Dok-Film zur Corona-Krise: Haben Mitglieder der Covid-Task-Force einen kritischen Forscher gemobbt und hinausgeekelt?Während der Pandemie eskalierte an der Universität Bern ein Streit unter Wissenschaftern. Nun erhebt ein Epidemiologe in einem Dok-Film schwere Vorwürfe.22.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Film «Der Hype» greift die grossen Konflikte der Pandemiezeit auf.Christian Beutler / KeystoneVier Jahre nach Ende der Pandemie lässt das Corona-Thema noch immer die Emotionen hochgehen. Dies zeigte sich kürzlich, als herauskam, dass der Schweizer Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer mit einem gefälschten Covid-Zertifikat an die Olympischen Spiele von Peking gereist war. Der Fall sorgte für hitzige Debatten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In diesen Tagen hat ein Dok-Film Premiere, der die Corona-Gräben ebenfalls wieder aufbrechen lässt. Die knapp zweistündige Dokumentation sei ein «längst fälliger Anstoss für eine sachliche Aufarbeitung», schreiben die Macher um den Berner Regisseur Mike Wyniger. Es handle sich um eine «Einladung, die Ereignisse der Corona-Zeit mit dem nötigen Abstand neu zu bewerten». Doch allein schon der Titel «Der Hype» zeigt, dass es sich nicht um eine unvoreingenommene Aufarbeitung handelt, sondern um eine aus der Sicht von sogenannten Massnahmenkritikern.In Verruf gebrachtZu Wort kommen lauter Fachleute mit hohem wissenschaftlichen Leistungsausweis, die in der Corona-Zeit wegen ihrer abweichenden Haltung in Verruf gerieten. Zum Beispiel der Molekularbiologe und ehemalige Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern, Beda Stadler, der Gesundheitswissenschafter aus Stanford, John P. Ioannidis, der frühere schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell oder der Infektiologe und frühere Chefarzt des Kantonsspitals St. Gallen, Pietro Vernazza.Der Tenor ist klar: Die Massnahmen waren übertrieben, die Gefahr durch Corona wurde überschätzt, teilweise sogar mutwillig falsch dargestellt. Im Film werden Statistiken eingeblendet von Fall- und Todeszahlen sowie von der Auslastung von Notfallstationen. Sie sollen zeigen, dass die Lage längst nicht so dramatisch war, wie damals behauptet wurde. Viele Corona-Massnahmen seien wissenschaftlich nicht abgestützt oder gar unnütz gewesen. Zum Beispiel der PCR-Test, der mit 85 Prozent falschen Positivwerten für Massentests untauglich sei. Die handelsüblichen Gesichtsmasken seien nicht gemacht für die kleinen Corona-Viren (Beda Stadler: «Als ob man einen Pingpongball auf das Netz eines Fussballtors schiessen würde»), trotzdem wurde ein Obligatorium eingeführt.Den damaligen Wortführern unter den Epidemiologen wird im Film «cherry picking evidence» vorgeworfen, also selektive Evidenz. Sie hätten nur jene Forschungsergebnisse herausgepickt, die zu ihrer vorgefassten Meinung passten. Bloss, und das ist die Schwäche der Dokumentation, der Film betreibt selber «cherry picking evidence»: Es kommt ausschliesslich eine Seite zu Wort. Dabei würde man gerne auch eine Einschätzung jener hören, die die Massnahmen damals rechtfertigten. Es kann ja nicht alles nur ein inszenierter Hype gewesen sein.Die Zeit der «Experten»Was der Film aber hervorragend aufzeigt, ist die mediale und soziale Dynamik in einer solchen Krisensituation. Wissenschafter, die ein Leben lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit geforscht hatten, wurden über Nacht zu Medienstars. Auch einige, die auf dem Gebiet gar keine Expertise hatten, aber gut reden konnten, durften sich als Experten geben. Dabei spielte eine alte Medienregel: Je drastischer die Warnung, desto länger die Bildschirmzeit. Die Alarmisten erlangten dadurch rasch die Deutungshoheit. Wer eine abweichende Meinung vertrat, wurde schnell einmal als «Schwurbler» oder «Covidiot» abgetan.Die Forscher seien in einen «Machtrausch» geraten, sagt eine Journalistin im Film – und liegt damit wohl nicht ganz falsch. In der Schweiz etablierte sich mit der Swiss National Covid-19 Science Task Force ein Gremium aus Wissenschaftern, das den Bundesrat beraten sollte. Deren Mitglieder gaben regelmässig Pressekonferenzen im Bundesmedienzentrum, wie die Politiker, als seien sie selber welche.Die Task-Force forderte von Parlament und Regierung stets noch schärfere Massnahmen und warnte vor einer Vielzahl von Toten, sollten sie nicht umgesetzt werden. 2021 trat der Berner Epidemiologe Christian Althaus, der zu den lautesten Warnern gehörte, aus dem Gremium zurück. «Die Politik muss endlich lernen, der Wissenschaft auf Augenhöhe zu begegnen», sagte er, enttäuscht darüber, dass der Bundesrat nicht alle von ihm gewünschten Massnahmen durchgesetzt hatte.Man habe ihn zum Schweigen bringen wollenZu den federführenden Exponenten der Covid-Task-Force gehörten neben Althaus zwei weitere Epidemiologen der Universität Bern: Matthias Egger, der erste Task-Force-Präsident, und seine Frau Nicola Low. Im Film erhebt der Arzt und Epidemiologe Taulant Muka schwere Vorwürfe gegen dieses Trio. Der junge Wissenschafter leitete damals an der Universität Bern eine Forschungsgruppe zur Epidemiologie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mit über zwanzig Forschern.Taulant Muka, Arzt und Epidemiologe.PDEr habe die Task-Force-Mitglieder auf Fehler und falsche Interpretationen in den Studien aufmerksam gemacht, die als Grundlagen für ihre Empfehlungen dienten, sagt Muka im Film. Und er habe auch eigene Studien durchgeführt, die zeigten, dass es für die Wirkung gewisser Massnahmen, etwa jener von handelsüblichen Masken, keine Evidenz gebe. Er tat seine Meinung auch öffentlich in den sozialen Netzwerken kund, was ihm bald angekreidet wurde.Anfangs seien seine Anregungen positiv aufgenommen worden. Aber nicht lange. «Aus heiterem Himmel kamen von Task-Force-Mitgliedern Vorwürfe, ich würde die Grundlagen der Epidemiologie nicht verstehen», sagt Muka. Sie hätten gegenüber dem Institutsvorstand, später auch gegenüber dem Dekan in einem Brief seine wissenschaftliche Integrität infrage gestellt. Als ein vom Dekan eingesetzter Ausschuss keine Hinweise auf wissenschaftliche Fehler fand, sei seine Kritik als Loyalitätsverstoss umgedeutet worden. «Ich bin als Forscher loyal zu den wissenschaftlichen Prinzipien und zur wissenschaftlichen Integrität», sagt er. «Aber ich bin nicht loyal zu nicht evidenzbasierten Entscheidungen.»Muka spricht von Mobbing. Seine Forschungsgruppe wurde nach einer Neuorganisation aufgelöst, obschon «unsere Studien zu Covid zu den am meisten zitierten in den besten Epidemie-Journals gehörten», wie er sagt. Zudem sei seine Berufung zum ausserordentlichen Professor verzögert worden.«Zu viele Emotionen»Die NZZ hat Matthias Egger und Christian Althaus gebeten, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Stattdessen antwortete nur die Pressestelle der Universität: «Zu Ihren Fragen interne Vorgänge betreffend macht die Universität Bern aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes keine Angaben.»Der Einzige, der Auskunft gibt, ist Mukas damaliger Vorgesetzter, der Epidemiologe Oscar Franco. Dieser war bis 2022 Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) an der Universität Bern, heute forscht er an der Universität Utrecht. Franco kannte Muka seit vielen Jahren, er hatte ihn bereits als Doktorand an der Universität in Rotterdam betreut und ihn später nach Bern geholt. «Taulant war ein aussergewöhnlich talentierter Student», sagt er am Telefon. Dass die Situation in Bern eskaliert sei, habe an den Umständen in der Corona-Pandemie gelegen. «Es gab auf beiden Seiten zu viele Emotionen, ein Dialog war nicht mehr möglich», sagt er. Auch Muka sei irgendwann nur noch auf Konfrontation aus gewesen. Alle Vermittlungsversuche seien ins Leere gelaufen, auch eine von ihm eingesetzte externe Mediation.Die Impfung wird ausgelassenMuka hielt seine Erfahrungen bereits 2022 im Buch «Academic silencing and mobbing: A personal experience during the Covid-19 pandemic» fest, das er im Eigenverlag veröffentlichte. Keine Zeitung berichtete darüber, womöglich hat niemand die Brisanz erkannt, da Muka alle Akteure anonymisiert hat.2023 verliess er die Universität Bern, seither widmet er sich ganz seinem Startup, einer digitalen Weiterbildungsplattform im Bereich der medizinischen Forschung.Erstaunlicherweise wird im Film die Impfung mit keinem Wort erwähnt. «Das Thema ist ideologisch zu aufgeladen», sagt der Regisseur Mike Wyniger gegenüber der NZZ. Diesen Aspekt wegzulassen, ist ein weiser Entscheid – die Dokumentation ist auch so kontrovers genug. Ob sie zur «Aufarbeitung» beiträgt, wie sich Mike Wyniger wünscht, ist dennoch fraglich. Dafür ist die Darstellung zu einseitig.Die Diskussion darüber, wer recht hatte und wer nicht, ist in diesem Fall ohnehin wenig zielführend. Darauf gibt es keine einfachen Antworten, zumal in einer ausserordentlichen Situation rasch Entscheidungen getroffen werden mussten. Wichtiger ist die Frage, wie man in der Wissenschaft, in den Medien und in der Gesellschaft mit abweichenden Meinungen und kritischen Stimmen umgeht. Ein Thema, das auch über Corona hinaus grosse Relevanz hat.«Der Hype», 115 Min., in wenigen Kinos sowie online abrufbar.
Dok-Film zur Corona-Krise: Haben Mitglieder der Covid-Task-Force einen kritischen Forscher gemobbt und hinausgeekelt?
Während der Pandemie eskalierte an der Universität Bern ein Streit unter Wissenschaftern. Nun erhebt ein Epidemiologe in einem neuen Dok-Film schwere Vorwürfe.









