Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat der europäischen Wirtschaft wegen steigender Energiepreise bereits schweren Schaden zugefügt. Nun beschert der amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran mit der Sperrung der Straße von Hormus der EU den nächsten Energieschock – mit unabsehbaren Folgen für die Menschen in Europa. Die EU-Kommission zeichnete am Donnerstag in ihrer traditionellen Frühjahrsprognose ein ernüchterndes Bild der wirtschaftlichen Entwicklung, vor allem in Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas.Der Grad der Unsicherheit in der Wirtschaft sei „ungewöhnlich hoch“, sagte der für Wirtschaftsfragen zuständige EU-Kommissar Valdis Dombrovskis, ein Lette, als er sein Zahlenwerk vorlegte. Die europäische Wirtschaft wird demnach im Jahr 2026 nur noch um 1,1 Prozent wachsen. Das sind 0,4 Prozentpunkte weniger als das Wachstum, das im Jahr 2025 erreicht wurde, und 0,3 Prozentpunkte weniger, als die Kommission in ihrer Herbstprognose 2025 vorausgesagt hatte. Die Inflation, von den Energiepreisen getrieben, wird laut den Berechnungen der Kommission auf 3,1 Prozent steigen.Schlechte Aussichten für DeutschlandFür Deutschland fällt die Wachstumsprognose mit 0,6 Prozent noch deutlich schlechter aus für die EU als Ganzes. Der Wert hat sich gegenüber dem Herbst 2025 halbiert. Das entspricht den Erwartungen der Bundesregierung, sie rechnet mit einem Wachstum von 0,5 Prozent. Die Inflation steigt in Deutschland demnach auf 2,9 Prozent, also etwas weniger stark als im Schnitt der ganzen EU.Wegen des Iran-Krieges ist das Verbrauchervertrauen – die Stimmung der privaten Haushalte in Bezug auf die wirtschaftliche Lage – in Europa auf den tiefsten Stand seit 40 Monaten gefallen. Dennoch bleiben die Konsumentinnen und Konsumenten mit ihren Ausgaben der wichtigste Wachstumstreiber in Europa.Kommissar Dombrovskis legte für das Jahr 2027 etwas bessere Zahlen als für 2026 vor, mit einem EU-weiten Wachstum von 1,4 Prozent und einer Inflation von 2,4 Prozent. Er wies aber ausdrücklich darauf hin, dies sei eine optimistische Annahme. Sie gehe davon aus, dass sich die Lage in Nahost bald entspannt und die Straße von Hormus wieder geöffnet wird. Das scheint er aber für zunehmend unwahrscheinlich zu halten angesichts der stockenden Verhandlungen zwischen den USA und Iran. „Das Zeitfenster für eine Normalisierung schließt sich immer weiter“, sagte Dombrovskis.Falls der Konflikt sich fortsetzt, würde die europäische Wirtschaft in ihrem Zustand weitgehender Lähmung verharren – mit noch weniger Wachstum, höherer Inflation, steigenden Staatsschulden und möglicherweise wieder steigender Arbeitslosigkeit. Zudem könnten sich „Lieferengpässe bei bestimmten Rohstoffen und Vorprodukten – etwa bei einigen raffinierten Erdölprodukten, Helium und Düngemitteln – verschärfen, mit Folgewirkungen für globale Produktionsketten und die Bezahlbarkeit von Lebensmitteln“, heißt es in dem Papier, das die Kommission vorlegte. Ohnehin leidet die europäische Wirtschaft unter der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump und der aggressiven Handelspolitik Chinas.Das sind beunruhigende Perspektiven für die Europäische Union, auch in politischer Hinsicht. Im kommenden Jahr stehen wegweisende Wahlen in Frankreich, Polen und Italien an, ein wirtschaftlicher Niedergang dürfte EU-feindlichen Parteien in die Hände spielen. Die EU kommt mit ihren strukturellen Reformen zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit nur zögerlich voran. Und anders als in vorangegangenen Krisen bleiben den Regierungen kaum noch Möglichkeiten, die Wirtschaft durch den massiven Einsatz von Haushaltsmitteln kurzfristig anzukurbeln.Ohnehin halten sich nur wenige Staaten an die Vorgabe der EU, die jährliche Neuverschuldung auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu begrenzen. Belgien, Griechenland, Frankreich und Italien weisen einen Gesamtschuldenstand von mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf. Und eine neuerliche gemeinsame Schuldenaufnahme wie nach der Corona-Pandemie ist politisch nicht durchsetzbar.„Die EU muss aus vergangenen Krisen lernen, indem sie finanzielle Hilfen für Unternehmen und Haushalte befristet und zielgerichtet gestaltet“, sagte EU-Kommissar Dombrovskis. Zudem müsse Europa seine Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen weiter verringern. Darüber herrscht im Prinzip Einigkeit. Aber mit ihrer praktischen Politik sendet die EU widersprüchliche Signale. Sie hat Programme beschlossen, um den Ausbau von klimafreundlichen Technologien in Europa zu fördern. Zugleich entschärft sie aber Klimaregeln, etwa den CO₂-Emissionshandel, der Wirtschaft und Gesellschaft auf den Weg der Dekarbonisierung zwingen soll.