«Da ist ein Staatsstreich in vollem Gange» – Washington vermutet organisierte Kriminalität hinter den Protesten in BolivienDie Regierung von Rodrigo Paz gerät nach nur sechs Monaten an der Macht massiv unter Druck. Der Präsident sucht den Dialog, doch die Unruhen gehen weiter.23.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenTausende demonstrieren in La Paz gegen die Regierung.Luis Gandarillas / EPAWieder erleben die Bewohner von La Paz politische Turbulenzen. Dabei hatten viele gehofft, dass diese mit dem Regierungswechsel vor einem halben Jahr endgültig vorüber seien. Seit rund zwei Wochen protestieren Landarbeiter, Gewerkschaften und indigene Gruppen gegen die Regierung von Präsident Rodrigo Paz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Demonstrationen werden zunehmend gewaltsam. La Paz ist seit Tagen von der Aussenwelt abgeschnitten: Benzin und zunehmend auch Lebensmittel werden knapp, die Regale in den Supermärkten leeren sich. Noch haben die Unruhen nicht auf andere Städte übergegriffen. Doch die Demonstranten fordern den Rücktritt des Präsidenten. Mit Strassensperren rund um das in einem Talkessel gelegene La Paz erhöhen sie nun den Druck auf den Regierungschef.Mit der Wahl des 58-jährigen Mitte-rechts-Politikers rückte Bolivien nach zwei Jahrzehnten linker, von indigenen Bewegungen geprägter Regierungen deutlich nach rechts.Die Proteste erinnern viele an das turbulente Ende der Ära der Bewegung MAS (Movimiento al Socialismo). Nach der Absetzung von Präsident Evo Morales, der das Land von 2006 bis 2019 regierte, war es monatelang zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. Auch jetzt vermuten einige, dass der vor der Justiz geflohene Morales und seine Anhänger hinter den Unruhen stecken.Der Benzinmangel macht sich überall bemerkbar: Die öffentliche Müllabfuhr arbeitet schon seit Wochen nicht mehr.Claudia Morales / ReutersWashington sieht «ein finsteres Bündnis» hinter den UnruhenIn den USA werden die Unruhen im Andenland genau beobachtet. «Wir werden nicht zulassen, dass Kriminelle und Drogenhändler demokratisch gewählte Staatschefs in unserer Hemisphäre stürzen», erklärte der amerikanische Aussenminister Marco Rubio am Mittwoch auf X. Zuvor hatte der stellvertretende Aussenminister Christopher Landau bei einem Treffen des Council of the Americas in Washington zu Wochenbeginn behauptet, dass in Bolivien ein Staatsstreich stattfinde. «Es ist ein Staatsstreich, der von diesem finsteren Bündnis aus Politik und organisierter Kriminalität in der gesamten lateinamerikanischen Region finanziert wird», sagte er.In Bolivien reagierte Präsident Rodrigo Paz auf die Proteste mit Dialog und Entgegenkommen. Er übte Selbstkritik und räumte ein, dass seine Regierung die sozialen Gruppen zu wenig ernst genommen habe. In seinem Kabinett waren von den 15 Ministern zum Amtsantritt die indigenen Gruppen und die einflussreichen Gewerkschafter aus Bergbau und Landwirtschaft deutlich unterrepräsentiert.Dabei stellen Aymara- und Quechua-Indigene rund zwei Drittel der Bevölkerung des Landes. Die Arbeiter im Bergbau zählen zu den politisch am besten organisierten Gruppen Boliviens. Schon im November sagten Experten, dass wegen der fehlenden Repräsentanz der wichtigen politischen Akteure das Risiko sozialer Unruhen hoch sei.Die Bergbaugewerkschafter gelten traditonell als gut organisiert.Juan Karita / APEs werden neue Proteste erwartetNun kündigte Paz eine Kabinettsumbildung an. Gleichzeitig will er ein sozialökonomisches Forum einrichten, bei dem die Protestgruppen gegenüber dem Staat und Vertretern der Wirtschaft ihre Interessen artikulieren sollen. Dennoch sind alle diese Massnahmen im Detail noch unklar. Auch bei einer öffentlichen Ansprache im Fernsehen mit anschliessender Befragung durch Journalisten sei Paz blass geblieben und habe nicht überzeugt, so der Tenor vieler Medienkommentare. Für die nächsten Tage werden deshalb neue Unruhen erwartet.Insgesamt werfen politische Beobachter in Bolivien dem Präsidenten im ersten Halbjahr seiner fünfjährigen Amtszeit mangelndes Durchsetzungsvermögen vor. Denn Paz war als Reformpräsident gewählt worden, der nach der Misswirtschaft der linken Vorgängerregierungen das Land aus der schweren Wirtschaftskrise steuern sollte. Mit einer deutlichen Mehrheit war er gewählt worden, auch von traditionell linken Wählern.Doch den Vertrauensvorschuss an den Urnen hat er inzwischen verspielt. «Paz ist mit seinem Reformprogramm bisher kaum vorangekommen», sagt die Politologin Gabriela Keseberg Dávalos. «Mehrere Reformvorhaben mussten nach massiven Protesten wieder zurückgezogen werden.»So reagierten die Bauerngewerkschaften empört auf einen Gesetzesentwurf, der Kleinbauern Zugang zu Krediten verschaffen sollte. Die Gewerkschaften befürchteten eine schleichende Privatisierung von Landeigentum und ihre eigene Entmachtung. Dagegen konnten sie erfolgreich die Bauern mobilisieren.Die Demonstrationen werden gewalttätiger. Im Zentrum von La Paz schliessen Ladenbesitzer bei aufflammenden Protesten sofort ihre Läden.Claudia Morales / ReutersPaz sucht den Dialog, wenn die Situation bereits eskaliert istPaz versuche, anders zu regieren als seine Vorgänger, sagt die Expertin Dávalos. Er setze eher auf Dialog als auf Konfrontation. «Das Problem ist allerdings, dass er den Dialog oft erst dann sucht, wenn die Situation bereits eskaliert ist», sagt sie. Dadurch entstehe häufig der Eindruck, er improvisiere und habe keine wirkliche Strategie. Da Paz zudem unter dem Druck der Proteste schnell einknicke, fühlten sich andere Interessengruppen ermuntert, nun ebenfalls ihre Forderungen zu erheben, so Dávalos.Unklar bleibt, welche Rolle der Ex-Präsident Evo Morales bei den Unruhen spielt. Er kommentiert die Proteste regelmässig öffentlich. «Morales profitiert politisch von der Krise, treibt sie aber kaum selbst an», sagt die Expertin. Morales gelte inzwischen als weitgehend isoliert, nachdem seine Partei bereits bei den Regionalwahlen im März erneut schlecht abgeschnitten habe.Morales fürchtet zudem, dass die USA gemeinsam mit dem bolivianischen Militär eine Operation zu seiner Festnahme vorbereiten. Als Beispiel führen seine Anhänger das Vorgehen Washingtons gegen Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro im Januar an, das die USA mit dessen Verwicklung in den Drogenhandel begründeten.Der frühere Präsident Evo Morales fürchtet sich vor einer Festnahme durch die Amerikaner.Patricia Pinto / ReutersBolivien ist Teil von Trumps «Shield of the Americas»Der Einfluss der USA in Bolivien hat unter Paz wieder deutlich zugenommen. Die beiden Staaten wollen wieder Botschafter entsenden. Damit ist die 17-jährige diplomatische Eiszeit zwischen den Ländern beendet. Evo Morales hatte 2008 den amerikanischen Botschafter sowie die Drogenbehörde DEA aus Bolivien ausgewiesen.Seit März ist Bolivien zudem Teil des von Präsident Donald Trump ins Leben gerufenen «Shield of the Americas». Zwölf Rechts-Mitte-Regierungen aus Lateinamerika haben dieses Abkommen unterzeichnet. Es ist eine sicherheits- und militärpolitische Allianz, welche die Dominanz der USA in Lateinamerika stärken soll. Gemeinsam wollen die Staaten Drogenkartelle und organisierte Kriminalität bekämpfen, die Migration kontrollieren sowie den Einfluss von China, Russland und Iran zurückdrängen.Passend zum Artikel