Miami, Bundesgericht, 20. Mai 2026, später Nachmittag. Drüben in Havanna ist es derselbe Tag, an dem die Insel den Beginn ihrer Republik feiert – jenen 20. Mai 1902, an dem die spanische Flagge eingeholt und die kubanische gehisst wurde, während im Hintergrund bereits die Platt-Amendment-Klausel das junge Land zum Protektorat Washingtons degradierte. 124 Jahre später, fast auf die Stunde genau, verliest eine Grand Jury in Miami eine Anklageschrift, die diese historische Linie mit beklemmender Konsequenz fortschreibt: Mord und Verschwörung, vier Tatbestände, Angeklagter: Raúl Castro Ruz, 94 Jahre alt, General der Armee, Bruder Fidels, bis heute moralische Instanz der kubanischen Revolution.

Die Vorwürfe beziehen sich auf den Februar 1996, auf den Abschuss zweier Kleinflugzeuge der Exilorganisation „Hermanos al Rescate“ über – darüber wird noch zu reden sein – kubanischem Hoheitsgebiet, bei dem vier Menschen ums Leben kamen, drei davon US-Bürger.

In den Redaktionen von Miami bis Washington klicken die Eilmeldungen, in Santiago de Cuba, wo der greise General lebt, dürfte der Abend ruhig verlaufen sein. Niemand erwartet ernsthaft, dass Raúl Castro je einen US-Gerichtssaal von innen sehen wird. Die Washington Post nennt die Anklage selbst „likely to remain symbolic“. Und genau darin liegt die Pointe: Es geht nicht um Strafverfolgung. Es geht um die juristische Grundierung einer politischen – und möglicherweise militärischen – Eskalation.