Die grosse Öl-Illusion: Die weltweiten Vorräte reichen viel weniger weit, als es scheint Rund um den Globus sind mehr als 7 Milliarden Fass Erdöl und Ölprodukte gelagert. Theoretisch genügt das für mehr als zwei Jahre Iran-Krieg. Praktisch reicht es nur bis Ende des Sommers.23.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Öllager im Hafen von Hongkong: Nur ein Teil der Mengen in den Tanks und Pipelines dieser Welt lässt sich tatsächlich nutzen.Joyce Zhou / ReutersEine der wichtigsten Meerengen der Welt ist dicht. Seit fast drei Monaten verlassen kaum noch Erdölexporte die Golfregion durch die Strasse von Hormuz. Seit fast drei Monaten teilt sich der Ölmarkt in zwei Gruppen: jene Händler und Investoren, die sich deswegen kaum Sorgen machen. Und solche, die sich grosse Sorgen machen – auch über die erste Gruppe, eben weil diese sich keine Sorgen macht. Wer hat recht?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Diskrepanz der Meinungen ist nachvollziehbar. Einerseits erlebt die weltweite Ölversorgung den schwersten Ausfall der jüngeren Geschichte. Dem Markt fehlen grössere Mengen an Rohöl und Ölprodukten als in den beiden schweren Ölkrisen der 1970er Jahre zusammengenommen, wie die Internationale Energieagentur (IEA) betont. Ihre über dreissig Mitgliedsländer haben bereits im März beschlossen, Pflichtlager und strategische Reserven in noch nie gesehenem Ausmass anzuzapfen.Andererseits liesse sich angesichts der Grössenverhältnisse tatsächlich fragen: Wo ist das Problem? Die rekordhohe Reservenfreigabe der IEA beläuft sich auf 400 Millionen Fass (zu je 182 Liter). Doch vor Kriegsbeginn befanden sich rund 8,2 Milliarden Fass Rohöl und Ölprodukte in den weltweiten Lagern. Das war aussergewöhnlich viel, denn der Markt war zuvor sehr gut versorgt. Es herrschte ein Überangebot.Es ist viel Öl in den Lagern – und zugleich wenigJetzt leeren sich die weltweiten Lager in Rekordtempo. Bis Ende April sind die Vorräte laut der IEA auf geschätzt 7,9 Milliarden Fass gesunken. Bis Ende Mai dürfte der Bestand auf 7,6 Milliarden Fass zurückgehen, erwartet die UBS. Die Lager füllen jene Angebotslücke, die durch den Exportausfall der Golfländer entstanden ist. Denn die globale Nachfrage ist zwar etwas gesunken, aber längst nicht um so viel, um die fehlenden Exporte aus dem Nahen Osten auszugleichen.Mehr als 7 Milliarden Fass sind also derzeit noch in den Lagern. Das ist viel. Rein rechnerisch könnte der Iran-Krieg bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit der Entnahme noch mehr als zwei Jahre anhalten, bis die Tanks leer sind. Das beruhigt offenbar viele Marktteilnehmer. Der Preis für ein Fass Rohöl der Referenzsorte Brent steht unter 110 Dollar – ein angesichts der ausgefallenen Förderung bemerkenswert niedriger Wert. Dem Weltmarkt fehlen rund 15 Prozent der üblichen Produktion.Aber mehr als 7 Milliarden Fass ist auch wenig. Die Sicherheit der Lager ist trügerisch. «Der Puffer durch die globalen Reserven ist ziemlich begrenzt», sagt Francisco Blanch, Chef des Rohstoff-Research bei der Bank of America. «Wenn die gegenwärtige Nachfrage anhält und die Strasse von Hormuz geschlossen bleibt, werden wir in zwei Monaten keine verfügbaren grossen Bestände mehr haben», erläutert er im Gespräch warnend.Unter einem gewissen Füllstand stockt der ÖlflussDer Grund für den beschränkten Nutzen der Reserven liegt im Betrieb der Ölinfrastruktur. Unterhalb eines gewissen Füllstands in den Lagern und den Pipelines gerieten die Systeme unter Stress, hielten auch die Analysten der Investmentbank JP Morgan Ende April in einer Studie fest. Denn wenn Mindeststände in Tanks und Leitungen unterschritten werden, sinkt der Druck in den Systemen.Anders ausgedrückt: Eine Ölinfrastruktur, zum Beispiel in einer Raffinerie oder einem Pipelinenetz, funktioniert wie das System der Wasserleitungen in einem Haus. Wenn man an einem Hahn ein Glas abfüllen möchte, reicht es nicht, wenn sich nur die Wassermenge des Glases in den Leitungen befindet. Es braucht ein Vielfaches: Die Leitungen müssen gefüllt sein, und es muss Wasser nachdrücken. Sonst kommt nichts heraus, wenn man den Hahn öffnet.Werden die Mindestpegel unterschritten, können Öl und Ölprodukte nicht mehr effizient transportiert und verladen werden, Lieferungen verzögern sich. «Das System versagt nicht, weil das Öl verschwindet, sondern weil im Kreislauf nicht genug Betriebsmengen sind», so JP Morgan. Ein gewisser Bestand in Leitungen und Tanks ist für das Funktionieren unerlässlich – und dieser Mindestbestand wird ebenfalls zu den ausgewiesenen Vorräten gezählt.JP Morgan erwartet den Beginn des betrieblichen Stresses im globalen Ölkreislauf ab Anfang Juni – beziehungsweise unter einem Pegelstand von 7,6 Milliarden Fass Rohöl und Ölprodukten. Ab 6,8 Milliarden Fass werde die Betriebsgrenze erreicht, ab der das System instabil werde. Das könnte laut der Investmentbank im September der Fall sein.Francisco Blanch von der Bank of America bestätigt den Befund: «Es stimmt, dass sich die globalen Lager nicht weiter als bis 6 oder 6,5 Milliarden Fass leeren lassen», sagt er. Aber Blanch betont, dass sich die Versorgungslage je nach Land erheblich unterscheide. Ein Grossteil der fehlenden Ölmengen aus der Golfregion wurde nach Asien verschifft. «Das macht diese Krise einzigartig. In Indien und anderen asiatischen Ländern sind die Probleme real. In Europa haben die Menschen das Ausmass noch nicht voll verstanden.»Die Schweiz gibt Entwarnung – anders als die USAIn der Schweiz unterhält nicht der Staat die Reserven, sondern verordnet der Mineralölwirtschaft das Anlegen von Pflichtlagern. Diese Lager reichen nach offiziellen Angaben für 140 Tage bei Diesel und Benzin sowie für 71 Tage bei Flugpetrol. Bisher wurden sie nicht angetastet, weil es nicht an Treibstoff mangelt, obgleich er teurer geworden ist. Bis Ende Mai sei die Versorgung mit Importen gesichert, heisst es beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung.Hierzulande werden ausschliesslich fertige Mineralölprodukte als Pflichtlager gehalten, wie das Bundesamt auf Anfrage mitteilt. Deshalb sei es nicht erforderlich, für den Betrieb von Anlagen einen Grundbestand vorzuhalten. Somit könnte grundsätzlich über die gesamte Pflichtlagermenge verfügt werden – unter Vorbehalt von Mengen, die zum Beispiel zur Versorgung von Polizei und Feuerwehr reserviert werden.Gemessen am inländischen Verbrauch sind die Lagerbestände der Schweiz im internationalen Vergleich auf hohem Niveau. Deutlich niedriger sind sie zum Beispiel in den USA. Zudem haben amerikanische Ölfirmen seit Beginn der Hormuz-Krise ihre Exporte auf Rekordniveau gesteigert, um den Rest der Welt zu versorgen – und dafür die Vorräte geleert. Die Lager dürften Ende Juni den niedrigsten Stand seit fünf Jahren erreichen, schätzt die Grossbank HSBC.In diesem Zusammenhang verweist Arend Kapteyn, Ökonom bei der UBS, auf ein weiteres Risiko: Bereits wenn die Öllager unter historisch übliche Werte fielen, könnte das Länder dazu veranlassen, die Reserven wieder aufzustocken, sagt er auf Anfrage. Das würde den Ölpreis treiben, obwohl die Lagerbestände auf dem Papier immer noch reichlich erscheinen.Der Preisschub scheint eine Frage der ZeitAber auch wenn sich die Lager immer weiter leeren, scheint das böse Erwachen beim Ölpreis nur eine Frage der Zeit. Erreichen die Bestände die Betriebsgrenze, schiesst der Preis in die Höhe, um die Nachfrage zu dämpfen. Laut JP Morgan könnten Händler in aggressive Käufe verfallen, sobald die fallenden Lagerstände zu ersten Unterbrüchen im Betriebsablauf der Ölinfrastruktur führen.«Viele Leute verlassen sich zu stark auf die Lager und zu stark auf politische Versprechen, dass der Krieg bald enden werde», resümiert Francisco Blanch von der Bank of America. Wenn die Strasse von Hormuz nicht geöffnet wird, erwartet er in sechs oder sieben Wochen substanzielle Preissprünge.Somit kann der kuriose Fall eintreten, dass Öl erheblich teurer und knapper wird, obwohl die Welt rein rechnerisch noch auf vielen Milliarden Fass an Vorräten sitzt. Wer da besorgt ist, hat zumindest gute Argumente.Passend zum Artikel