Die Ukraine geht in die Offensive und nimmt dafür auch mehr Opfer in Russland in KaufImmer öfter treffen ukrainische Drohnenangriffe Infrastruktur, Rüstungsfabriken und auch zivile Objekte weit hinter der Front in Russland. Für Moskau ist das Terrorismus, für die Ukraine legitime Kriegsführung.23.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei einem ukrainischen Angriff auf Sysran erleidet auch ein Wohnblock schwere Schäden.Russisches Katastrophenschutzministerium via EPAIn der Nacht auf Donnerstag hat es erneut die Rosneft-Raffinerie von Sysran getroffen. Nach Einschlägen ukrainischer Drohnen brach in der Anlage des russischen Erdölkonzerns in der Region Samara ein Brand aus. Zwei Personen wurden bei dem Angriff getötet, mehrere weitere verletzt. Es war der elfte Schlag gegen die Anlage seit Kriegsbeginn.«Kinetische Sanktionen» oder terroristische Angriffe?Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten ihre Angriffe auf Ziele im russischen Hinterland ausgeweitet. Manchmal mehrmals pro Woche fliegen ukrainische Langstreckendrohnen russische Industrieanlagen an, einige davon in einer Entfernung von bis zu 2000 Kilometern zur Front.Kiew spricht von «kinetischen Sanktionen» gegen den russischen Energiesektor. Wie juristische Strafmassnahmen, etwa Handelsverbote, haben die Schläge demnach zum Ziel, Russlands Einnahmen aus dem Energieexport zu verringern und somit die Mittel für die Kriegsführung zu beschränken.Die verstärkten Angriffe auf die für den Erdöl- und Erdgasexport wichtigen Ostseehäfen Ust-Luga und Primorsk führen auch zu Zwischenfällen mit Drohnen in Nordeuropa und verunsichern dort die Bevölkerung.Aus russischer Sicht handelt es sich jedoch um terroristische Anschläge ohne Rücksicht auf zivile Opfer. Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei der Angriff von vergangener Woche auf Moskau, als mehrere Drohnen auch in Wohnhäuser am Stadtrand einschlugen.Neu ist es nicht, dass ukrainische Drohnen dem Zentrum der russischen Hauptstadt sehr nah kommen. Mehrmals hatte es in früheren Kriegsjahren Wohnblöcke am südwestlichen Stadtrand und den Finanzbezirk Moskwa City getroffen. Wenige Tage vor dem diesjährigen «Tag des Sieges» am 9. Mai schlug eine Drohne in ein relativ zentral gelegenes Moskauer Wohnhochhaus ein.Beunruhigte BevölkerungDer Drohnenangriff vom vergangenen Wochenende war aber der bis jetzt für Moskau grösste. Er konzentrierte sich auf den Nordwesten mit den Vorstädten Chimki und Selenograd, wo Fabriken mit Bezug zur Rüstungsindustrie liegen, sowie den Stadtteil Kapotnja im Südosten, wo sich eine Raffinerie befindet. Dabei kamen nach offiziellen Angaben insgesamt drei Personen ums Leben, sechzehn erlitten Verletzungen.Weil es offensichtlich nicht ein paar verirrte Drohnen waren, sondern ein gezielter Einsatz grösserer Mittel auf bestimmte Stadtteile, löste der Angriff dort Angst und Schrecken aus. Dass die Drohnen überhaupt so weit kamen und nicht vorher von der russischen Luftraumverteidigung abgeschossen wurden, beunruhigte die Bevölkerung. Anwohner klagten auch darüber, dass vor den Angriffen nicht gewarnt wurde und es keinen Luftalarm gab.Dass in Moskau seither deshalb Panik herrscht, wäre eine Übertreibung. In den angegriffenen Stadtteilen mag die Besorgnis grösser sein als zuvor. Meist beschränkt sich das aber auf die unmittelbar Betroffenen. Schon die Moskauer, die wenige Kilometer davon entfernt leben, dürften sich dafür kaum interessieren. Zudem zensierten die Staatsmedien den Umfang der Vorfälle vom Wochenende.Die meisten Angriffe ereignen sich im GrenzgebietUnbestritten ist allerdings, dass im Zuge der intensivierten ukrainischen Angriffe auf Ziele im russischen Hinterland der Krieg auch in weit von der Front entfernten Regionen Russlands im Alltag spürbarer geworden ist. In Jekaterinburg am Ural hätte noch vor kurzem niemand mit dem Einschlag einer Drohne in ein Wohnhochhaus gerechnet – im April wurde die vom Rüstungssektor geprägte Grossstadt erstmals angegriffen.Offiziell zur Bekämpfung der Drohnenangriffe stellen die Behörden zeitweise tagelang das mobile Internet in vielen Teilen des Landes ab. Dann sind nur noch eine Reihe digitaler Dienstleistungen, die vom Staat freigegeben werden, verfügbar. Das schränkt das tägliche Leben in der stark digitalisierten russischen Konsumgesellschaft unangenehm ein – plötzlich bezahlen auch in Moskau wieder viele mit Bargeld. Das alles schürt Unmut und lässt auch unkritische Geister auf ein baldiges Kriegsende hoffen.Nach mehrmaligen Angriffen auf das Ölterminal von Tuapse am Schwarzen Meer wurde die Stadt in eine schwarze Rauchwolke gehüllt.Vantor via ReutersIm Verhältnis zu anderen Regionen Russlands betreffen die Angriffe Moskau jedoch nur sehr eingeschränkt. Orte wie Kirischi in Nordwestrussland, Kstowo bei Nischni Nowgorod an der Wolga, Rjasan oder jüngst Noworossisk und Tuapse am Schwarzen Meer wurden wegen ihrer Raffinerien und Tanklager zum Teil schon mehr als ein Dutzend Mal angegriffen. Die Grossbrände, die daraus entstehen, führen zu gravierenden Umweltverschmutzungen, die das Leben der Bevölkerung ebenfalls stark beeinträchtigen. Auch bei diesen Angriffen auf Infrastrukturanlagen kommt es immer wieder zu zivilen Opfern.Sowohl im Westen als auch in Russland selbst geht allerdings oft vergessen, wen die Hauptlast der ukrainischen Angriffe trifft: die russischen Grenzregionen. Die direkt an der Grenze zur Ukraine gelegenen Teile der Region Belgorod und die Stadt Belgorod selbst sind faktisch Kriegsgebiet, dasselbe gilt für die Grenzgebiete in der Region Kursk. Dort sind Drohnenangriffe, denen Zivilisten zum Opfer fallen, an der Tagesordnung. Auch in den südwestrussischen Grossstädten Woronesch und Kursk gehört Luftalarm zum Alltag.Das russische Hinterland ist KriegsgebietAngesichts der immer häufigeren ukrainischen Drohnenangriffe ist im Westen mitunter der Vorwurf zu hören, die Ukraine begebe sich auf eine Stufe mit dem Aggressor Russland und dessen fast täglichen Angriffen auf ukrainische Städte.Dass die Ukraine Ziele auf russischem Territorium ins Visier nimmt, ist nach Kriegsrecht grundsätzlich legitim. Es gibt keine Bestimmung, die von einem überfallenen Land verlangt, den Abwehrkampf auf das eigene Staatsgebiet zu beschränken. In einem zwischenstaatlichen Konflikt ist das Territorium aller kriegführenden Parteien potenzielles Kampfgebiet.Zur Bewertung der Zulässigkeit eines Angriffs sind andere Kriterien ausschlaggebend. Die wichtigsten Prinzipien sind dabei die Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen und die Verhältnismässigkeit der eingesetzten Mittel. Ein Angriff ist dann legitim, wenn er eine militärische Schwächung des Gegners bezweckt, darüber hinaus aber nur begrenzten Schaden anrichtet, also etwa keine grosse Zahl an zivilen Opfern fordert.Wenn eine Munitionsfabrik bombardiert wird und dabei einige angrenzende Wohnhäuser in Mitleidenschaft gezogen werden, ist das eher zulässig als ein Angriff auf ein Spital, in dem sich einige Soldaten verschanzt haben.In den Trümmern eines eingestürzten Wohnblocks in Kiew suchen Rettungskräfte nach einem grossen russischen Angriff Mitte Mai nach Verschütteten.Evgeniy Maloletka / APEntscheidende UnterschiedeRaffinerien und Ölterminals, wie sie die Ukraine nun vermehrt ins Visier nimmt, sind keine rein militärischen Objekte. Sie tragen aber zweifellos zur russischen Kriegsanstrengung bei. Sie versorgen auch die Armee mit Treibstoff und generieren Einnahmen für die Kriegskasse.Das ist ein entscheidender Unterschied zu den Fernwärmeanlagen und Umspannwerken, die Russland seit vergangenem Herbst in der Ukraine angegriffen hat. Ihre Zerstörung trifft fast ausschliesslich die ukrainische Zivilbevölkerung. Deshalb bezeichnen unabhängige Instanzen wie der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte die russischen Angriffe als klaren Verstoss gegen das Völkerrecht.Auch in der Inkaufnahme ziviler Opfer ist die ukrainische Kriegsführung nicht mit der russischen zu vergleichen. Russland feuert Hunderte von Drohnen, aber auch Marschflugkörper und Raketen auf dicht besiedeltes Gebiet ab. Vergangene Woche wurden durch einen Raketeneinschlag in ein Kiewer Wohnhaus 24 Personen getötet. Die Ukraine greift meist Industrieanlagen ausserhalb des Wohngebiets an.Selenski spricht von VergeltungsschlagGänzlich verschont wird aber auch die russische Zivilbevölkerung nicht, wie die oben erwähnten Beispiele zeigen. Nach dem Angriff auf Moskau vom Wochenende sprach Präsident Selenski zudem explizit von einem Vergeltungsschlag für den russischen Grossangriff in den Tagen zuvor, der landesweit 39 Menschenleben gefordert hatte.Das belegt nicht, dass die Ukraine gezielt Zivilisten ins Visier genommen hat. Die Frage danach stellte sich aber schon. Die Prinzipien des humanitären Völkerrechts gelten auch für die Ukraine.Ukrainische Soldaten sind in der Trümmerlandschaft der Stadt Biloserske in der Nähe der Front im Donbass unterwegs.Anatolii Stepanov / ReutersPassend zum Artikel