Trumps Drohungen und der Ukraine-Krieg zeigen Wirkung: Die Europäisierung der Nato ist in vollem GangDer angekündigte Abzug von amerikanischen Truppen aus Deutschland sorgt für viel Aufregung. Doch das könnte noch längst nicht alles gewesen sein.21.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (Mitte) während einer Nato-Übung auf einem spanischen Landungsschiff.Christian Charisius / DPA-PoolDer Nato-Generalsekretär Mark Rutte ist nicht zu beneiden. Er führt die stärkste Militärallianz der Welt. Aber ist sie das wirklich, wenn Ungewissheit darüber herrscht, wie verpflichtet sich deren mit Abstand wichtigstes Mitglied fühlt? Alleine in den vergangenen Wochen sind zahlreiche unangenehme Neuigkeiten aus den USA nach Europa übergeschwappt – und das könnte noch nicht alles gewesen sein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für besonders viel Aufregung sorgte zuletzt die Ankündigung des Pentagons, 5000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen – überraschend und nur kurz nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump den deutschen Kanzler Friedrich Merz harsch für dessen Kritik am Iran-Krieg attackiert hatte. Für die europäische Sicherheitsarchitektur mindestens so bedeutsam ist, dass die USA entgegen der ursprünglichen Planung keine weitreichenden Mittelstreckenwaffen, unter anderem Tomahawks, in Deutschland stationieren werden. Die Bundesregierung wird die für die Verteidigungsfähigkeit unerlässlichen Systeme nun voraussichtlich selbst erwerben müssen, ironischerweise in den USA.Trump und Vance schiessen scharfDer US-General Alexus Grynkewich, der auch als Nato-Oberbefehlshaber in Europa fungiert (Saceur), bestätigte diese Pläne am Dienstag – und schloss gleichzeitig nicht aus, dass mit der andauernden Europäisierung der Nato mittelfristig weitere US-Truppenabzüge folgen könnten. In dieses Bild passt, dass die USA voraussichtlich diesen Freitag ankündigen werden, im Rahmen des sogenannten «Nato Force Model» ihre militärischen Fähigkeiten in Europa zu reduzieren. Es handelt sich dabei um Soldaten und Waffensysteme, die im Falle eines Krieges oder einer akuten Krise kurzfristig dem Saceur unterstellt werden können. Quellen im Brüsseler Nato-Hauptquartier bestätigen eine entsprechende Meldung der Nachrichtenagentur Reuters.Zu den nackten Tatsachen gesellt sich die amerikanische Rhetorik – die für ein Bündnis, dessen Abschreckungsfähigkeit im gegenseitigen Verteidigungsversprechen ruht, keine Nebensächlichkeit ist. Erst am Dienstag sagte Vizepräsident J. D. Vance, dass Europa «auf eigenen Füssen» stehen müsse. Trump seinerseits bezeichnete die Nato im April als «Papiertiger» und drohte gar mit dem Austritt. Der Grönland-Eklat von Anfang Jahr, als Dänemark eine Annektierung seines Territoriums durch den Bündnispartner USA fürchten musste, war da schon fast wieder vergessen.Ruttes SpezialdisziplinAls Mark Rutte am Mittwoch vor die Medien trat, tat er das, was er wie kein Zweiter beherrscht: beschwichtigen und positiv deuten. In einer Allianz, die aus 32 Mitgliedern besteht, seien interne Debatten nichts als normal, ja sie seien gar eine Stärke des Bündnisses. «Viele Dinge werden gesagt. Ich werde nicht jeden Kommentar kommentieren», sagte er anlässlich der ersten Pressekonferenz in Brüssel seit der jüngsten verbalen Eskalation.Für den Nato-Generalsekretär Mark Rutte ist die Nato stärker.Omar Havana / ReutersVielmehr interessiere ihn das grosse Ganze – nämlich, dass die europäischen Partner bei der konventionellen Verteidigung mehr Verantwortung übernähmen. «Wir sind so reich. Wenn wir es nicht können, wer dann?», fragte der Niederländer rhetorisch und gab sich überzeugt, dass die Nato heute stärker ist als noch vor einem Jahr.In der Tat ist das «burden shifting» zugunsten Europas, wie die Veränderung der Lasten im Nato-Jargon genannt wird, in vollem Gang. Trumps ständige Drohungen, verbunden mit der durch den Ukraine-Krieg fundamental veränderten Sicherheitslage, zeigen durchaus Wirkung. Nicht nur sind die Verteidigungsausgaben der europäischen Alliierten massiv gestiegen, auch beteiligen sie sich immer stärker an den Verteidigungsfähigkeiten («capabilities»), die gemäss internen Planungen der Nato unterstellt werden. Laut Diplomaten liegt der amerikanische Anteil derzeit bei rund 45 Prozent, bis 2035 soll er noch weniger als ein Drittel betragen.Deutsche statt amerikanische SterneAuch die Nato-Führungsriege war noch nie so europäisch. Dem Vernehmen nach wird Deutschland dieses Jahr zum ersten Mal in der 77-jährigen Geschichte der Allianz mehr «Sterne» – also hohe militärische Dienstgrade – stellen als die USA, was auch mit einer stärkeren Präsenz in niederen Rängen der Führungspositionen einhergeht.Nicht zuletzt stammt bei der Ukraine-Unterstützung, die via die Nato läuft, mittlerweile fast alles aus Europa. Entscheidend ist dabei vor allem das Programm Purl, über das in den USA produzierte Waffen dem kriegsgeplagten Land zur Verfügung gestellt werden. Seit vergangenem Sommer haben 25 Alliierte Verteidigungspakete im Umfang von 5,5 Milliarden Dollar finanziert. Rund 75 Prozent der Raketen für die ukrainischen Patriot-Batterien und gar 90 Prozent der in anderen Fliegerabwehrsystemen verwendeten Munition liefen über Purl.Welche «Story» bietet Ankara?Von Panik, dass die USA einfach eines Tages aus der Nato austreten werden, spürt man in der Nato-Zentrale wenig. Trotz aller Brutalo-Rhetorik sei den USA durchaus bewusst, was sie an der Allianz und der durch die enge Kooperation mit Europa ermöglichten, globalen Machtprojektion hätten, so heisst es. Lieber spricht man in Brüssel vom «strategischen Erwachen Europas». Dieser langsame, aber stetige Umbau soll gemäss Drehbuch auch beim Gipfel von Juli zentral sein – schliesslich braucht jedes Treffen der Staats- und Regierungschefs, insbesondere wenn der amerikanische Präsident am Tisch sitzt, seine «Story».Je nach Entwicklung des Iran-Kriegs könnten dessen Auswirkungen das Programm aber noch durcheinanderwirbeln. Trump hatte sich verschiedentlich über fehlende Unterstützung bei der Sicherung der Strasse von Hormuz beklagt. Nach anfänglichem Zögern bieten nun, sobald die Kampfhandlungen beendet sind, verschiedene europäische Staaten ihre Mithilfe an. Eine Mission unter der Flagge der Nato, deren Bündnisgebiet die Meerenge nicht umfasst, erscheint aber weiterhin unrealistisch.Passend zum Artikel
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Der angekündigte Abzug von amerikanischen Truppen aus Deutschland sorgt für viel Aufregung. Doch das könnte noch längst nicht alles gewesen sein.













