KommentarDie Akademie der Intoleranz: Donald Trumps Schlag gegen die Universitäten war richtigAn vielen Unis herrscht eine ideologische Enge, wie nun auch ein Bericht der Yale-Universität bestätigt. Diese Borniertheit überträgt sich auf die gesamte Gesellschaft.22.05.2026, 05.35 Uhr7 LeseminutenEin studentischer Aktivist schwenkt die palästinensische Fahne auf dem Campus der Columbia-Universität, New York, 30. April 2024.Mary Altaffer / APDie Dominanz der Woke-Kultur hat mit Donald Trump abgenommen. Das kündigte sich schon kurz vor dessen Wiederwahl an. In einem Video erklärte der Meta-Chef Mark Zuckerberg reumütig, Facebook habe es mit der Zensur übertrieben. Konzerne weltweit haben ihre Diversity-Programme heruntergefahren – und viele Leute dürften dies als Erleichterung empfunden haben. Die rigiden Denk- und Sprechverbote waren lästig geworden. Die permanente Betonung der DEI-Werte («diversity», «equity» und «inclusion») erinnerte zunehmend an einen sektiererischen Kult, der sich von seinem Nutzen weitgehend verselbständigt hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Wirtschaft spurte, ein grosser Teil der Bevölkerung atmete auf, und so knöpfte sich Trump nach seiner Wahl die amerikanischen Universitäten vor. Denn natürlich sind sie die Zentren, aus denen all die Ideen stammen, die unter Woke-Kultur grosszügig zusammengefasst werden.Man könnte «Woke» als eine Kampfansage an die Vergangenheit bezeichnen, die rassistisch, sexistisch und homophob war. Aus dieser Einsicht entwickeln Aktivisten ihre Haltung für die Gegenwart: Alles Diskriminierende muss ausgemerzt werden, und wer sich diesem Furor kritisch entgegenstellt, wird selbst ausgegrenzt. Das ist der Kern der Cancel-Culture. Der Imperativ zur Toleranz musste unweigerlich in die Intoleranz führen. Das bekamen Professoren zu spüren, die sich angemasst haben, an der Idee von zwei Geschlechtern festzuhalten. Oder die mit ihren Studenten Uralte-weisse-Männer-Literatur wie Platon und Aristoteles diskutieren wollten. Sie wurden von fanatisierten Studenten bedroht und eingeschüchtert.Zum Massstab wurden nicht objektive Kriterien gemacht, sondern das eigene Gefühl: Wer sich diskriminiert fühlt, gilt als diskriminiert. Interessanterweise hat diese Woke-Kultur die Menschen nicht befreit, sondern radikal auf ihre Identität zurückgeworfen. Herkunft und Geschlecht wurden zum Kriterium für Opferansprüche. Minderheiten galten per se als benachteiligt, Weisse im Vornherein als Rassisten. Der Westen wurde zum Bösen schlechthin stilisiert.Das Fanal für die Woke-KulturDiese ideologische Grundlage schwang bei den massenhaften Demonstrationen gegen Israel und für die Palästinenser an amerikanischen und europäischen Universitäten mit. Das ging so weit, dass nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 viele Studenten nicht nur mit der palästinensischen Bevölkerung sympathisierten, sondern mit der terroristischen Hamas-Organisation und der Vernichtung Israels.Doch handelte es sich nicht nur um eine ideologische Verirrung von Studenten, das verdeutlichte keine Person so sehr wie die frühere Harvard-Präsidentin Claudine Gay. Als sie sich vor dem amerikanischen Kongress wegen der antisemitischen Auswüchse auf dem Campus erklären musste, zeigte sich, dass sie selbst Teil des Problems war. Auf die Frage, ob Aufrufe zum Genozid an Juden eine Regelverletzung seien, meinte sie, es komme auf den «Kontext» an.Als Claudine Gay, die erste schwarze Frau an der Spitze von Harvard, von ihrem Amt zurücktrat, machte sie das zeitgeistig und formvollendet: Sie sei Opfer einer rassistischen Kampagne geworden. Ihr Abgang war ein Fanal für die Woke-Kultur, die bis zu einem gewissen Grad lange auf breite Unterstützung stiess: Wer ist nicht für gleiche Rechte, unabhängig von Herkunft und Geschlecht? Deren Übertreibungen und Widersprüche führten aber zunehmend ins Absurde und ins Totalitäre.Angst vor Trumps RevancheTrump stellte die Elite-Unis mehr oder weniger erfolgreich vor die Wahl: Entweder sie passten ihre Diversity-Richtlinien an oder ihnen wurden Bundesgelder entzogen. Insbesondere Harvard deckte der Präsident mit Kritik ein. Es handle sich um eine antisemitische und linksextreme Institution. Harvard, so Trump, sei eine «Bedrohung für die Demokratie». Damit wechselten in den Augen der Öffentlichkeit zum Teil die Rollen wieder: Die Universitäten, die sich in Misskredit gebracht hatten, erschienen nun plötzlich als Opfer von Trumps Furor. Die Medien publizierten melodramatische Berichte über Professoren, die sich eine «Flucht» nach Europa überlegten. Schien eben noch die wissenschaftliche Freiheit durch ideologisierte Professoren und Studenten in Gefahr, so fürchtete man nun Trumps Revanchismus und seine Masslosigkeit.Dabei traf seine Kritik ins Schwarze. Viele Unis hatten sich ideologisch verirrt und abgeschottet. In diesem Kontext hat die Yale-Universität vor kurzem einen bemerkenswert selbstkritischen Bericht veröffentlicht. Die Uni geht dem Vertrauensverlust der Universitäten in Amerika nach. Noch vor zehn Jahren hatten in den USA 57 Prozent der Amerikaner «sehr grosses» oder «ziemlich grosses» Vertrauen in die Universitäten. Obwohl sich das Vertrauen im Jahr 2025 leicht verbesserte, sind immer noch 70 Prozent der Meinung, es gehe bei den Hochschulen in die falsche Richtung. Ein entscheidender Grund ist dabei auch die mangelhafte Meinungsfreiheit.Kaum konservative ProfessorenSelbstzensur sei ein echtes Problem, hält der Bericht fest. Ein Drittel der Studenten fühle sich nicht frei, politische Überzeugungen auf dem Campus auszudrücken. Das entspricht einem Anstieg von 17 Prozent im Vergleich zum Jahr 2015. Eine Umfrage des Buckley Institute kommt zu dem Befund, dass sich landesweit die Hälfte der Studenten nicht getraue, ihre Meinungen im Unterricht zu teilen. Der Bericht geht auch auf die Kritik von Konservativen ein, wonach konservative intellektuelle Traditionen an den Unis marginalisiert seien. Tatsächlich bewertet wird dies nicht, aber Zahlen geben Hinweise auf ein eklatantes politisches Ungleichgewicht.So geht der Bericht von einer Schätzung aus, wonach an bestimmten Instituten der Yale-Universität das Verhältnis von registrierten Demokraten zu Republikanern bei 36 zu l liegt. Landesweit sollen auf einen republikanischen Professor zehn demokratische Professoren kommen. Auch dieses Ungleichgewicht ist nicht völlig neu: Die Professorenschaft war tendenziell schon immer eher links. Aber das Verhältnis hat sich seit den 1980er Jahren noch einmal erheblich nach links verschoben. Man wollte Diversity und schuf Konformität. Davon, ein Spiegel der Gesellschaft zu sein, ist man weit entfernt.Der Bericht hält fest: «Die Tendenz, selbstbezogen, isoliert und unempfänglich für legitime Kritik zu sein, erzeugt kein öffentliches Vertrauen. Eine Änderung der Einstellung ist erforderlich.» Neben verschiedenen Massnahmen betont die Uni das Recht eingeladener Redner «jeglicher politischer oder intellektueller Überzeugung», auf dem Campus zu sprechen. Der Protest dagegen soll ebenso gewährleistet werden, allerdings friedlich, ohne Blockaden und Niederbrüllen.Haltungsjournalismus und GegenaggressionAn kaum einem Ort klaffen Realität und Ideal so weit auseinander wie an den Universitäten. Gleichzeitig akzentuieren sich in dem Bericht der Yale-Universität gesamtgesellschaftliche Probleme des Westens. Zig Umfragen haben gezeigt, dass sich viele Menschen nicht mehr trauen, ihre Meinung öffentlich zu äussern. Primär nicht, weil sie der Staat daran hindern würde, sondern weil es eine kollektive Idee davon gibt, was man sagen darf und was nicht.Die Universitäten und die Medien sind bei der Definierung dieses Raums des Sagbaren entscheidend. Indem sie legitime Meinungen vorschnell als rassistisch und sexistisch disqualifizieren, lenken sie den Diskurs. Von einem Teil des Publikums wird diese erzieherische Attitüde honoriert, ja geradezu erbeten. So erfreut sich der Haltungsjournalismus bis heute einer gewissen Popularität. Er hat aber auch Gegenaggressionen geweckt, die sich etwa in einem Begriff wie «Lügenpresse» ventilieren. In der Regel führt die vorschnelle und ideologisch motivierte Abqualifizierung von anderen Meinungen nicht zum Gespräch, sondern zum Rückzug in die sogenannten Echokammern, die wiederum von allen so sehr bedauert werden.Akademiker sind intoleranterMenschen mit höheren Bildungsabschlüssen haben besonders Mühe, andere Meinungen zu tolerieren, das hielt zuletzt eine Allensbach-Studie im Auftrag der «FAZ» fest. Das ist im Grunde ein ernüchternder Befund. Die angehäufte Bildung führt in der Tendenz zu mehr Besserwissertum, zu einem Gefühl der Überlegenheit und Intoleranz. Das haben auch die Pro-Hamas-Demonstrationen an den Universitäten gezeigt: Hier demonstrieren nicht intellektuelle Zweifler, sondern selbstgerechte Ideologen. Die Befassung mit Theorien birgt immer die Gefahr, ihnen zu verfallen und dabei das tatsächliche Leben aus den Augen zu verlieren. So sind an den Unis Studenten dem Marxismus, Maoismus, Stalinismus und Leninismus verfallen – genauso wie den radikalen Auswüchsen des Postkolonialismus und der Identitätspolitik.Die Allensbach-Studie kam im Übrigen auch zu dem Befund, dass die Intoleranz gegenüber anderen Meinungen bei Anhängern der Grünen am grössten ist. 28 Prozent der Grünen-Sympathisanten gaben an, dass sie sich aufregen würden, wenn andere Leute Meinungen verträten, die nicht ihren eigenen entsprächen. Die Idee, dass besonders die Meinungsblasen im Internet ein Problem seien, stützt die Studie nicht. Im Gegenteil sei das Meinungsspektrum im analogen Freundeskreis noch homogener. Vielleicht ist der grüne Beamte also die grössere Gefahr für die Meinungsfreiheit als der Wutbürger im Internet. Darauf sollte man sich allerdings nicht berufen, wie der Fall eines Rentners zeigt. Robert Habeck im Internet einen Schwachkopf zu nennen, kann in Deutschland zu einer polizeilichen Hausdurchsuchung führen.Das bequeme Prinzip: «shooting the messenger»Die geistige Enge der Universitäten ist keine isolierte Geschichte. Sie überträgt sich auf die Gesellschaft mit ihren Theorien, Texten und vor allem mit ihrem Personal. Denn all diese Studienabgänger werden später Journalisten, Beamte, Politiker und Manager. Deshalb ist eine offene und tolerante Gesprächskultur hier besonders notwendig. Dazu gehört auch die Souveränität, Kritik, die vielleicht einen Absender hat, der einem erst einmal nicht passt, einzustecken und zu prüfen. Im Falle der Universitäten: Donald J. Trump.Denn einer der primitivsten öffentlichen Mechanismen ist es, Kritik allein damit abzuwehren, dass man den Absender abwertet. Man nennt das «shooting the messenger» – auch in dieser Praxis sind Akademiker im öffentlichen Diskurs Vollprofis. Der Umgang mit rechten Parteien im Westen basiert zu einem guten Teil auf diesem bequemen Prinzip. Inhalte werden gar nicht erst geprüft, stattdessen arbeitet man sich an Stilfragen und am Personal ab. Im Zweifel macht man aus ihnen Rechtsextreme oder Faschisten.Das Recht, das Unaussprechliche zu diskutierenUnter dem Eindruck von studentischen Störaktionen an der Yale-Universität verfasste eine Kommission unter der Leitung des Historikers C. Vann Woodward bereits 1974 einen Bericht, der einer flammenden Verteidigung der Meinungsfreiheit gleichkommt. Universitäten hätten die Funktion, die Grenzen des Wissens zu erweitern. Um diese Mission zu erfüllen, brauche es das Recht, «das Undenkbare zu denken, das Unaussprechliche zu diskutieren und das Unbestreitbare herauszufordern». Darum geht es.Der Schutz der Meinungsfreiheit ist aber nicht nur die Voraussetzung für Forschung und Fortschritt. Es ist das Fundament der Demokratie: Rede und Gegenrede. Wenn dies schon an den Universitäten, dem Trainingslager der Dialektik und des Disputs, nicht gelingt, ist dies ein schlechtes Omen für die ganze Gesellschaft. Deshalb ist es gut, wenn Universitäten wie Yale selbstkritisch vorangehen. Denn im Grunde wünscht man sich keine konservativen Gegenuniversitäten. Sondern freie Unis für alle.3 KommentareSilvio Gerlach vor 5 Minuten1 EmpfehlungEin mutiger Kommentar. Mal schauen, wie tolerant und un-ideologisch damit umgegangen wird.Reto Dubach vor 6 MinutenNun ja, das stimmt wohl. Blöd nur, dass Trump selber ein Musterbeispiel an Intoleranz ist, einfach auf der anderen Seite des Spektrums. Der Beitrag wäre ohne Trump Hinweis deutlich glaubwürdiger.Passend zum Artikel
Die Akademie der Intoleranz: Trumps Schlag gegen die Universitäten war richtig
An vielen Unis herrscht eine ideologische Enge, wie nun auch ein Bericht der Yale-Universität bestätigt. Diese Borniertheit überträgt sich auf die gesamte Gesellschaft.






