Das Waschen schmutziger Wäsche in der Öffentlichkeit ist in diesen rasanten Zeiten zu einer Kunstform geworden, für die man das Timing und die Härte eines Derivatehändlers sowie den Langmut eines UN-Diplomaten benötigt. Zumal, wenn es um die schmutzige Wäsche der eigenen, prominenten Familie geht. Hélène Mercier-Arnault aber kam ohne taktische Umwege lieber gleich zum Wesentlichen: zu den Unterhosen ihres Mannes.Aus Baumwolle seien die und von „popeliger“ Einfachheit, erzählte sie „lächelnd“ der Pariser Tageszeitung Libération. Was ein Problem ist, wenn der Mann Bernard Arnault heißt, 140 Milliarden Dollar schwer ist und als CEO des 75 Luxusmarken umfassenden Konzerns LVMH eher mit Seidenpyjamas assoziiert wird als mit Feinripp.Wenn die Familie quatscht, dann bist du erledigt; egal ob du der wichtigste Markenguru der Welt bist, wie viele Tausend PR-Berater sich um dein Image und das Narrativ deiner Firma kümmern oder wie kurz du deine fünf Kinder (zwei aus erster, drei aus zweiter Ehe) im eigenen Unternehmen an der Leine hältst. Egal auch, ob das Privateste, was die Leute sonst über dich erfahren, die Marke deines Smokings bei der Opernpremiere ist. Im Gegenteil, die Arnaults werden gerade an die Regel erinnert: Je attraktiver die Fassade, desto brutaler geht #slipgate viral.Das Interview mit Libération war der letzte Termin eines wilden Presseparcours, bei dem die Pianistin Mercier-Arnault ihr neues Album präsentierte und den sie ausgiebig für toxische Sticheleien nutzte: Die Kinder? „Schläfrig“ durch „das viele Geld“ und „fast gehirngewaschene Gefangene im System ihres Vaters“. Ihr Mann? Ein genussunfähiger Kontrollfreak, der die Brokkoliröschen im Couscous zählt.Wo jemand aus einer prominenten Familie quatscht, gewinnt meist nur: das PublikumMercier-Arnaults Äußerungen werden auch als Versuch interpretiert, ihre Kinder für die Unternehmensführung zu positionieren. „Achtung, ich weiß sehr vieles!“, soll die 66-Jährige in einer SMS an die Familie gedroht haben. Ihr letztes Interview datiert vom 27. April, aber es ist die Art von Gift, das langsam einsickert, bevor es sich unschön mit der Angst um die trudelnden Aktienkurse der Luxusbranche mischt. Machtkampf, Führungskrise, Machtvakuum lauten die Schlagzeilen, die immer größere Kreise ziehen, diese Woche war der deutsche Boulevard mit mehreren Enthüllungsstorys dran.Wo die Familie quatscht, gewinnt nur das Publikum, so weiß man aus zahllosen Beispielen von Harry Windsor (#Buckingheimweh?) bis Romeo Beckham. Wenn keiner daraus lernt, dann deshalb, weil, frei nach Tolstoi, jede unglückliche Familie auf ihre eigene Weise unglücklich ist. Der Frust bricht sich halt irgendwann Bahn.Vielleicht hätte der 77-jährige Bernard Arnault besser Therapeuten eingestellt als PR-Strategen? Zurück bleibt der Eindruck von einem Mann, der sich mit Fassaden auskennt, aber nicht mit dem Dreck dahinter. Der mit Firmen wie Louis Vuitton und Dior vorgibt, etwas zu verkaufen, von dem er selber gar nicht recht weiß, was das ist: ein bisschen Glück.