Viele Amerikaner leiden unter Donald Trumps Wirtschaftspolitik, dabei boomt die US-Wirtschaft: Was ist da los?Das Trump-Paradox. Eine «NZZ Pro»-Analyse in neun Grafiken.22.05.2026, 05.22 Uhr5 LeseminutenDie Wirtschaft und Gesellschaft mit künstlicher Intelligenz ganz neu vernetzen: Dafür investieren die amerikanischen Hightech-Firmen kräftig wie noch nie, wie diese Illustration signalisiert.Illustration: Neue Zürcher ZeitungSeit 84 Tagen sind die USA im Krieg mit Iran. Rohstofflieferungen aus dem Nahen Osten sind weitgehend blockiert. Doch für die besserverdienenden Amerikaner scheinen die Folgen des Krieges noch weit weg zu sein. Die exklusiven Restaurants in New York und in der exklusiven Ferienregion der Hamptons sind gut besucht wie eh und je. Ärmere Amerikaner und der arbeitende Mittelstand jedoch spüren die Auswirkungen des Waffengangs an der Zapfsäule. Tanken ist in den USA seit Kriegsbeginn um die Hälfte teurer geworden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die einen versuchen, nur noch die nötigsten Fahrten mit dem Auto zu unternehmen und so auch mit einer halben Tankfüllung über die Runden zu kommen. Andere verzichten stattdessen auf Restaurantbesuche oder teure Ferien. Ökonomen sprechen von der «K-shaped Economy» – also davon, dass die wirtschaftlichen Aussichten der Schichten auseinanderdriften, wie es die Beine des Buchstabens K tun.Auch Nahrungsmittel wie Tomaten oder Hackfleisch sind teurer geworden, ebenso die Aufnahme von Hypotheken oder Konsumkrediten. Bei der Bevölkerung kommt das auch deshalb sehr schlecht an, weil sie sich noch gut an die letzte Phase mit hoher Inflation erinnern kann; von 2021 bis 2023 stiegen die Konsumentenpreise sehr schnell an, bis zu 9 Prozent pro Jahr.Ob es diesmal wieder so schlimm kommt, hängt auch davon ab, wie rasch die Strasse von Hormuz wieder geöffnet wird. Vorlaufende Indikatoren wie etwa der Produzentenpreisindex (PPI) sind bereits stark angestiegen, ein deutliches Warnsignal für die US-Notenbank. Bald könnte es sich rächen, dass es das Fed seit 2023 nie geschafft hat, die Inflation tatsächlich auf den Zielwert von 2 Prozent einzudämmen.Der Arbeitsmarkt ist noch in guter Verfassung; die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei recht tiefen 4,3 Prozent. Dass sich viele Arbeitnehmer dennoch unsicher fühlen, liegt daran, dass der Arbeitsmarkt von einem «Low hire, low fire»-Gleichgewicht geprägt wird. Sprich: Es verlieren zwar nur wenige Arbeitnehmer ihre Jobs. Aber wenn sie diese Jobs einmal verloren haben, fällt es vielen schwer, eine neue Stelle zu finden, da die Arbeitgeber verunsichert sind und sich bei Neueinstellungen vorsichtig zeigen.Zudem haben viele Amerikaner nur ein dünnes finanzielles Polster, um unvorhergesehene Ausgaben oder eine längere Phase der Arbeitslosigkeit zu überstehen. Die Sparquote ist in den USA auf unter 4 Prozent gesunken. Das hat auch gesamtwirtschaftliche Implikationen: Sollte die Arbeitslosenquote deutlich ansteigen, könnten die Konsumausgaben unter Druck geraten.Sinkende BeliebtheitswerteDie schlechte Stimmung wird die bevorstehenden Zwischenwahlen im November beeinflussen. In den USA gibt es zwar grosse Bevölkerungsteile, die ihren Wahlentscheid nicht von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig machen. Eine grosse Minderheit wird keine Republikaner wählen, solange sich die Partei hinter Donald Trump schart; eine andere grosse Minderheit hält dem Präsidenten ziemlich unverbrüchlich die Treue.Politisch entscheidend ist damit die unentschlossene Mitte. Viele der nicht von vorneherein zwischen den Republikanern oder den Demokraten festgelegten Wähler haben in den letzten Präsidentschaftswahlen Donald Trump und die Republikaner gewählt, weil sie diesen mehr wirtschaftliche Kompetenz zutrauten und von ihnen erwarteten, dass sie der ungeliebten Inflation und dem damit verbundenen Kaufkraftverlust schnell Herr werden würden.Diese Wähler fühlen sich nun enttäuscht. Die Netto-Zustimmung zu Trumps Wirtschaftspolitik ist deutlich ins Negative gekippt. Dieser Trend hat schon 2025 eingesetzt, als Trump seine aggressive Zollstrategie ausrollte. Er hat sich aber verstärkt seit März 2026, als die USA den Krieg gegen Iran lanciert haben.Trump könnte mit dem individuellen Unmut leichter umgehen, wenn er die Wirtschaft auf der Makroebene mit einer Lockerung der Fiskal- oder der Geldpolitik ankurbeln könnte. Doch hier verfügt der amerikanische Präsident derzeit über sehr wenig Spielraum: Der erhöhte Preisdruck und vermehrte Zweifel der Anleger über die Folgen von Krieg und Wirtschaftspolitik verteuern seinen Schuldendienst.Die Zinskurve für Staatsanleihen hat sich am langen Ende deutlich erhöht. Die Rendite auf Verfall ist bei 30-jährigen Anleihen kürzlich über die Fünfprozentmarke geklettert. Das wird nicht nur von Trump als Warnsignal wahrgenommen. Und auch für die Finanzierung kurzfristiger Schulden haben sich die Kosten erhöht und werden nun Renditen von 3,6 Prozent verlangt.Immer mehr SchuldenBesonders problematisch ist dies, weil die öffentliche Hand in den USA unverändert rekordhohe Defizite erwirtschaftet. 2025 nahm Washington netto für sieben Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung neue Schulden auf. Eine Änderung ist mit der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht in Sicht. Trumps Traum von den Zolleinnahmen, die das Defizit zum Verschwinden bringen, war schon immer eine Schimäre.Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass die USA in den kommenden Jahren weiterhin Jahr für Jahr netto zusätzliche Schulden von zwischen sieben und acht Prozent des Bruttoinlandprodukts machen werden. Der Schuldendienst kostet den Staat bereits jetzt mehr als die Ausgaben für die Armee.Amerikas Schuldenberg beläuft sich bereits auf bedenkliche 125 Prozent der Wirtschaftsleistung und dürfte laut den Prognosen des Währungsfonds bis Ende dieses Jahrzehnts auf 140 Prozent steigen. Um Kosten zu sparen, setzt das Treasury vermehrt darauf, sich kurzfristig zu finanzieren. Doch das macht die Kosten des Schuldendiensts erst recht anfällig für Schwankungen.Wirtschaftswachstum als Rettung?Immerhin bietet der Blick auf die Märkte Trump auch etwas Grund zur Freude.Am Aktienmarkt ist die Stimmung sehr viel euphorischer als unter den in- und ausländischen Gläubigern des Fiskus. Seit Trumps Rückkehr ins Weisse Haus hat der S&P-500-Index um knapp einen Viertel, der technologielastige Nasdaq-Composite-Index gar um einen Drittel an Wert gewonnen. Der Iran-Krieg vermochte diesen Optimismus bisher ebenso wenig nachhaltig zu dämpfen wie die Unsicherheit um Trumps Zölle und die erratische Wirtschaftspolitik.Haupttreiber für den Boom an den Aktienmärkten sind die Wachstumsstärke der amerikanischen Wirtschaft und die neusten Quartalszahlen der US-Firmen. Der Internationale Währungsfonds geht unverändert davon aus, dass die amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr und den darauffolgenden etwa doppelt so stark wachsen wird wie die europäische.Nebst den vergleichsweise niedrigeren Energiepreisen hat diese Zuversicht allerdings fast nur einen Namen: künstliche Intelligenz (KI).Der grösste Teil der Nasdaq-Kursgewinne stammt von den amerikanischen Superstarfirmen. Diese erwirtschaften nicht nur hohe Gewinne, sondern sie liefern sich auch einen Investitionswettlauf um die grössten Rechenkapazitäten. «The winner takes it all», so lautet ihr Argument im KI-Wettlauf. Ohne den von den Hyperscalern ausgelösten Investitionsboom würde die amerikanische Wirtschaft kaum mehr wachsen.Dabei ist das hohe Wirtschaftswachstum Trumps Rettungsanker für die Verschuldung und das Geldverteilen. Wächst die Wirtschaft nominell stärker als die Zinskosten, lassen sich die Defizite theoretisch nachhaltig finanzieren. Sollte es gar zu einem eigentlichen Produktivitätsschub kommen, könnte dies die Inflation bremsen und den Schuldenberg im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung wieder in weniger besorgniserregende Sphären rücken.Das Hoffen auf KI hat allerdings mehrere Tücken. Sollten sich die gegenwärtig enorm hohen Erwartungen an das Gewinnpotenzial der KI für die Superstarfirmen als stark überzogen erweisen, könnte dies schmerzhafte Börsenkorrekturen oder gar eine Finanzkrise auslösen. Auch bietet der Hightech-Sektor bisher nur wenigen Arbeit; im Gegenteil, die Superstarfirmen finanzieren ihren Investitionsboom gegenwärtig mit Sparrunden auf Kosten des Personals.Der Druck auf Trump nimmt zuNoch boomt die Wirtschaft. Trotzdem steht Trump vor dem Paradox deutlich sinkender Beliebtheit. Der politische Druck auf den amerikanischen Präsidenten, den Krieg am Golf zu beenden und für wieder niedrigere Energiepreise zu sorgen, ist hoch und dürfte weiter zunehmen. Denn die Arbeitnehmer spüren die höheren Konsumentenpreise, während von den Höhenflügen an der Börse vor allem die Reicheren mit ihren Ersparnissen profitieren.Passend zum Artikel