Wer an deutschen Hochschulen ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Fach studiert, muss sich in der Regel besondere Mühe geben, um eine schlechte Note zu bekommen. Das ist ungerecht gegenüber Juristen, die schon mit einem „vollbefriedigend“ glücklich sein sollen, oder Physikern und Mathematikern, die reihenweise durch die Vorprüfungen fallen. Die Bildungsforschung lässt an der Noteninflation keinen Zweifel.Strenge Noten sind unattraktiv für Hochschulen, die um Geld und Studenten konkurrieren, für Dozenten, die sich Diskussionen ersparen wollen, und für eine Hochschulpolitik, die die Zahl der Studienabbrecher kleinhalten will. „Ich habe Ihnen eine Zwei gegeben“, heißt manchmal nichts anderes als „Ich hatte keine Zeit, die Arbeit zu lesen, aber Sie können sich ja wohl nicht beschweren.“ Die Arbeitgeber, bei denen sich dann lauter Hochbegabte melden, bleiben ratlos zurück.Die Regelung gilt von Herbst 2027 anAn der Harvard-Universität stand man zuletzt vor einer ähnlichen Flut an Spitzenleistungen. Rund sechzig Prozent der Bachelorstudenten schlossen ein Seminar mit der Bestnote A ab, vor zwanzig Jahren lag der Wert noch bei 24 Prozent. Damit reiht sich die Universität in den allgemeinen Trend zur Topbewertung in den Vereinigten Staaten ein, der gerade den Elitehochschulen nachgesagt wird.War die Durchschnittsnote in den Sechzigerjahren noch ein C oder B, so ist es heute das A. Die Aufwärtsbewegung wird gern damit begründet, dass Spitzenstudenten eben Spitzenleistungen erbringen. Realistischer ist wohl der Hinweis auf die hohen Studiengebühren: Zahlende Kunden darf man nicht mit schlechten Noten verprellen. Strenge Dozenten müssen außerdem schlechte Evaluationen befürchten.Harvards Dozenten haben sich nun darauf geeinigt, die Höchstnote auf zwanzig Prozent zu kontingentieren, plus vier weiteren Studenten. Die neue Regel wurde mit Zweidrittelmehrheit beschlossen und soll von Herbst 2027 an gelten. Für schlechte Noten gibt es weiter keine Obergrenze. Es ist nicht der erste Versuch einer amerikanischen Universität, Bestnoten zu kontingentieren.Es bleibt ein MakelDie bisherigen Anläufe scheiterten zumeist am Konkurrenzkampf der Universitäten, der professoralen Autonomie und dem Argument, ein starres Kontingent vernachlässige die Unterschiede zwischen den Fächerkulturen. Außerdem könne es ja tatsächlich einmal eine besonders hohe Zahl von Spitzenleistungen geben.Im Ganzen macht die Noteninflation die Hochschulen jedoch unglaubwürdig. Harvards Reform ist deshalb ein mutiger Schritt. Sie löst nicht das strukturelle Problem der amerikanischen Hochschulen, aber sie hilft Studenten, ihre Leistung besser einzuschätzen, macht Spitzenleistungen wieder erkennbar und schützt Universitäten vor dem Vorwurf, die Lehre nicht ernst zu nehmen.Es bleibt der Makel, dass eine Quote potentiell tatsächlich vorhandene Spitzenleistungen willkürlich begrenzt. Mit weicheren Methoden konnten die amerikanischen Universitäten die Notenschwemme bisher allerdings nicht aufhalten.
Harvard stoppt die Noteninflation: Nur noch 20 Prozent Note A
Lange galt die Bestnote A als der heimliche Standard an amerikanischen Eliteuniversitäten. Harvard hat jetzt beschlossen, die Flut an Spitzenleistungen zu begrenzen. Ein mutiger Schritt.










