Man könnte meinen, der 1. April wird von Konzernen vorwiegend zu dem Zweck genutzt, die Idee von zweifelhaften Produkten unter die Menschheit zu bringen und ihre geschmackliche Toleranzgrenze jährlich zu verschieben. Dabei gibt es nun wirklich schon genug kulinarische Zumutungen. Die jahrtausendealte Kulturgeschichte der Nahrungszubereitung weist schließlich reichlich Gewöhnungsbedürftiges auf wie fermentierten Hai, gekochte, angebrütete Eier oder Grüne Soße mit Dill.Die Phantasie der Marken auf ihren sozialen Kanälen kennt offenbar keine Grenzen: Dr.-Oetker-Pizza mit Taxiteller-Belag. Meßmer-Tee Pizza Hawaii. Thüringer Wurstwasser in der Flasche. Ritter Sport Mett. In Sonderfällen aber wird aus diesen Ideen, die man eigentlich spätestens am 2. April vergessen haben sollte, grausame Realität. Das Döner-Croissant von Lidl entpuppte sich als derart überzeugende Photoshop-Arbeit, dass Instagram vor affirmativen Kommentaren geradezu überschwappte. In Kooperation mit einem Berliner Kebabladen produzierte man eintausend Stück dieses französisch-türkischen Fusion-Streetfood und verteilte sie bereits am 11. April an die Massen.Inklusive PreiselbeergeschmackIkea brauchte etwas länger, aber die Herstellung des Köttbullar-Lollis in Kooperation mit Chupa Chups ist auch eine etwas größere lebensmittelchemische Ingenieursleistung als das Belegen eines Blätterteighörnchens mit Fleisch, Salat und „Scharf“. Nun aber ist es so weit: Am Samstag, dem 23. Mai, wird es den Lolli – oder in den Worten von Ikea: das „völlig neue, spielerische Geschmackserlebnis für Groß und Klein“ – in einigen ausgewählten Filialen geben.Vierzig Prozent der Menschen, so fand Ikea in einer Studie zum Thema Kochen und Essen heraus, fühlten sich zu Lebensmitteln hingezogen, die sie an ihre Kindheit erinnern. In diese Nostalgierubrik fallen hierzulande typischerweise Freibad-Pommes oder die jeweils bevorzugte Weihnachtsplätzchensorte. In Schweden mögen das Köttbullar sein, denn Ikea dichtet im Brustton der Überzeugung, die vertrauten schwedischen Aromen nähmen einen mit auf eine Reise in vergangene Zeiten.Mittagessen im Möbelhaus: Näher kommen die meisten Menschen der schwedischen Küche nicht.dpaDer Köttbullar-Lolli als schwedische Madeleine, um hier auch noch eine Proust-Referenz unterzubringen? Wir sind skeptisch. Wer dennoch testen möchte, in welche Zeit ihn der Lutscher zurückversetzt – in die Kindheit oder zur letzten Magen-Darm-Grippe –, der kann sich dem Geschmackserlebnis kostenlos in einigen Filialen hingeben. Natürlich wird es den Lolli in der Zentrale in Hofheim-Wallau geben, aber auch in Hamburg, Köln, München, in Leipzig, Berlin und in Sindelfingen.Hergestellt ist das Produkt mit Fleischbällchen- und Preiselbeergeschmack in Italien, und man beneidet die dortigen Produkttester nicht eben um ihre Aufgabe und wünscht ihnen eine amtliche Portion feinster Pasta zum Abendessen. Der Lutscher enthält vor allem Zucker und Aromen und kommt auf 388 Kilokalorien je 100 Gramm. Das ist mehr als die vergleichbare Menge Köttbullar, die bei etwa 250 Kilokalorien liegt. Dafür ist der Lolli aber vegan.