim 3:2-Erfolg Barcelonas, war die deutsche Nationalspielerin Jule Brand dabei. Nun musste sie abermals miterleben, wie das Team um die mehrmaligen Weltfußballerinnen Alexia Putellas und Aitana Bonmatí dank der beiden Doppelpacks von Ewa Pajor und Paralluelo nach der Pause aufdrehte und mit 4:0 triumphierte. Und mit dem vierten Champions-League-Titel nach 2021, 2023 und 2024 das Triple holte – ausgerechnet gegen Lyon, den Rekordsieger mit acht Titeln, der so sehr danach darbte, nach 2022 wieder im wichtigsten internationalen Klubwettbewerb zu triumphieren.„Das ist unglaublich, der schönste Tag meines Lebens“, sagte die frühere Wolfsburgerin Pajor mit Tränen in den Augen. „Von Anfang bis Ende war es ein hartes Spiel, aber wir haben es so, so gut gemacht. Wir haben um den Sieg gekämpft, und genau das tut dieses Team jeden Tag: kämpfen, um die beste Mannschaft der Welt zu sein.“In der 14. Minute gelingt Lyon die verdiente, aber nur vermeintliche FührungIn den vergangenen elf Jahren stand stets entweder OL Lyonnes oder der FC Barcelona im Finale, 2019 erstmals im direkten Duell. Damals machte Ada Hegerberg beim 4:1 mit einem Hattrick noch die Ansage, wer die Königinnen Europas sind. Aber allein, dass Barça nun zum sechsten Mal in Serie das Endspiel bestritt, was sonst kein Klub geschafft hat, zeigt, dass Lyon kein Abonnement mehr auf diese Trophäe hat. So wie diese Klubs die Finalstatistik dominieren, stachen sie auch in der Saison hervor. Barcelona (246) und Lyon (240) haben die meisten Schüsse abgegeben und kommen im Schnitt mit 64,7 Prozent (Barcelona) sowie 59,8 (Lyon) auf den meisten Ballbesitz. Was kaum verwundert, Barça ist Barça und Lyon hat seit dieser Saison in Jonatan Giráldez einen Trainer, der sehr erfolgreich ab 2019 als Co- und von 2021 bis 2024 Chefcoach von Barças Frauen arbeitete.In diesem Finale bekamen die Katalaninnen dann auch früh zu spüren, dass da auf der anderen Seite jemand stand, der sie, ihren Trainer Pere Romeu – Giráldez früherer Assistent – und die Philosophie des Vereins auswendig kennt. Barcelona ist es gewohnt, zu dominieren, egal gegen wen. Nun aber hatte Lyon den Ball öfter am Fuß und passte ihn häufiger hin und her – das spanische Tiki-Taka? Kam nicht zur Entfaltung.Egal, was Barcelona versuchte, die Kontrolle in dieser intensiven ersten Halbzeit behielten die Französinnen. In der 14. Minute gelang OL dann auch die verdiente, aber nur vermeintliche Führung: Nach einem Freistoß von Selma Bacha kam die 1,87 Meter große Wendie Renard sträflich frei zum Kopfball. Den wehrte Cata Coll noch ab, den Nachschuss von Lindsey Heaps aus kurzer Distanz nicht. Aber der Videoschiedsrichter, seit 2020 im Champions-League-Finale eingesetzt, meldete sich: Heaps stand im Abseits.Zu schnell für Ingrid Engen (re.), zu präzise für Torhüterin Christiane Endler: Barcelonas Torjägerin Ewa Pajor traf gleich zweimal im Finale und leitete damit den Titelgewinn ein. Piroschka Van De Wouw/ReutersVielleicht wären die Machtverhältnisse schon kurz danach gekippt, hätte Ewa Pajor ihre Chancen genutzt, statt das Außennetz zu treffen (18.) und am Tor vorbeizuschießen (35.). Ausgerechnet Pajor, die bis Samstag in 39 wettbewerbsübergreifenden Einsätzen 29 Tore geschossen hatte. Aber an diesem Abend wirkte auch die sonst so effiziente Polin latent verunsichert vom physischen, schnellen Spiel Lyons und dem unerwartet hohen Druck. Bis zur 55. Minute.Da traf Barças Torjägerin dann doch in ihrem sechsten Champions-League-Finale: Ihre frühere Mitspielerin Ingrid Engen konnte die 29-Jährige nicht aufhalten, Lyons Torhüterin Christiane Endler hatte keine Chance, an Pajors präzisen Abschluss ins lange Eck ranzukommen. Der Führungstreffer markierte ihr zehntes Tor in zehn Champions-League-Spielen, damit überholte Pajor als erfolgreichste Torjägerin dieser Saison Alessia Russo von Titelverteidiger Arsenal. Vor allem aber änderte sich nun die Dynamik. Jetzt bestimmte Barcelona.In der 69. Minute setzte Pajor noch eins drauf. Erst wirkte der Ball im Strafraum nach ein paar Stationen verloren, dann landete er wieder bei Pajor. Und weil die Augen aller OL-Spielerinnen auf dem Ball lagen, entging ihnen, wie Pajor im Strafraum lauerte. Völlig frei nahm sie den Pass von Salma Paralluelo an und schloss aus kurzer Distanz mühelos zum 2:0 ab. Der Ball lief nun wieder wie an einer Schnur aufgezogen zwischen den Füßen der Katalaninnen. Hatte es in der ersten Halbzeit noch so gewirkt, als würde Lyon über einen der gefürchteten Standards in Führung gehen, ergab sich dieses Mittel in der zweiten Halbzeit kaum noch. Und weil Barça sich nun besser eingestellt hatte, sich effektiver in die Lauf- und Passwege stellte, war schon bald klar, dass den Französinnen in ihrem zwölften Endspiel kein Fußballwunder mehr gelingen würde. Daran änderte auch die Einwechslung von Tabitha Chawinga nichts mehr, die mit 31,5 km/h die schnellste Spielerin von allen ist und bei einer Großchance noch die Gelegenheit vergab, das Momentum wieder auf Lyons Seite zu ziehen.Paralluelo mag da nicht mithalten können. Aber die leichtfüßige Offensivkünstlerin, die in ihrer Kindheit ein Ausnahmetalent in der Leichtathletik war, musste nicht auf Spitzengeschwindigkeiten kommen. Am Ende reichte es auch so zu zwei Toren – und die Rückkehr für ihre Auswahl an die europäische Spitze.