Diese Botschaft durchzieht nahezu jede Rede von Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, der zugleich den Bankenverband führt. Und sie begegnet einem auch bei Unicredit-Chef Andrea Orcel, der in seinem Werben um die Commerzbank gerne das große Bild aufruft: Nur mit großen, grenzüberschreitenden Banken könne Europa international mithalten. Folgerichtig, so sein nicht ganz uneigennütziger Schluss, müsse die Bundesregierung ihren Widerstand gegen die Übernahme der Commerzbank durch die Mailänder Großbank endlich aufgeben.Es klingt zunächst ja auch einleuchtend. Sewing und Orcel fordern, Banken müssten „wettbewerbsfähig“ reguliert werden, „damit wir die Wirtschaft unterstützen können“. Denn wenn Regeln „ausgerechnet Mittelstandskredite teurer“ machten, so Sewing, sei das der falsche Weg. Banken müssten „leistungsfähig“ sein, um die Wirtschaft zu finanzieren; schließlich seien sie heute deutlich stabiler als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.Die Finanzkrise als Referenzpunkt – als Banken reihenweise umkippten und in vielen Ländern mit Milliarden aus Steuergeld gerettet werden mussten – erwähnt Sewing indes seltener. Zur Erinnerung: Rund 70 Milliarden Euro hat allein Deutschland für die Bankenrettungen in der Finanzkrise 2007/2008 bezahlt. Geld, das man auch in Bildung oder in die Bahn hätte stecken können. Finanzkrisen, das zeigen Studien, sind Nährboden für populistische Parteien. Bankenkrisen schädigen nicht nur die Prinzipien der Marktwirtschaft, sondern auch die Demokratie.Was nun aber hängen bleiben soll, wenn der Chef der Deutschen Bank auftritt: Die Banken sind inzwischen stabil genug, also darf es wieder lockerer werden, schließlich müssen sie im internationalen Wettbewerb bestehen. Und sobald dann noch die „Transformation“ ins Spiel kommt, steht vor dem inneren Auge der Windpark oder das Solarfeld, das am Ende angeblich nicht gebaut wird, weil die Auflagen immer strenger werden und die Kreditvergabe lähmen.Unicredit-Chef Andrea Orcel greift regelmäßig noch höher. Er beschwört gerne den europäischen Traum, der wiederbelebt werden müsse. Es fehle, sagt er, am gemeinsamen Willen, an Leidenschaft und Entschlossenheit zur Umsetzung. Banken und Kapitalmärkte hätten dabei eine Schlüsselrolle. Starke, effiziente Institute und funktionsfähige Märkte seien unverzichtbar, um Europas Umbau zu finanzieren: Infrastruktur, Verteidigung, Dekarbonisierung. Wer könnte zu diesem Dreiklang schon Nein sagen? Dass Unicredit unlängst ausgerechnet die Formel 1 als Sponsor für sich entdeckt hat – einen Sport, der CO₂ verursacht wie kaum ein anderer –, hat damit selbstverständlich nichts zu tun.Der Druck aus der europäischen Finanzlobby für Lockerungen ist großGenau solche Thesen werden nun politisch wieder anschlussfähig. Kein Wunder, dass in der Branche bereits als Hoffnungsschimmer kursiert, dass die EU-Kommission für Sommer einen Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit des EU-Bankensektors angekündigt hat. Offiziell ist das Verfahren als Bestandsaufnahme gedacht: Die Kommission fragt, wie Europas Banken im Binnenmarkt und im globalen Vergleich gestärkt oder gebremst werden, wobei es auch um Komplexität und Wirksamkeit des Regelwerks geht. Das ist nachvollziehbar, schließlich gibt es tatsächlich Regeln, die viel Aufwand verursachen, aber wenig Nutzen bringen. Doch der Druck der Finanzlobby ist groß, so ist aus Brüssel zu hören, dass dabei mehr herauskommt als nur ein paar Erleichterungen.Der Zeitpunkt könnte ja auch kaum günstiger sein. Denn allen voran die US-Regierung schickt sich an, die Bankenregulierung zu lockern. Zwar gab es zeitweise auch in Washington Stimmen – etwa um Vizepräsident J. D. Vance –, welche die Macht der Wall Street zugunsten der „Main Street“ begrenzen wollen. Doch inzwischen hat sich die Finanzlobby durchgesetzt. Im neuen Laissez-faire jenseits des Atlantiks haben auch die Banken ihre Agenda vorangetrieben, und das sind: geringere Eigenkapitalanforderungen.Dabei geht es um den Kern der Bankenregulierung: die Frage, wie viel Puffer für Verluste Banken vorhalten müssen. Oder anders herum: wie hoch sie verschuldet sein dürfen. Je kleiner dieser Puffer und je größer der Schuldenhebel, desto höher fällt rein rechnersich auch die Eigenkapitalrendite für ihre Aktionäre aus. Aber desto mehr steigt das Risiko, dass ein Institut ins Schlingern gerät. Ist eine Bank so groß, dass ihre Schieflage viele andere Banken mitreißen kann, wächst auch ihr politisches Erpressungspotenzial: Am Ende wird sie womöglich doch wieder staatlich gerettet.„Too big to fail“ heißt dieses Problem: „Zu groß, um scheitern zu dürfen“. Nach der Finanzkrise, so lautete das Versprechen der Politik, habe man es gelöst, weil sich Banken ohne Staatsgeld „abwickeln“ ließen. Stattdessen sollten die Aktionäre und Gläubiger dafür bezahlen – wie in jedem anderen Unternehmen in einer Marktwirtschaft auch. Doch spätestens die Turbulenzen der US-Regionalbanken und der Credit Suisse in der Schweiz vor drei Jahren haben erneut Zweifel genährt, ob das funktioniert. Was nämlich nach wie vor offen ist: Wer stellt im Ernstfall die Liquididät bereit, wenn eine große Bank nach Fahrplan abgewickelt werden muss. Dann nämlich braucht es wohl viele Hundert Milliarden, damit ein Kriseninstitut trotz Kundenansturms zahlungsfähig bleibt und wertschonend abgewickelt werden kann. In der Schweiz musste die Notenbank einspringen, die EZB aber kann diese Aufgabe nicht so leicht übernehmen.Man muss also nicht bis zur Finanzkrise zurückgehen. Das Debakel um die Credit Suisse liegt erst drei Jahre zurück, und scheint dennoch jenseits der Schweiz erstaunlich schnell verblasst zu sein. Europas Banken zeigen nun also auf die USA und argumentieren: Wer im internationalen Wettbewerb mithalten wolle, müsse auch in Europa nachziehen und die Rahmenbedingungen lockern beziehungsweise europäische Champions fördern.Nur: Diese Logik ist irreführend. Und sie kann gefährlich werden.Erstens: Banken im Euro-Raum haben kein Profitabilitätsproblem. Darauf weist die bankenkritische Organisation Finance Watch hin: Die Gewinne europäischer Banken sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Der Grund: Notleidende Kredite gingen auch dank der Regulierung zurück, zugleich stiegen die Zinsen – was vielen Banken milliardenschwere, risikolose Zusatzgewinne bescherte. Hinzu kamen die starken Schwankungen an den Börsen. Das spiegelte sich zuletzt auch in den Quartalszahlen von Commerzbank und Deutscher Bank: Beide meldeten Rekordergebnisse; Letztere zudem hohe Boni für ihre Investmentbanker.Profitable Banken sind noch lange nicht stabilZweitens: Dass Banken wieder hochprofitabel sind, heißt noch lange nicht, dass sie deshalb stabiler werden, denn dafür müssten sie die Gewinne zur Stärkung ihres Eigenkapitals nutzen – und würden damit auch Spielraum gewinnen für mehr Kredite. Ob sie das tun, hängt aber auch von der Nachfrage nach Krediten ab und davon, ob sie sich davon Geschäftschancen versprechen. Oft ist es für Institute naheliegender, die Gewinne an die Aktionäre auszuschütten. In den USA gab es zuletzt eine regelrechte Bonanza bei Aktienrückkäufen, wie die Financial Times (FT) schreibt. Möglich gemacht hätten das „höhere Gewinne und die lockereren Regeln der Trump-Regierung“.Drittens ist fraglich, ob die Kausalkette überhaupt stimmt, welche die EU-Kommission aufmacht – und die auch die EZB immer wieder bemüht. Die EU-Kommission jedenfalls verweist auf den Draghi‑Bericht zur EU‑Wettbewerbsfähigkeit, der wiederum argumentiert, dass Banken groß sein müssen, um wettbewerbsfähig zu sein. Und unlängst teilte sogar EZB-Vize Luis de Guindos per Interview in der FT mit, die Bundesregierung solle sich nicht gegen eine Übernahme der Commerzbank positionieren. Europa brauche große Banken – ein erstaunlicher Vorgang mitten in der aufsichtsrechtlichen Prüfung der Transaktion.Der Wettbewerbsökonom und Bankenexperte Martin Hellwig hält das für falsch. „Seit Langem blicken wir neidvoll auf die Erfolge der Silicon-Valley-Unternehmen, von denen einige heute zentrale Bereiche der digitalen Welt dominieren“, schreibt er in einem Aufsatz. Die meisten dieser Marktführer seien jedoch nicht mit Bankkrediten groß geworden. Ihre Anschubfinanzierung sei viel mehr Wagniskapitalgesellschaften und Business Angels zu verdanken. Das Wachstum finanzierten viele vor allem aus den enormen Gewinnen, die sich aus der schnellen globalen Ausbreitung digitaler Technologien ergeben, sowie über Börsengänge.Hellwig, bis 2004 Vorsitzender der deutschen Monopolkommission, erinnert zudem daran, was dabei herauskommen kann, wenn europäische Banken glauben, sie könnten im US-Markt im großen Stil mitspielen. Auch Verfechter einer Unicredit-Commerzbank-Fusion bringen gern das Argument vor, ein solcher Zusammenschluss sorge dafür, dass künftig nicht mehr US-Banken den Europäern „jeden Deal wegschnappen“. Wer eine stärkere Präsenz europäischer Banken auf globalen Märkten und im Investmentbanking beschwöre, bemängelt Hellwig, habe die Vorgeschichte wenig präsent. Schließlich gebe es seit den 1990er-Jahren genug skandalträchtige Versuche europäischer Banken, im US-Investmentbanking Fuß zu fassen.Dabei ist es ja so: An der Dominanz der US-Banken im internationalen Investmentbanking würde weder eine Fusion von Unicredit und Commerzbank etwas ändern noch die Lockerung der Eigenkapitalregeln. Der entscheidende Faktor für den Erfolg der US-Banken ist weniger die Größe einzelner Institute als die Tiefe des US-Kapitalmarkts, der so robust ist, dass er bislang sogar die Versuche des Präsidenten übersteht, dessen Integrität zu untergraben. Viel wichtiger für Wachstum und Innovation, argumentiert Hellwig, ist deshalb die Stärkung des europäischen Kapitalmarkts.Dazu kommt ein strukturelles Problem, die rechtlichen Rahmenbedingungen in der EU und ihren Mitgliedstaaten: Vertrags-, Gesellschafts- und Insolvenzrecht seien stark vom Gläubigerschutz geprägt – oft mit vergleichsweise geringer Rücksicht auf Aktionäre, insbesondere auf Minderheitsaktionäre. Dieser schwache Aktionärsschutz ist ein Grund, warum Börsenfinanzierung in der EU eine deutlich kleinere Rolle spielt als in den USA. Hinzu kommt: Der US-Kapitalmarkt ist auch deshalb tiefer, weil Amerikaner für ihre Altersvorsorge stärker in Aktien investieren, was dank der jüngsten Reformen nun auch in Deutschland angestrebt wird.Fazit: Weder dem Mittelstand noch der grünen Transformation oder der Innovation hilft es, wenn die Bankenregulierung an zentralen Stellen ausgehöhlt wird. Oder wenn das Streben nach europäischen Champions nur Selbstzweck ist. Regelrecht gefährlich sind vor allem Träume, es mit den US-Investmentbanken aufnehmen zu wollen. Sinnvoller ist es, für einheitlichere Regeln und für mehr kapitalgedeckte Altersvorsorge zu sorgen, was die Bundesregierung ja gerade vorhat. Mehr Investoren, ein tieferer Kapitalmarkt – und dann klappt es hoffentlich auch mit dem Wachstum.
Warum der Traum von Bank-Champions gefährlich ist
Deutsche Bank und Italiens Unicredit fordern, die EU solle die Sicherheitsregeln für die Finanzindustrie lockern. Nur dann könnten sie mit US-Instituten konkurrieren. Ist die Finanzkrise schon vergessen?









