Als die Sowjets Finnland überfielen – in seinem Roman «Dämmerung» erinnert Kjell Westö an die Zeiten des KriegesDer heroisch geführte Abwehrkampf gegen die Invasion der Roten Armee im Winter 1939/40 hat im Bewusstsein der Finnen untilgbare Spuren hinterlassen. An Literatur darüber herrscht kein Mangel; Kjell Westö hat sich der Herausforderung dennoch neu angenommen.Aldo Keel21.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenFinnische Verteidigungsline im Winterkrieg gegen die UdSSR, 1939.ImagoFinnland wurde kürzlich in einem internationalen Ranking zum neunten Mal in Folge zum glücklichsten Land der Welt erkoren. Den Finnen allerdings wurde ihr Glück nicht an der Wiege gesungen. Für das finnische Volk gebe es kaum etwas anderes als Tragik, schrieb der Nobelpreisträger F. E. Sillanpää im Roman «Frommes Elend» (1919), der im Bürgerkrieg von 1918 spielt. Das Schicksal lasse die Sonne kurz hervorschimmern. «Und wenn wir dann so richtig ausser uns geraten und nicht wissen, wen wir vor Glück zuerst umarmen sollen, zeigt es uns, dass es das doch nicht ernst gemeint hat.» Immer wieder befassen sich auch heute noch Romane mit den Kriegen, die das Land an der Grenze von Ost und West ausfocht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kjell Westös Romane greifen oft historische Sujets auf. Der Zweite Weltkrieg sei ein «wichtiger Teil der finnischen Identität», sagte er einmal dem Stockholmer «Aftonbladet». Die Fernsehzuschauer erkoren 2004 den Oberbefehlshaber Mannerheim zum grössten Finnen aller Zeiten. Laut dem Finnisch-Professor Juhani Niemi wurde im Verhältnis zur Bevölkerungszahl nirgendwo sonst eine vergleichbare Menge an Kriegsliteratur veröffentlicht. Die Literatur erfülle eine «nationalpsychiatrische Funktion».Was der Krieg den Menschen antutWestö suchte lange Jahre nach einer Form, um vom «Winterkrieg» und vom Anfang des «Fortsetzungskriegs» zu erzählen, ohne auf die eigene Familiengeschichte zurückzugreifen. «Mir scheint es nicht richtig, Menschen auszuliefern, mit denen ich zusammengelebt habe, wie es die Art autofiktionaler Romane ist», liess er im finnischen Radio wissen. Der Krieg habe in seiner Familie tiefe Wunden geschlagen, die auch die Zeit nicht zu heilen vermochte.Auch ein klassischer Frontroman kam nicht infrage. Sinnlos, sich an Väinö Linnas «Kriegsroman» (1954) zu messen, Finnlands meistverkauftem, schon dreimal verfilmtem Buch, welches das Töten und Sterben aus der Sicht der einfachen Soldaten schildert. Erst im Jahr 2000 konnte dieser Klassiker allerdings ungekürzt erscheinen. In früheren Ausgaben hatte der Verlag religiös und politisch unliebsame Passagen (Kritik an Offizieren) zum Entsetzen des Autors gestrichen. Eine Bühnenfassung «im deutsch-expressiven Stil» (so ein Kritiker) erlebte 2007/08 am Nationaltheater in Helsinki 122 ausverkaufte Vorstellungen.Westö erzählt in «Dämmerung» die komplizierte Liebesgeschichte des Journalisten Henry und der Schauspielerin Molly. Schauplatz ist ein düsteres Helsinki. Lebensmittel und Benzin sind rationiert, vor den Geschäften bilden sich Warteschlangen, Todesanzeigen der Gefallenen füllen die Zeitungen, ein Wettbewerb sucht den besten Kampfroman.Was der Krieg den Menschen antut, schildert Westös allwissender Erzähler realistisch und detailreich. Der Roman beginnt mit einem Angriff sowjetischer Bomber auf den Zug, in dem Molly sitzt. Das Ensemble des Schwedischen Theaters Helsinki reist zu einer Tournee nach Schweden, um für Finnlands Sache zu werben und Geld zu sammeln.Waffenbrüderschaft mit DeutschlandWährenddessen ist Henry als Kriegsreporter an der Front. Sein Auftrag: flotte Reportagen, welche die Heimatfront bei Laune halten sollen. Doch was er beobachtet, ist kein Kampf, sondern ein «Abschlachten». Die Parallelen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine sind offenkundig. Wer überlebt, leidet an posttraumatischem Stress, wie ein Besuch der Militärpsychiatrie eindrücklich zeigt. Immer schwerer fällt es Henry, die Leser mit der brutalen Wirklichkeit zu verschonen. Immer öfter bleiben seine Texte ungedruckt. Er gerät in Konflikt mit der Chefredaktion.«Möge meine Hand verdorren, die gezwungen ist, ein derartiges Papier zu unterzeichnen», sagte Präsident Kallio, als er im März 1940 den vom Kreml aufgezwungenen Friedensvertrag signierte, der erhebliche Gebietsverluste festschrieb. Ab Juni 1941 versuchte Finnland dann aber in Waffenbrüderschaft mit NS-Deutschland, die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen und überdies das von Finnischstämmigen besiedelte Ostkarelien jenseits der alten Ostgrenze zu erobern. «Aber das mit Deutschland durfte man nicht öffentlich sagen.»Gerüchte schwirren durch die Stadt. Schon druckt Henrys Zeitung ein Extrablatt mit der Schlagzeile «Finnland und Deutschland greifen gemeinsam die Russen an». Doch in letzter Minute wird dafür gesorgt, dass die Zeitung nicht in den Verkauf gelangt. Henry jedoch ist inzwischen nicht mehr Reporter, sondern Angehöriger einer Propagandakompanie.Kjell Westö: Dämmerung. Roman aus Kriegszeiten. Aus dem finnischen Schwedisch von Kristina Maidt-Zinke. Piper-Verlag, München 2026. 526 S., Fr. 36.90.Passend zum Artikel