Achtzig Jahre Unimog: der beste Geländewagen der Welt?Geländegängig, unverwüstlich, vielseitig und schnell. Der Unimog veränderte vor achtzig Jahren die Landwirtschaft. Aber auch bei Feuerwehren, Armeen und Weltreisenden kommt er gut an. Zum Jubiläum hat Unimog nun einen Luxus-Allrader als Einzelstück gebaut.Fabian Hoberg23.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenLuxus kann er auch: Der Unimog Typ U 4023 soll als Einzelanfertigung zeigen, was sich aus der Baureihe alles herstellen lässt.PDEs ist ein klarer und kühler Morgen im Schwarzwald. Nebelschwaden kriechen zwischen die Tannen und Gebäude des Unimog-Museums in Gaggenau, wabern um ein ganz besonderes Fahrzeug: den luxuriösesten Unimog aller Zeiten. Hoch steht er da, mit grossen und breiten Stollenreifen, Unterfahrschutz und Rundum-LED-Beleuchtung. Der Lack – tiefgrau, durchzogen von metallischen Reflexen – saugt das Licht auf und gibt es in feinen, silbernen Nuancen zurück. Jede Kante ist geschärft, jede Linie bewusst gesetzt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon auf den ersten Blick wird klar, dass dies kein Fahrzeug für Strassendienst, Försterei oder die freiwillige Feuerwehr ist. Dieser Unimog U 4023 der hochgeländegängigen Baureihe wurde von Hellgeth Engineering veredelt. Der Spezialist hat im Auftrag von Daimler Truck ein Einzelstück zum 80. Geburtstag gebaut, das aus dem Arbeitsgerät einen Lifestyle-Lkw macht. Dieses Projekt soll zeigen, wie vielseitig der Unimog auch heute noch sein kann. Wir haben es getestet und werfen einen Blick auf die illustre Historie des Alleskönners.Mit dem edlen Jubiläums-Unimog kann sich der Fahrer sogar zum Fünfsternehotel wagen.PDStatt des serienmässigen Vierzylinders als Mittelmotor arbeitet nun ein OM936-Sechszylinder mit 7,7 Litern Hubraum mitten unter der Fahrerkabine. 300 PS und starke 1200 Newtonmeter Drehmoment entwickelt das Triebwerk maximal. Um diese Kraft besser verteilen zu können, setzt Hellgeth auf permanenten statt zuschaltbaren Allradantrieb. Die hohen Portalachsen und das Mitteldifferenzial lassen sich zusätzlich schnell per Drehregler sperren – ideal für eine rutschige Fahrt im Schlamm oder Wald.Der Innenraum entspricht der S-KlasseDie Fahrertür öffnet sich mit einem dumpfen Klang. Über ein paar Stufen klettert man in die luftige Doppelkabine mit vier Sitzplätzen. Kein Detail wirkt zufällig, keine Komponente überflüssig. Titan-Akzente, versteckte LED-Leisten und massgefertigte Trittstufen zeugen von Präzision. Innen entfaltet sich eine Welt, die man in einem Nutzfahrzeug nicht erwartet: Warmes Ambiente-Licht flutet das sonst so rustikale Interieur. Das handvernähte Nappaleder fühlt sich so weich an wie ein Thron. Die Sitze sind ergonomisch geformt und mit farbigen Steppnähten versehen. Die LED-Beleuchtung verwandelt das Cockpit in ein futuristisches Kommandozentrum.Auf Knopfdruck erwacht dieses Cockpit zum Leben. Analoge Rundinstrumente zittern kurz und stehen dann ruhig, während daneben ein massgeschneidertes Display Echtzeitdaten wie Differenzialsperren-Status, Reifendruck und Aussentemperatur anzeigt. Zusätzlich gibt es das «Mirrorcam»-System: Digitale Kameras ersetzen die alten Aussenspiegel, die Bilder flimmern auf kleinen Displays. Der Fahrer hat jeden Winkel des Unimog fest im Blick und fühlt sich mehr wie in einem SUV als in einem Nutzfahrzeug.Lederausstattung ist bei Unimog-Modellen die Ausnahme. Aus dem sonst rustikalen Cockpit wurde eine modernere Schaltzentrale.PDDer Sechszylinder brabbelt im Stand, tief und sonor. Der Klang verspricht nicht etwa aggressive Sportlichkeit, sondern kontrollierte Kraft. Die Portalachsen stehen breit und selbstbewusst im Raum, die grobstolligen Reifen greifen bereits im Stillstand nach Abenteuer.Mit einer Handbewegung aktiviert sich die Automatik auf der rechten Seite des Lenkrads. Jetzt stellt das Getriebe je acht Gänge für Strasse und Gelände zur Verfügung. Die Feststellbremse gelöst, leichter Druck aufs Gaspedal: Sofort zieht der gut 5,8 Tonnen schwere Unimog los, rollt über die mattgrau lackierten 20-Zoll-Räder wuchtig ab. Die geschraubten Felgen verhindern, dass sich bei niedrigem Luftdruck die Reifen von ihnen lösen.Bleibt der rechte Fuss auf dem Gaspedal, kuppelt und schaltet das Getriebe mit kurzer Unterbrechung automatisch zügig und laut klackend hoch. Auf Asphalt vermittelt der Lkw trotz seiner Grösse und seinem Gewicht ein erstaunlich kontrolliertes Fahrgefühl. Die Lenkung ist direkt, die Federung schluckt Unebenheiten souverän, und selbst Kurven werden von der massiven Plattform erstaunlich ruhig gemeistert.Meilensteine der MobilitätVon den ersten Bestsellern bis zu Kultklassikern – hinter jedem Jubiläum steckt eine Erfolgsgeschichte. In einer Serie blicken wir zurück auf prägende Fahrzeugmodelle, ordnen sie historisch ein und zeigen, warum sie bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.Ungewöhnlich spritzig arbeitet der 7,7-Liter-Sechszylinder, schiebt den schweren Unimog bei jedem Gasstoss mühelos an. Dank lang übersetzter Hinterachse könnte der Unimog fast 110 km/h schnell fahren. Doch sein Metier sind Stock, Stein und Schlamm im Gelände.Abseits der Strasse zeigt der edle Unimog sein KönnenOffroad entfaltet der Unimog seine wahre Stärke: Portalachsen und Allradantrieb mit Differenzialsperren erlauben das souveräne Überwinden von Geröll, steilen Hängen oder schlammigen Passagen. Natürlich soll auch das getestet werden. Ein steiler, loser Hang bietet sich perfekt dafür an. Nun heisst es, das Untersetzungsgetriebe und die Differenzialsperre zu aktivieren und das Lenkrad ganz stark festzuhalten.Erntehelfer mit 25 PS: Die halbautomatische Kartoffel-Pflanzmaschine war ein Anbaugerät aus den Anfangsjahren des Unimog. Die Spurbreite war auf die Kartoffelreihen ausgelegt, so passten zwei Kartoffelreihen genau zwischen die Räder.PDDer Motor liefert schon aus dem Stand ein Drehmoment wie eine Naturgewalt, die Reifen krallen sich in den Untergrund, Steine spritzen zur Seite. Es gibt kein Rutschen, kein Zögern – der Unimog steigt, entschlossen, unaufhaltsam, ohne zu schnaufen. Auch in schwierigstem Gelände bleibt das Fahrzeug neutral und gut kontrollierbar. Der Unimog fährt dort weiter, wo Fussgänger längst stolpern und Geländewagen steckenbleiben.Dank einer erhöhten Watfähigkeit von 1,2 Metern statt 80 Zentimetern wären auch kleine Flüsse kein Hindernis. Der Reifendruck lässt sich bequem vom Fahrersitz aus für unterschiedliche Untergründe anpassen. Oben angekommen, hält der Unimog kurz inne, während der Wind über die kantige Motorhaube streicht. Im Innenraum bleibt es still, die Geräuschdämmung kapselt die Welt und den Antrieb ab, ohne sie auszublenden.Die Fahrt im neuen Unimog beschreibt genau das, wofür das Fahrzeug ursprünglich entwickelt wurde: ein universell einsetzbares Motorgerät für Landwirtschaft, Handwerk, Militär und Expedition. Er entsteht aus einer Notwendigkeit heraus: Im November 1945 erhält der ehemalige Daimler-Flugmotorenentwickler Albert Friedrich von der amerikanischen Militärregierung die Erlaubnis, ein motorbetriebenes Nutzfahrzeug für die Landwirtschaft zu entwickeln. Es soll robust sein, aber keinesfalls für militärische Zwecke eingesetzt werden können.Friedrich beginnt zu tüfteln, zu skizzieren und zu planen, doch er folgt den strengen Auflagen nicht vollständig. Sein Entwurf ist ein Allradfahrzeug mit vier gleich grossen Rädern, 25 PS, Kriechgängen und einer Pritsche.Schon bald wird der Unimog als mehrachsiges Motorfahrzeug für landwirtschaftliche Zwecke patentiert. Im November 1946 erhält das Fahrzeug den heute bekannten Namen. Ab 1948 läuft die Produktion beim Maschinenbauunternehmen Boehringer in Göppingen an.Erste Prüffahrt des Prototyps U1 am 9. Oktober 1946. Am Steuer, auf einer Holzkiste sitzend, der Unimog-Konstrukteur Heinrich Rössler, rechts daneben Hans Zabel, Namensgeber des Unimog.PDAnders als die langsamen Schlepper seiner Zeit überzeugt der Unimog durch extreme Geländegängigkeit. Seine Vielseitigkeit ist bahnbrechend: Überall lassen sich Geräte anbringen – vorne, hinten, seitlich oder sogar mittig –, und genau diese universellen Einsatzmöglichkeiten verleihen ihm seinen Namen: Universal-Motor-Gerät, kurz Unimog. Als Markenzeichen dient ein stilisierter Ochsenkopf mit Hörnern in Form eines U.Die ersten Unimog rollen in die SchweizBis 1951 verlassen 600 Fahrzeuge die Fertigung, darunter 44 Fahrzeuge für die Schweizer Armee als ersten Exportkunden. Dann kauft Mercedes die Firma, und die Produktion zieht nach Gaggenau. Dort wird die überarbeitete Version produziert.Jede Baureihe birgt Innovationen: Portalachsen, Allradantrieb, Differenzialsperren, Komfortkabinen und Hightech-Systeme. Heute steht der Unimog als Synonym für Geländetauglichkeit, Vielseitigkeit und langlebige Ingenieurskunst. In den vergangenen rund achtzig Jahren verkauft sich der Unimog über 400 000 Mal in mehr als hundert Ländern.Als Nutzfahrzeug war der Unimog auch mit Ballonreifen ausrüstbar.PDDen edlen U 4023 von Hellgeth aber gibt es als einzigartiges Geburtstagsgeschenk nicht zu kaufen. Daimler Truck prüft jedoch intern, ob es nicht doch eine Kleinserie von dem Luxus-Unimog auflegen könnte – für Allradfans, die das Besondere suchen. Ein Preis steht noch nicht fest, aber das Einzelstück mit dem Vierzylindermotor kostet mit ein bisschen Ausstattung 240 000 Euro.Die Testfahrt wurde von Daimler Truck unterstützt.Passend zum Artikel