Die Zürcher Ermittler verstärken den Kampf gegen mafiöse Netzwerke. Sie setzen auf das Prinzip «Follow the money»Die Staatsanwaltschaft ächzt unter der Fallflut. Beim Abbau der unerledigten Strafverfahren soll eine neue, temporäre Abteilung helfen.23.05.2026, 05.02 Uhr3 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZDie Operation richtete sich gezielt gegen hochrangige Figuren des organisierten Verbrechens. In einer international koordinierten Aktion gelang den Ermittlern Ende April ein Schlag gegen das kriminelle nigerianische Netzwerk Black Axe, das sich in den letzten Jahren immer stärker in der Schweiz ausgebreitet hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei der grossangelegten Aktion nahmen die Ermittler insgesamt zehn Männer im Alter zwischen 32 und 54 Jahren fest. Unter den Verhafteten befand sich auch der Black-Axe-Regionalchef für das südliche Europa. Die zehn Männer werden verdächtigt, Millionenbeträge aus Cyberbetrugsdelikten erwirtschaftet und danach gewaschen zu haben.Die Razzia ist nur eines von vielen Beispielen, die erkennen lassen, wie die organisierte Kriminalität in der Schweiz operiert. Die Zürcher Strafverfolger wollen deshalb den Kampf gegen die mafiösen Netzwerke verstärken und setzen dabei auf ein Motto «Follow the money». Denn Geld sei der rote Faden vieler Verbrechen – und oft auch der Schlüssel zu ihrer Aufklärung.Susanne Leu, die Leitende Oberstaatsanwältin des Kantons Zürich, sagte es am Freitag bei der Jahresmedienkonferenz der Staatsanwaltschaft so: «Geld ist der Motor des organisierten Verbrechens.» Wer auf kriminellem Weg Geld einnehme, versuche es danach zurück in den legalen Kreislauf zu schleusen. Denn nur gewaschenes Geld ist für Verbrechersyndikate von Nutzen. Die Drogenkartelle, die Mafia und andere Verbrecherorganisationen betreiben deshalb einen enormen Aufwand, um ihre kriminellen Erträge reinzuwaschen.Entsprechend müsse dort die Kriminalitätsbekämpfung ansetzen, sagt Susanne Leu. Durch das gezielte Vorgehen gegen Geldwäschereistrukturen könne man die Gruppierungen empfindlich treffen.Newsletter «NZZ Justiz»Das wöchentliche Update zu Kriminalität und Strafwesen – jeden Montag direkt in Ihrem Postfach.Jetzt kostenlos abonnierenViele kriminelle Netzwerke setzen auf scheinbar legal operierende Unternehmen, die mit Buchhaltungstricks dreckiges Geld transferieren. Es sind Firmen, die auch legal mit grösseren Geldbeträgen umgehen – etwa in der Gastronomie oder im Auto-Occasionshandel.Wie das funktioniert, zeigt der Fall eines türkischen Ladenbesitzers aus dem Zürcher Langstrassenquartier. In einem unscheinbaren, kleinen Supermarkt verkaufte der Händler seine Waren – Gemüse, Früchte, Lebensmittel und Dinge für den täglichen Gebrauch.Doch er betrieb auch noch ein anderes Geschäft: als Geldwäscher für das organisierte Verbrechen. Mehrere Millionen Franken transferierte er für seine kriminellen Kunden an die gewünschten Hintermänner im Ausland.Über 1200 Geldwäschereifälle pro JahrDer Zürcher Oberstaatsanwalt David Zogg sagt, die organisierte Kriminalität bedrohe das Fundament des gesellschaftlichen Wohlstands in der Schweiz. Dabei sei Geld die zentrale Triebfeder der mafiösen Netzwerke. «Mit der Bekämpfung treffen wir die Hinterleute und die Strukturen der kriminellen Netzwerke und sorgen dafür, dass sich Verbrechen nicht lohnen.»Insgesamt werden im Kanton Zürich pro Jahr über 1200 Geldwäschereiverfahren geführt. Dabei ziehen die Ermittler jeweils zweistellige Millionenbeträge an schmutzigem Geld ein. Das dürfte allerdings nur ein Bruchteil der Beträge sein, welche die kriminellen Netzwerke in der Schweiz erwirtschaften.Das zeigt das Beispiel des Kokainhandels. Pro Jahr werden in der Schweiz schätzungsweise 5 bis 10 Tonnen Kokain konsumiert. Allein mit dem Verkauf dieser Mengen erwirtschaften kriminelle Netzwerke zwischen 100 und 300 Millionen Franken. Und dieses Bargeld müssen die Kriminellen waschen und in legale Strukturen überführen, um es zu den Hintermännern zu transferieren. Neben dem Drogenhandel sind die Netzwerke vor allem auch bei verschiedenen Betrugsdelikten, im Menschenhandel und im Verkauf von Waffen aktiv.Entlastungsstaatsanwaltschaft soll bei Fallflut helfenDie Geldwäschereiverfahren machen nur einen kleinen Teil der Fälle aus, in welchen die Staatsanwaltschaft ermittelt. Insgesamt gingen im Jahr 2025 rund 43 500 neue Fälle ein, 700 mehr als noch im Vorjahr. Das hat dazu geführt, dass sich der Pendenzenberg weiter erhöht hat. Das Total der hängigen Verfahren stieg um 6,5 Prozent auf über 12 800 Fälle. Als Grund nennt die Leitende Oberstaatsanwältin Susanne Leu das Bevölkerungswachstum, komplexere Ermittlungen, mehr Zuführungen durch die Polizei, aber auch die Digitalisierung der Kriminalität.Bei der Staatsanwaltschaft sollen deshalb in den kommenden drei Jahren 55 befristete und unbefristete Stellen geschaffen werden, um die Fallflut zu bewältigen. Zudem hat im April eine sogenannte Entlastungsstaatsanwaltschaft ihre Arbeit aufgenommen. Sie ist bis Ende 2029 befristet und soll vor allem Massendelikte übernehmen. Dazu zählen Strassenverkehrsdelikte, Verstösse gegen das Ausländerrecht oder kleinere Drogenfälle. Von diesem Ausbau und der Neuverteilung der Aufgaben erhoffen sich die Zürcher Strafverfolger eine effizientere Bearbeitung der vielen eingegangenen Fälle.Passend zum Artikel