Zu den Schwierigkeiten der Reformdebatte in Deutschland gehört ein gewisses Maß an Realitätsverweigerung. Da klammert man sich an Kleinigkeiten, in denen Deutschland vielleicht nicht ganz so schlecht aussieht, und vernachlässigt das große Ganze. Man höre sich zum Beispiel Bundesverkehrsminister Patrick Schneider (CDU) an, der auf Erkundungstour in Japan die Qualität der dortigen Shinkansen-Schnellzüge prüfte. „Wir sind durchaus besser, was den Service betrifft, da müssen wir uns nicht verstecken“, sagte Schnieder der F.A.Z. während einer Fahrt im Shinkansen.Nun ja. Mehr als zehn Jahre hat der Autor dieser Zeilen als Korrespondent dieser Zeitung in Japan gelebt und dabei unzählige Fahrten und ungezählte Kilometer in den Shinkansen-Zügen zurückgelegt. Als Quintessenz aus all diesen Jahren bleibt: Schnieder liegt falsch. Die Deutsche Bahn hängt, was Service oder Dienstleistungen angeht, Japan gleislang hinterher.Das beginnt damit, dass die wichtigste Dienstleistung einer Eisenbahngesellschaft ist, Passagiere pünktlich zum Ziel zu transportieren. Nie hat der Autor dieser Zeilen in all den Jahren in Japan eine Verspätung erlebt, die mehr als zehn Minuten betrug. In fast allen Fällen kamen die Züge mit einer Marge von zwei oder drei Minuten pünktlich an. Dass die Deutsche Bahn da aufholen muss, darüber ist Schnieder sich bewusst.Zum guten Service gehört viel mehr als PünktlichkeitEr bezieht sich mit dem Lob des deutschen Service darauf, dass in den hiesigen Schnellzügen – anders als in den Shinkansen-Zügen in Japan – ein Bordbistro vorhanden ist. Doch in all den Jahren in Japan ist dem Autor und seinen japanischen Freunden das Fehlen des Bistros nie als Manko aufgefallen. Schnieders Einlassung zeugt von einem großen kulturellen Missverständnis.Jeder Japaner und jeder gut informierte Tourist weiß, dass man vor einer Fahrt mit dem Shinkansen am Bahnhof Getränke und Essen für die Reise kauft. Üblicherweise gibt es dort eine große Zahl privater Anbieter, die leckere Bentoboxen feilbieten, kleine bis große Schachteln, gefüllt mit mehreren unterschiedlichen Speisen, täglich frisch zubereitet, in allen Geschmacksrichtungen, mit Fisch oder Fleisch, Gemüse und/oder Reis, variantenreich mit lokalen und jahreszeittypischen Spezialitäten. Vor allem an den großen Bahnhöfen ist die Auswahl überwältigend.Japaner lieben ihr EkibenSo beliebt sind diese Speisen, dass die Japaner dafür sogar ein eigenes Wort haben: Ekiben, die Kombination von Bahnhof und Bento. Nie wäre es dem Autor in all den Jahren in Japan eingefallen, die Köstlichkeiten des Ekiben gegen die aufgewärmten und überteuerten Fertigprodukte eines deutschen Bordbistros einzutauschen oder gegen die austauschbaren Snackangebote an hiesigen Bahnhöfen.Im Vergleich verblasst der scheinbare Vorteil des Bordbistros, und es wird umso klarer, dass das große Ganze, das Gesamtpaket überzeugen muss. Und da hat die Deutsche Bahn im Vergleich mit Japan gewaltigen Nachholbedarf. Einige Beispiele: Nie hat der Autor in Japan erlebt, dass Toiletten in den Zügen nicht funktionierten oder verschmutzt waren. In Deutschland: immer wieder.Nie hat er wie in Deutschland erlebt, dass Zugbegleiter über die Lautsprecher langatmig und betont aufmunternd die Passagiere über das Wetter oder andere Nichtigkeiten beschwatzten. In Japan: kurze Information über die Ankunftszeit und die Anschlusszüge, danach lässt das Zugpersonal die Fahrgäste wieder in Ruhe.Nur einmal auf dem Boden gesessenNie hat er wie in Deutschland erlebt, dass Zugbegleiter von den Passagieren noch Lob erwarteten, wenn sie als Rufbereitschaft in einem verspäteten Ersatzzug aushalfen. In Japan erfüllen die Zugbegleiter unauffällig und freundlich ihre Aufgaben, weil der Kunde und nicht das Personal König ist. Dazu gehört auch die höfliche Geste, sich vor den Kunden zu verbeugen, wenn das Personal den Waggon betritt oder verlässt.Nie, falsch: nur einmal hat der Autor in Japan erlebt, dass er in einem überfüllten Shinkansen-Zug auf dem Boden sitzen musste. Das war mit vielen anderen Rockfans auf dem Weg zum beliebten Fuji Rock Festival und in der Ausnahmesituation akzeptabel. In Deutschland passiert das Sitzen auf dem Boden zu oft, um akzeptabel zu sein.All solche Unannehmlichkeiten in deutschen Zügen potenzieren sich, weil die teils dramatischen Verspätungen hinzukommen. Vielleicht rührt daher das Lob des Ministers für das Bordbistro. Wer nie weiß, wann er ankommt, kann – anders als in Japan – den benötigten Proviant für die Zugreise nicht verlässlich bestimmen. Im Falle eines Falles braucht es dann das Bordbistro, um sich mit einem Bier den Verspätungsfrust von der Seele zu trinken.