Hinter die Fassade der Existenzen schauen: Sherwood Andersons brillanter Roman «Winesburg, Ohio»Es ist das vielleicht unbekannteste Meisterwerk der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts: Nun ist «Winesburg, Ohio» endlich wiederzuentdecken – ein erstaunlich aktuelles Buch über das Leben in der Kleinstadt.Rainer Moritz21.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSherwood Anderson (Aufnahme: 1923) hält seine Kurzgeschichten durch ihren Schauplatz zusammen: eine Kleinstadt in Ohio.Hulton / GettyVersuche, den amerikanischen Autor Sherwood Anderson (1876–1941), im deutschsprachigen Raum populär zu machen, hat es immer wieder gegeben. Obschon aus seinem umfangreichen Werk nur ein kleiner Teil übersetzt wurde, legte der Oltner Walter-Verlag 1963 immerhin eine vierbändige Werkausgabe vor. Diese enthielt auch Andersons «Winesburg, Ohio» (im Original 1919), das vielleicht unbekannteste Meisterwerk der US-Literatur des 20. Jahrhunderts.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die erste deutsche (kräftig gekürzte) Übersetzung hatte 1958 Hans Erich Nossack besorgt, seinerzeit ein vielbeachteter Nachkriegsschriftsteller. Wenngleich diese Suhrkamp-Ausgabe mehrfach nachgedruckt wurde, hat «Winesburg, Ohio» bis heute nicht den Stellenwert, der dem Roman zukommen müsste. Wenn nun Eike Schönfelds Übertragung aus dem Jahr 2012 Einzug in die ehrwürdige Manesse-Bibliothek der Weltliteratur hält, ist zu hoffen, dass sich das endlich ändern wird.Lauter VerrückteAnderson begründete mit «Winesburg, Ohio» gewissermassen das Format der «interlinked short stories»: Erzählungen, die für sich allein stehen können, aber durch Gemeinsamkeiten so eng verwoben sind, dass sie eine fortlaufende Geschichte ergeben. Dieses Format erfreut sich, wie Daniel Kehlmann in seinem Nachwort schreibt, vor allem in der amerikanischen Literatur ungebrochenen Zuspruchs, letztmals etwa in Elizabeth Strouts «Alles ist möglich», aber auch im Film.Müssig ist es, darüber zu streiten, welches Gattungsetikett für «Winesburg, Ohio» am treffendsten ist. Haben wir es, so der Untertitel des Originals, mit einer «Reihe von Erzählungen» zu tun, mit einem «Roman um eine kleine Stadt» (so die deutsche Erstausgabe) oder mit einem «Roman in Geschichten», wie übrigens 2009 Kehlmanns eigenes Werk «Ruhm» untertitelt war? Zusammengehalten werden Andersons vierundzwanzig gut einzeln lesbare Geschichten durch ihren Schauplatz: eine Kleinstadt in Ohio.In jenem fiktiven Winesburg, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen realen, in Ohio liegenden Ort, tummeln sich lauter «Verrückte» (Kehlmann), schräge Aussenseiter, vereinsamte, verkrachte Kreaturen, die sich nach Liebe sehnen, dem Alkohol verfallen und sich tagtäglich wohl oder übel begegnen. Denn es ist schwierig, sich in Winesburg – ein beigegebener Stadtplan verzeichnet die markantesten Örtlichkeiten – aus dem Weg zu gehen.Immer wieder tauchen neue Figuren auf. Dank einem genialen Erzählkniff geht indes der Überblick nicht verloren: Eine Gestalt nämlich zieht sich durch fast alle Geschichten, die des jungen Journalisten George Willard, der für die regionale Wochenzeitung «Winesburg Eagle» arbeitet. Der zieht, wenn er sich langweilt, als Reporter durch die Strassen und Kneipen und hat für jeden ein offenes Ohr. Die Menschen fassen Vertrauen zu ihm, erzählen ihm freimütig ihre oft trübsinnigen Lebensgeschichten.Und was er an Abenteuerlichem und Traurigem zu hören bekommt, hat es in sich. Da ist der ehemalige Lehrer, der nach Pädophilievorwürfen Pennsylvania verlassen und nach Ohio flüchten musste. Da ist der Arzt, der am liebsten keine Patienten behandeln will, der hässliche Kerl, der, nachdem seine Ehe gescheitert ist, alle Frauen als «Luder» tituliert, oder die Verkäuferin, die seit Jahren vergeblich auf die Rückkehr ihres Geliebten wartet.Unbändiger MaterialismusSherwood Anderson ist ein brillanter, souverän die Erzähltempi variierender Autor. Sein Protagonist Willard betrachtet die Leute von Winesburg unerbittlich, aber zugleich zugewandt. Eine Gabe, die schon Andersons Mutter hatte. In der Widmung schreibt der Autor: «Dem Andenken meiner Mutter Emma Smith Anderson, die als scharfe Beobachterin des Lebens um sie herum in mir erstmals das Verlangen weckte, hinter die Fassade der Existenzen zu schauen, ist dieses Buch gewidmet.»Hans Erich Nossack, der deutsche Erstübersetzer, hob die Allgemeingültigkeit des Textes hervor, da «Kleinstädte sich in der ganzen Welt und zu allen Zeiten, was Atmosphäre und seelische Struktur betrifft, ähnlich sind», so dass man von einem «Roman der Kleinstadt» sprechen könne. Dem ist entgegenzuhalten, dass Sherwood Anderson sehr deutlich macht, mit welchen konkreten sozialen Gegebenheiten und Umstürzen die Winesburger zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu kämpfen haben.Sie sind betroffen «von den tiefen Einflüssen, die im Land in jenen Jahren wirkten, als der moderne Industrialismus entstand». Und sie stehen vor einer Zeitenwende: «Der Beginn des materialistischsten Zeitalters in der Geschichte der Welt, in dem Kriege ohne Patriotismus ausgefochten wurden, in dem Männer Gott vergassen und nur moralische Normen beachteten, in dem der Wille zur Macht an die Stelle der Bereitschaft zu dienen trat und in dem über den schrecklichen, ungestümen Drang der Menschheit zum Erwerb von Besitztümern beinahe die Schönheit vergessen wurde.»So ist «Winesburg, Ohio» ein bestechender Roman über existenzielle Einsamkeit, deren Ursachen nicht im Vagen bleiben. Und so haben wir es, wenn wir die Geschichte der Kleinstadt fortschreiben würden, wie es beispielsweise Richard Russo in «Diese gottverdammten Träume» (2001) getan hat, nicht zuletzt mit einem erstaunlich aktuellen Roman zu tun.Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio. Eine Reihe von Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eike Schönfeld. Nachwort von Daniel Kehlmann. Manesse-Verlag, Zürich 2026. 378 Seiten, Fr. 36.90.Passend zum Artikel
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Es ist das vielleicht unbekannteste Meisterwerk der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts: Nun ist «Winesburg, Ohio» endlich wiederzuentdecken – ein erstaunlich aktuelles Buch über das Leben in der Kleinstadt.








