Den neuen «Star Wars»-Film kann nicht einmal Martin Scorsese mit vier Armen rettenDie Macht ist längst nicht mehr mit der Reihe: «The Mandalorian and Grogu» ist ein einfallsloses, infantiles Debakel.22.05.2026, 12.59 Uhr4 LeseminutenVater und Sohn in einer weit, weit entfernten Galaxis: Mando (Pedro Pascal) und sein Ziehsohn Grogu.Lucasfilm LtdEin einzelnes Raumschiff reicht aus, um die ganze Misere zu illustrieren, in der «Star Wars» steckt. Razor Crest heisst das Gefährt, mit dem der Mandalorian (Pedro Pascal) unterwegs ist. Er ist ein einsamer, eiskalter Kopfgeldjäger, der sich dem Codex unterworfen hat, seinen Helm niemals in Gegenwart von anderen abzunehmen. In drei Staffeln von «The Mandalorian» (2019–2023) entdeckte die Titelfigur ihr goldenes Herz und beschützte das knuffigste Wesen der ganzen Galaxis: Grogu, aka Baby Yoda.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun startet der Kinofilm zur Serie – und die Razor Crest kehrt ebenfalls zurück. Zwar wurde sie in Staffel zwei zerstört, doch hat sich zum Glück irgendwie ein baugleiches Gefährt gefunden: «Alt und zugleich generalüberholt», stellt der Kämpfer fest, ehe er zu einem neuen Abenteuer aufbricht. Dies liesse sich ebenso über die «Star Wars»-Reihe sagen, die in der ständigen Zwickmühle steckt, die nostalgischen Gefühle der Fans zu bedienen und dennoch etwas Neues zu erzählen.Ein guter HutteZum ersten Mal seit «The Rise of Skywalker» 2019 läuft wieder «Star Wars» auf der grossen Leinwand, und eine erste Überraschung kommt bereits zu Beginn: Der legendär gewordene Vorspann mit dem gelben Lauftext und den Fanfarenklängen von John Williams fehlt. Dafür setzen pfeifende Klänge von Ludwig Göransson ein, später folgt sogar elektronische Musik. Vielleicht ein Neustart? Schafft es der Regisseur Jon Favreau, der zusammen mit Dave Filoni und Noah Kloor das Drehbuch besorgte, «Star Wars» aus seiner Retro-Komfortzone zu werfen?Leider nein, die Reise führt direkt ins Schwarze Loch der Bedeutungslosigkeit. Das fängt beim uninspirierten Titel an: «The Mandalorian and Grogu», die Namen der beiden Hauptfiguren. Sie absolvieren eine formelhafte, dröge Detektivgeschichte: Mando spürt für die Guten der neuen Republik die verstreuten Schurken des einstmaligen Imperiums auf. Dabei trifft er auf allerhand Ungetüme, von denen das interessanteste Rotta ist, das einzig anständige Mitglied der schleimigen Gangster-Familie Hutt.Der grosse Coup soll laut den wenigen wohlmeinenden Kritikern sein, dass der Film es schafft, zwei Fraktionen zu erreichen: die Fans ebenso wie all jene, die noch keinen Erstkontakt zum Sternenkrieg hatten. Tatsächlich braucht man keine einzige Episode von «The Mandalorian» gesehen zu haben, um der Handlung mühelos folgen zu können. Doch da «Star Wars» bereits seit einem runden halben Jahrhundert existiert, dürften mit der neuen Zielgruppe primär Kinder gemeint sein.50 Jahre alt und kein bisschen grösser geworden: Grogu aka Baby Yoda.Lucasfilm LtdDementsprechend infantil geht es zu in einem Film, in dem regelmässig niedliche Alien-Babys auftauchen. Das personifizierte Kindchenschema schlechthin stellt Baby Yoda dar, trotz leicht steriler Plastikhaftigkeit und seinen 50 Jahren auf dem Buckel – die Spezies altert langsam. Im Wesentlichen kann das wandelnde Spielzeug zwei Dinge (dass es auch die Macht beherrscht, vergisst das Drehbuch an den entscheidenden Stellen): entweder herumhüpfen wie ein Gummiball oder Insekten und türkisfarbene Space-Oreo-Kekse futtern.Ein aufgeblasener Kanon«The Mandalorian and Grogu» sieht aus, als sei eine künstliche Intelligenz angewiesen worden, alles zusammenzuschmeissen, was irgendwie nach «Star Wars» aussieht. Das unorganische Resultat: Der eine Teil des Films plündert die bekannten Bilder früherer Produktionen. Der andere sieht nach allem aus ausser «Star Wars». An keiner Stelle wird ein ernstliches Risiko eingegangen, Mando ist schlicht ein weiterer Superheld mit unzerstörbarer Rüstung, der mit seinem Jetpack aus jeder brenzligen Situation düsen kann. Schauspieler wie Sigourney Weaver gehen im generischen Monster-Metzeln völlig unter.Ein seltener Anblick: Mando ohne Helm.Lucasfilm LtdZudem erfährt man in einem überlangen Kinofilm, der ebenso gut drei TV-Episoden hätte umfassen können, nichts Neues über die weit, weit entfernte Galaxis. Weder über das Imperium, noch über die Mandalorianer, die Jedi-Ritter oder die Macht. Am Ende ist es, als hätte es diesen Film nie gegeben. Fatal in einem Kanon, der in den letzten Jahren zu einem unüberschaubaren Konvolut aufgeblasen wurde.Nachdem Disney im Jahr 2012 die Markenrechte von «Star Wars» für 4 Milliarden Dollar von ihrem geistigen Schöpfer George Lucas gekauft hatte, schritt der Konzern energisch mit neuen Produktionen zur Tat; die teure Investition musste sich rasch amortisieren. Drei Kinofilme erschienen zwischen 2015 und 2019, überstürzt und ohne einen klaren erzählerischen Bogen, wie hinterher deutlich wurde.Anschliessend wurde die Serien-Maschinerie angekurbelt, um für den hauseigenen Streamingdienst Disney+ zu werben. Von animierten Serien wie «Star Wars Rebels» wechselte man zu aufwendigen Realserien wie «The Mandalorian», «Obi-Wan Kenobi» oder «Andor», die im Halbjahrestakt erschienen. Plötzlich wurde «Star Wars» so unvermeidlich wie Starbucks und H&M in jeder Fussgängerzone.Irgendwann jedoch wuchs der Output zu hoch. Selbst die treuesten Anhänger blickten im wuchernden Universum mit all seinen Seitensträngen, Zeitsprüngen und Nebenfiguren nicht mehr vollständig durch. Die Qualität der Serien schwankte stark, und für Disney stiegen die Produktionskosten ins Galaktische an. Nun muss es das Kino richten – und wenn dieses eines der Zukunft sein soll, wird es düster: leblos und lieblos, als hätte der Algorithmus auf dem Regiestuhl Platz genommen.Die Avantgarde des BlockbustersAm stärksten blutet das Herz, wenn ausgerechnet der Name von Regiemeister Martin Scorsese im Vorspann auftaucht. Der Mann, der einst die Marvel-Superheldenfilme als «Freizeitparks» bezeichnete, wird nun selbst zur Attraktion in einem solchen: Er leiht seine Stimme – und die markante Augenbrauenoptik – einem ausserirdischen Imbissbudenbesitzer. Ein Informant wider Willen, der nervös mit seinen vier Armen fuchtelt und nur rund zwei Minuten zu sehen ist.Im nächsten Mai erscheint ein weiterer Film der Reihe: «Starfighter», mit Ryan Gosling. Wie üblich begleitet von Tonnen an Merchandise, vom T-Shirt bis zum extrateuren Design-Popcornkübel. Das war seit je so, «Star Wars» ist die Avantgarde des profitablen Blockbusters. Und doch trat hinter der starren Geldmaschinerie ein Kern von überzeitlicher, mythenhafter Bedeutung hervor. Die Marke ist weiterhin unverwüstlich. Nur der Grund, warum man «Star Wars» noch lieben sollte, ist längst verschwunden.The Mandalorian and Grogu: Im Kino (132 Minuten).Passend zum Artikel
Warum «The Mandalorian and Grogu» ein galaktisches Debakel ist
Die Macht ist längst nicht mehr mit der Reihe: «The Mandalorian and Grogu» ist ein einfallsloses, infantiles Debakel.










