Am Samstag wird im Berliner Olympiastadion das Endspiel um den DFB-Pokal ausgetragen. Für die beiden Finalisten, die Fußballer vom VfB Stuttgart und Bayern München, ist das ein schöner Termin am Ende der Saison – aber finanziell bloß ein nettes Extra im Vergleich zu den erheblich größeren Summen aus der europäischen Champions League.Viel entscheidender ist dasselbe Datum für eine Reihe von Amateurvereinen aus der vierten, fünften und sechsten Reihe des deutschen Männerfußballs. Manche tragen klangvolle, manche exotische Namen. Der SV Pastow aus Mecklenburg-Vorpommern ist dabei, die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz, der SV Todesfelde, der FC Carl Zeiss Jena und noch einige mehr. Sie alle spielen am Samstag um die vielleicht einmalige Gelegenheit, bald selbst einmal gegen die Bayern oder einen der anderen großen Bundesligaklubs antreten zu dürfen. Für sie geht es also nicht um ein nettes Extra. Sondern um die Chance auf eine Sensation. Auf das Spiel ihres Lebens.
Außerdem geht es für sie um sehr viel Geld. Auch deshalb wünschen sie sich alle einen Sieg. Aber wie das so ist mit den Wünschen: Wenn sie in Erfüllung gehen, ist das nicht zwangsläufig ein Segen.Gut 200.000 Euro zahlt der Fußballverband DFB allen 64 Mannschaften, die in der ersten Runde des Pokalwettbewerbs antreten. Für die 36 Klubs der ersten und zweiten Liga sowie für die vier bestplatzierten Drittligisten, die allesamt automatisch qualifiziert sind, ist das ein Klacks. Für die bis zu 24 Dorf- und Kleinstadtvereine aus den unteren Spielklassen, die jedes Jahr am Pokal teilnehmen dürfen, fällt dieselbe Summe dagegen erheblich ins Gewicht. Zumal sich der Betrag verdoppeln lässt, wenn mit etwas Losglück wirklich eines der Zugpferde aus der Bundesliga mit seinen Stars anreist. Dann sind nämlich nicht nur ruckzuck alle regulären Eintrittskarten verkauft. Geschäftstüchtige Klubs bringen außerdem Fanartikel unter die Leute, verköstigen die Lokalprominenz in einer Loge, ziehen zum Tag der Tage eigene Sponsorenverträge an Land.Nach dem Pokaltriumph kam die InsolvenzEs gibt einige Amateurvereine, in deren Geschichte ein Erstrundenspiel im DFB-Pokal zum unbestrittenen sportlichen wie emotionalen Höhepunkt geworden ist. Die zwei bis heute bekanntesten Fälle: Der TSV Vestenbergsgreuth und der FV Weinheim, seinerzeit jeweils Oberligisten, düpierten 1990 und 1994 den in beiden Jahren amtierenden Bundesligameister aus München. Über die Torschützen von damals werden bis heute Heldengeschichten erzählt.Es gibt aber auch Klubs, denen der ungewohnte Auftritt auf der großen Bühne nicht gutgetan hat. Das lässt sich meistens erst mit Abstand erkennen. Die SG 01 Hoechst, ein Traditionsverein aus Frankfurt, zog 1998 in den DFB-Pokal ein und setzte danach zu einem Aufschwung an, der fast bis in die dritte Liga geführt hätte. Der Erfolg hatte tönerne Füße. Die Einnahmen stiegen nicht im selben Takt wie die Ausgaben, weitere lukrative Pokalauftritte blieben aus. Fünf Jahre nach dem großen Spiel, das der Anstoß zu einer rosigen Zukunft zu sein schien, war der Verein insolvent.Harry Koch vom TSV Vestenbergsgreuth jubelt am 14. August 1994 über den Sieg seiner Mannschaft über den FC Bayern München.Picture AllianceYann Müller hat es als Hobbyfußballer nicht höher als bis in die Kreisklasse geschafft. Als Ökonom dagegen ist er frisch promoviert. Einen Teil seiner Dissertation hat er über genau dieses Phänomen geschrieben: Wie wirkt sich die – zunächst meist überschwänglich gefeierte – Qualifikation für den DFB-Pokal dauerhaft auf Amateurvereine aus?Die Antwort ist ernüchternd. Auf mittlere Frist verschlechtert sich den Daten Müllers zufolge das durchschnittliche sportliche Abschneiden nach der Pokalteilnahme merklich. Und das, obwohl im Fußball angeblich doch die eherne Regel „Geld schießt Tore“ gilt. Auf das Kassenklingeln im Pokalspiel folgen jedoch auffällig oft nicht die erhofften goldenen, sondern eher triste Jahre, in denen sich die Einmalprämie als eine Last entpuppt. Müller spricht in schönster Ökonomenprosa vom „Fluch des positiven Einkommensschocks“.Wie kommt der Wissenschaftler zu diesem Ergebnis? Um seine Untersuchung zu verstehen, muss man wissen, welche Amateurvereine überhaupt zum DFB-Pokal zugelassen werden. Der Fußballbund setzt sich aus 21 Landesverbänden zusammen. Ähnlich wie die Kassenärzte, die Nordrhein-Westfalen in zwei Bezirksverbände aufteilen, scheren sich die Fußballfunktionäre nicht darum, dass Deutschland nur 16 Bundesländer hat. Bei ihnen sind Mittelrhein und Niederrhein eigenständig, Westfalen und Württemberg sowieso, aber auch Rheinland und Pfalz, Baden und Südbaden.Diese 21 Verbände richten jeweils eigene Pokalturniere aus, an denen Klubs bis hinunter in die unterste Liga teilnehmen. Auf diese Weise hält das Verfahren den romantischen Traum am Leben, dass jeder der 24.000 Fußballvereine im Land sich mit Glück und Fleiß in eins der 21 Endspiele hätte vorkämpfen können, die am nächsten Samstag stattfinden. Und deren 21 Sieger ziehen in den DFB-Pokal der nächsten Saison ein. Aus den drei großen Verbänden Bayern, Niedersachsen und Westfalen kommt jeweils ein weiterer Verein dazu, macht 24.Sogar ein Sechstligist hat diesmal eine ChanceDas sind nicht alles zwangsläufig Amateurvereine, weil auch Drittligisten, die zum Profilager gehören, im Verbandspokal antreten. Immerhin 32 Klubs aus den niedrigeren Spielklassen haben es dieses Jahr aber in die 21 Finalpartien geschafft; der SV Pastow ist der einzige Sechstligist unter ihnen, dazu kommen zwölf Fünft- und 19 Viertligisten.Nur was heißt schon Amateure? Auch in der vierten und fünften Liga bekommen viele Spieler ein zum Teil ansehnliches Salär. „Oberhalb der siebten Liga reicht es nicht selten, um den Lebensunterhalt zu bestreiten“, sagt der Fußballsoziologe Tim Frohwein, der diese Bezahlkultur vor einigen Jahren für die ARD-Dokumentation „Milliardenspiel Amateurfußball“ aufgedröselt hat. In den vergangenen zehn Jahren ist die Kommerzialisierung demnach auch in den unteren Fußballligen weit vorangeschritten. Frohwein sieht diese Entwicklung kritisch, warnt vor der Gefahr einer sich ausbreitenden Söldnermentalität und zerfallender Vereinsstrukturen.Aber zurück zum „Fluch“ der DFB-Pokalteilnahme. Yann Müller, der Ökonom, hat sich aus den Jahren 1990 bis 2022 all jene Verbandspokalfinalisten genauer angeschaut, die ihr Finale erst im Elfmeterschießen gewonnen oder verloren haben. Diese besondere Auswahl soll strukturell über- oder unterlegene Klubs ausschließen und somit die weitere Entwicklung von Sieger- und Verlierermannschaften vergleichbar machen. Und für diese Gruppe zeigt sich, dass die Gewinner in den sechs bis acht Jahren nach ihrem Triumph im Vergleich zu den Verlierern im Schnitt zehn Ligaplätze verloren haben, dass sie seltener aufgestiegen sind und eine acht Prozent höhere Insolvenzquote aufweisen.Müller weist auf eine weitere Auffälligkeit hin: Die Siegerklubs wechselten viel seltener ihren Trainer. „Die Vereinsführung hält offenbar zu lange an dem einmal gefeierten Erfolgstrainer fest, auch wenn längst viele andere Argumente gegen ihn sprechen“, sagt Müller.Der Zusammenhang ist aus anderen Bereichen des Lebens bekannt. Wer plötzlich zu viel Geld kommt, gerät danach gar nicht so selten in Schwierigkeiten. Manche Lottogewinner treffen unter dem Eindruck von fünf oder sechs Richtigen unheilvolle Entscheidungen. Das Silber aus den Kolonien machte einst Spaniens Wirtschaft schlapp.Der „positive Einkommensschock“ muss nicht ins Verderben führenMuss es zwangsläufig so kommen? Natürlich nicht. Patrick Widera, der Geschäftsführer des FC Carl Zeiss Jena, hat mit dem Regionalligisten aus Thüringen sowohl 2023 als auch 2024 den Verbandspokal gewonnen. Danach kam Bayer Leverkusen zur Erstrundenpartie nach Jena, als Meister und Pokalverteidiger. In Jena wurden beide Pokalsiegertrainer trotzdem noch vor dem Ende der Folgesaison entlassen. Widera will die häufigen Trainerwechsel ausdrücklich nicht als Strategie oder Tugend verstanden wissen.In anderer Hinsicht hat der Fußballmanager, der das Geschäft an der „Sports Business Academy“ der privaten Wirtschaftshochschule WHU gelernt und Erfahrung beim Erstligisten Eintracht Frankfurt gesammelt hat, durchaus einen warnenden Ratschlag für andere Verbandspokalsieger parat: „Sondereinnahmen wie die DFB-Pokalprämie sollten in die Struktur fließen und nicht in den Kader.“Soll heißen: Neue Umkleidekabinen für die Jugendmannschaften, ein zusätzlicher Trainingsplatz, die Renovierung der Vereinsgaststätte sind vernünftige Pokalsiegerprojekte; höhere Spielergehälter oder üppiges Handgeld für Neuzugänge führen ins Verderben.Nun zählen die Jenaer, die im Thüringer Pokalfinale am Samstag gegen den ebenfalls viertklassigen FC Meuselwitz abermals die klaren Favoriten sind, allerdings auch nicht zu jener Gruppe von Vereinen, die mit Blick auf den Fluch des DFB-Pokals als besonders gefährdet gelten müssen. Denn mit einem Zuschauerschnitt von rund 7500 je Heimspiel in der Regionalliga Nordost und einem Etat von mehr als sieben Millionen Euro kann Wideras Klub wirtschaftlich und organisatorisch mit vielen Drittligisten aus dem Profisegment mithalten.Es gibt aber auch Verbandspokalsieger, denen die Erstrundenprämie gleich ein halbes Jahresbudget oder mehr bringt. Und solche, denen es an Management-Erfahrung fehlt. Bei ihnen sieht der Fußballsoziologe Tim Frohwein das größte Pokalfluch-Risiko. „Das Kompetenzniveau in der vierten und fünften Liga variiert sehr stark“, sagt er. Besonders anfällig seien Vereine, die stark von einzelnen Personen abhängen. Bei der SG 01 Hoechst aus Frankfurt war es damals so. Der Verein hatte einen Präsidenten mit großen Ambitionen; nach dem Gastspiel in der ersten DFB-Pokalrunde nahm man den Aufstieg in die dritte Liga ins Visier. Die Insolvenz führte stattdessen zum Abstieg in die Kreisliga.Dort spielt die erste Mannschaft nach einigem Auf und Ab jetzt übrigens auch wieder. Weit weg von den Profis, die viele Klassen weiter oben ihre im Fernsehen bestaunten Kreise ziehen.Es gibt einen einzigen Wettbewerb, in dem deren Welt für Amateure erreichbar wird. Fünf Siege hätten den Höchstern genügt, um den Kreispokal zu gewinnen und im Jahr darauf im hessischen Verbandspokal antreten zu dürfen. Dann wären es noch einmal sechs Siege bis zum Einzug in den DFB-Pokal gewesen, bis zur Chance auf das große Los. Hätte, wäre. Sie sind schon in der dritten Runde ausgeschieden, im Elferschießen. Wer weiß, wofür es gut war.












