«Vertrauen schafft man nicht, indem man Versprechen bricht», sagt der Ökonom Matthias SutterVertrauen und Kooperation sind wichtige Voraussetzungen für Wachstum und Wohlstand. In Deutschland sind sie zur Mangelware geworden. Das erschwert den Reformprozess und verschärft die Krise, warnt der Verhaltensforscher Matthias Sutter.21.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenBundeskanzler Friedrich Merz (CDU) links und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) beim Truppenbesuch im niedersächsischen Munster: Die Regierungsparteien bekämpfen sich, statt zu kooperieren.Chris Emil Janssen / ImagoFriedrich Merz ist auf dem Weg, ein Kanzler der Negativrekorde zu werden. Kein deutscher Regierungschef vor ihm war nach nur einem Jahr Amtszeit so unbeliebt wie Merz. Nur 16 Prozent der Deutschen sind laut Umfragen mit seiner Regierungskunst zufrieden. Der Dauerstreit zwischen CDU/CSU und SPD unterspült das Vertrauen der Wähler in die Regierung und ihre Fähigkeit, die Probleme des Landes zu lösen. Käme es zu Neuwahlen, hätte die schwarz-rote Regierung derzeit keine Mehrheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Vertrauenserosion hat weitreichende Folgen, wirtschaftlich und politisch. Denn ohne Vertrauensbasis steht jede Regierung auf verlorenem Posten, vor allem dann, wenn es darum geht, den Bürgern die Notwendigkeit für tiefgreifende Reformen zu vermitteln.Matthias Sutter, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomie in Bonn, hat sich intensiv damit beschäftigt, wie Vertrauen und Kooperation Wirtschaft und Politik beeinflussen. «Reformen erfordern ein hohes Mass an Vertrauen in die Regierung, weil sie Gewinner und Verlierer produzieren», sagt Sutter. Damit die Gesellschaft nicht auseinanderdriftet, müssen die Bürger der Regierung vertrauen, dass diese bei den Reformen gute Absichten verfolgt und sich nicht von Partikularinteressen sowie parteipolitischen Machtkalkülen leiten lässt. «Eine Regierung kann keinen Aufbruch initiieren, wenn sie eine Politik gegen die Bevölkerung betreibt», sagt Sutter.Der in Österreich geborene Experte für Verhaltensökonomie ist einer der renommiertesten Vertreter der experimentellen Wirtschaftsforschung in Europa. Gemeinsam mit dem Ökonomen Martin Kocher, dem Chef der österreichischen Notenbank, hat Sutter ein Buch darüber geschrieben, wie wichtig Vertrauen und Kooperation in Wirtschaft und Politik sind.Versprechen müssen eingehalten werdenOhne Vertrauen und Kooperation schwindet die Basis für den Wohlstand. Vertrauen senkt die Kontroll- und Transaktionskosten und macht das Leben für alle einfacher. Vertrauen die Menschen einander, kooperieren sie. Arbeitsteilung und Handel blühen auf, der Wohlstand steigt.Vor diesem Hintergrund ist die gegenwärtige Vertrauenskrise eigentlich ein schlechter Zeitpunkt für tiefgreifende Reformen, sagt Sutter. Dabei habe sich Merz den Vertrauensentzug selbst zuzuschreiben. Indem er zu Beginn seiner Kanzlerschaft sein Wahlkampfversprechen gebrochen habe, die Schuldenbremse zu verteidigen, und die Verfassung mithilfe des bereits abgewählten Bundestags ausgehebelt habe, habe er das Vertrauen grosser Teile der Wählerschaft verspielt. «Vertrauen schafft man nicht, indem man das Gegenteil dessen macht, was man zuvor versprochen hat», sagt Sutter. Wer sein Versprechen bricht, unterminiert die eigene Glaubwürdigkeit nachhaltig.Das gilt besonders für Führungskräfte. «Ein Regierungschef hat immer eine Vorbildfunktion», sagt Sutter.Ohne Vertrauen keine InvestitionenErodiert das Vertrauen in die Regierung, hat dies handfeste Folgen für die Wirtschaft. Denn nichts schadet der Investitionsbereitschaft der Unternehmen mehr als instabile Rahmenbedingungen und Unsicherheit über das künftige Handeln der Regierung.«Politik ist ein Geschäft von Menschen für Menschen», sagt Sutter. Daher spielt auch der persönliche Umgang der Spitzenpolitiker untereinander eine grosse Rolle. Dieser prägt das Bild der Regierung in der Öffentlichkeit. Viel hängt vom Führungsstil des Kanzlers ab. Fühlen sich seine Kabinettskollegen herablassend behandelt, sinkt deren Kooperationsbereitschaft, sagt Sutter. Das erschwert die Kompromissfindung in der Regierung.Dabei ist der Druck zur Kooperation für die CDU grösser als für die SPD. Der Grund ist die Brandmauer gegenüber der AfD, an deren Errichtung die CDU mitgewirkt hat. «Merz und der CDU fehlt es in den Verhandlungen mit der SPD an Drohpotenzial, die Koalition zu beenden», sagt Sutter. Das erleichtert es der SPD, ihre Forderungen durchzusetzen.Die von den etablierten Parteien errichtete Brandmauer gegenüber der AfD engt den Handlungsspielraum der CDU ein und erzwingt Konzessionen gegenüber der SPD.Müller-Stauffenberg / ImagoGefährliches Nullsummen-DenkenDabei könnten beide Koalitionspartner von einer stärkeren Kooperation profitieren. Sutter verweist in diesem Zusammenhang auf Studien aus der Unternehmenswelt. Diese zeigen, dass sich Kooperation im Beruf für alle Beteiligten auszahlt. «Teamplayer sind beruflich meist erfolgreicher als Einzelkämpfer, die ihre Ellenbogen ausfahren», weiss Sutter. Während der autoritäre Einzelkämpfer polarisiert, schweisst der Teamplayer seine Mannschaft zusammen.Ein kooperativer Führungsstil erfordert Gesprächsbereitschaft und kostet Zeit. Aber die Investition lohnt sich, weil der Erfolg für das Team grösser ist als bei einem nichtkooperativen Stil. Das liegt daran, dass Kooperation Mitsprache bedeutet. «Die Forschung zeigt, dass Mitsprache das Engagement erhöht», so Sutter.In der Politik hat sich dagegen ein gefährliches Nullsummen-Denken ausgebreitet. Es beruht auf der Annahme, dass der eigene Wohlstand nur dann zunimmt, wenn der Wohlstand in anderen Ländern sinkt.Demokratie fördert kooperatives VerhaltenEin Beispiel dafür ist die Politik von US-Präsident Donald Trump. Trump glaubt, er könne den wirtschaftlichen Erfolg Amerikas mehren, indem er den Zugang für andere Länder zum US-Markt durch Zölle erschwert und ihnen schadet. Das Gegenteil ist jedoch richtig. «Der eigene Erfolg wächst, wenn man mit anderen kooperiert», sagt Sutter.Nichtkooperatives Verhalten hat einen gefährlichen Multiplikatoreffekt. Denn dann schalten die Verhandlungspartner ebenfalls auf nichtkooperative Verhaltensweisen um. Das aber ist schlecht für alle Beteiligten.Denn Demokratie ist eine Staatsform, die kooperatives Verhalten fördert und belohnt. Die Regierungen müssen sich regelmässig dem Votum der Wähler stellen. Zeichnen sich Politiker durch unkooperatives Verhalten aus und schaden dadurch den Wählern, verlieren sie ihre Stimmen. Vor diesem Hintergrund ist es absurd, wenn Politiker glauben, nichtkooperatives Verhalten bringe ihnen Erfolg.EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump streiten über die Erhebung von Zöllen.Alexander Drago / ReutersTugend-Kreislauf durch gute InstitutionenBesonders problematisch wird es, wenn Politiker die Institutionen des Rechtsstaats aushöhlen. «Institutionen sind essenziell, wenn es darum geht, in der Gesellschaft Vertrauen zu schaffen», sagt Sutter. Eine unabhängige Justiz und einklagbare Rechte erzeugen Sicherheit. Dies erhöht die Bereitschaft, mit Fremden zu kooperieren, weil man weiss, dass man seine Rechte im Streitfall vor unabhängigen Gerichten einklagen kann.Auch internationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation stiften Vertrauen. Sie überwachen Regeln und sorgen dafür, dass die Länder diese einhalten. Deshalb ist es fatal, wenn die Regierungen diese Institutionen attackieren und ihre Funktionsfähigkeit schmälern.Gute Institutionen setzen einen Tugend-Kreislauf in Gang. Indem sie Vertrauen schaffen, erhöhen sie die Bereitschaft zur Kooperation. Die Arbeitsteilung, die Produktivität und der Wohlstand nehmen zu. Steigt der Wohlstand, erhöht sich die Bereitschaft zur Übernahme von Risiken, weil Verluste leichter zu verschmerzen sind. Das steigert die Kooperationsbereitschaft. «Wenn wir unsere Institutionen zerstören, tun wir uns nichts Gutes», sagt Sutter.Technischer Fortschritt statt WachstumsverzichtKooperation ist kein Selbstläufer, erst recht nicht im internationalen Kontext. Das liegt daran, dass auch von internationalen Kooperationen profitiert, wer sich nicht selbst an ihnen beteiligt. Beispiel Klimaschutz. Weil alle Länder von international koordinierten Massnahmen profitieren, sinkt die Bereitschaft, selbst etwas zu tun. Zumal Klimaschutz teuer ist.Der Mangel an internationaler Kooperation beim Klimaschutz ist aber kein Grund für die Forderung, die Menschheit müsse sich vom Wachstumsziel verabschieden, sagt Sutter. Man könne von den Menschen, die um ihre Arbeitsplätze bangen, nicht verlangen, für die Rettung des Klimas auf Wachstum zu verzichten und ihre Jobs in Gefahr zu bringen. «Durch den Verzicht auf Wachstum wird es der Menschheit nicht gelingen, das Klimaproblem zu lösen», sagt der Bonner Ökonom.Er setzt deshalb auf den technischen Fortschritt. Dieser werde die Kosten für klimaschonende Produktionsmethoden senken und klimaschädliche Methoden verdrängen. Sutter verweist auf die Bekämpfung des Ozonlochs in den 1990er Jahren. Damals entwickelten die Unternehmen kostengünstige Möglichkeiten, Fluorchlorkohlenwasserstoff, der für das Ozonloch verantwortlich ist, durch andere Substanzen zu ersetzen. Der technologische Fortschritt drückte die Kosten und erleichterte die internationale Kooperation.Lob der kleinen EinheitenAm einfachsten gelingt Kooperation auf lokaler Ebene. Denn dort sind die Möglichkeiten für den Einzelnen, an Entscheidungen mitzuwirken, besonders gross. Weil Mitbestimmung die Kooperationsbereitschaft steigert, sei es sinnvoll, Verantwortung möglichst dezentral auf den untersten Ebenen zu verankern, sagt Sutter.Als Beispiel verweist er auf die Schweiz. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten in den Gemeinde- und Ständeversammlungen erhöhen das Vertrauen und stärken die Kooperation der Menschen untereinander. Der hohe Wohlstand in der Schweiz scheint Sutter recht zu geben.Passend zum Artikel
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