Analyse

DSM-Firmenich lockt mit Aufholpotenzial Der Aromen- und Duftstoffhersteller kommt zu einem spannenden Zeitpunkt an die Schweizer Börse. Der Konzernumbau ist fast abgeschlossen, zuletzt hat sich die Anlegerstimmung gegenüber den Aktien etwas aufgehellt. Es bleibt aber noch Luft nach oben. 1974 endet in den Niederlanden das Kohlezeitalter. An der Grenze zu Deutschland und Belgien schliessen die letzten Zechen Süd-Limburgs. Kurz zuvor ist auch die Staatsmine Emma stillgelegt worden, nur wenige Kilometer von Maastricht entfernt. Seit Beginn des Jahrhunderts wurden in der Region rund 600 Mio. Tonnen Kohle gefördert – mehr als die Hälfte davon von einer Gesellschaft: De Nederlandse Staatsmijnen oder Dutch State Mines, kurz DSM.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rund um die Ortschaft Geleen und die ehemalige Staatsmine Maurits zeigt sich die wirtschaftliche Transformation Europas der vergangenen fünfzig Jahre besonders deutlich. Wo einst Kohleabbau und Schwerindustrie dominierten, prägen heute Spezialchemie, Life Sciences und Forschung das Bild. Arbeiterstädte wie Heerlen stehen für den schwierigen Übergang ins postindustrielle Zeitalter; Strassen, Bahnlinien und Industrieflächen folgen bis heute der Bergbaugeografie.Mittendrin: DSM, der ehemalige Staatskonzern mit einer der interessantesten Industriegeschichten Europas. Diese Woche beginnt für die Gesellschaft ein neues Kapitel: Als DSM-Firmenich kommt sie an die Schweizer Börse – in einer Phase, die auch für Investoren besonders spannend ist.Das Profil von DSM-Firmenich wird dem Givaudans ähnlicherMit Kohle hat DSM schon seit Jahrzehnten nichts mehr zu tun. Auch das stark konjunkturabhängige Petrochemiegeschäft, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausgebaut worden war, wurde 2002 an den saudischen Chemiekonzern Sabic verkauft.Dafür hat der Konzern den Bereich Gesundheit, Ernährung & Care (HNC, heute 23% des Umsatzes) aufgebaut, durch die Übernahme des Geschäfts mit Vitaminen und Feinchemikalien des Pharmakonzerns Roche wurde DSM 2003 schweizerisch. Seither ist Kaiseraugst (AG) der zweite Konzernsitz neben Maastricht. Weiterhin im niederländischen Delft angesiedelt ist der Bereich Geschmack, Konsistenz und Gesundheit (TTH, 35% des Umsatzes) mit Produkten wie Enzymen zur Lebensmittelverarbeitung und Aromastoffen für Getränke.Dank der Fusion mit der Genfer Firmenich im Mai 2023 ist das Unternehmen ins Parfümerie- und Beautygeschäft vorgestossen (P&B, 42% des Umsatzes) und hat die Präsenz in der Schweiz ausgebaut. Anfang 2026 wurde dagegen der Bereich Tiernahrung und -gesundheit (ANH) mehrheitlich an die Private-Equity-Gesellschaft CVC Capital Partners verkauft. ANH hatte zuletzt bei einem Umsatz von 3,5 Mrd. € noch einen Betriebsgewinn auf Stufe Ebitda von 0,5 Mrd. € beigetragen. Auch einzelne unterdurchschnittlich performende Produkte wurden veräussert.Die Tendenz ist klar: Das Profil nähert sich dem des Branchenprimus Givaudan an, wobei der niederländisch-schweizerische Konzern stärker im Massengeschäft verankert bleibt. Die deutsche Symrise ist ebenfalls breiter aufgestellt als Givaudan und setzt strategisch vor allem auf das Geschäft mit Tiernahrung, wie diese Analyse zeigt.Der Umbau des Portfolios prägte die Umsatzentwicklung in den vergangenen Jahren: Im Gesamtjahr 2025 erwirtschaftete DSM-Firmenich noch rund 9 Mrd. € im fortgeführten Geschäft. Das organische Wachstum fiel mit 3% wie oft niedriger aus als bei Givaudan (5,1%), aber lag etwas über dem von Symrise (2,8%). Im ersten Quartal 2026 leistete P&B bereits den grössten Wachstumsbeitrag zum Plus von 4%, während die beiden anderen Bereiche insbesondere in den USA unter der schlechten Konsumentenstimmung litten.Das Ziel für 2026 ist mit einem organischen Wachstum zwischen 2 und 4% aus Sicht von The Market nach dem guten Jahresstart bewusst eher konservativ gewählt, auch das wäre Givaudan nicht unähnlich. Wobei im Falle des niederländisch-schweizerischen Konzerns neben Risiken durch die Transformation makroökonomische Faktoren stärker bremsen könnten.Analysten und Investoren zweifeln an MittelfristzielenBis 2028 strebt DSM-Firmenich im Schnitt ein organisches Umsatzwachstum von 5 bis 7% an. Geht es nach kritischen Investoren, sind weitere Anpassungen des Portfolios notwendig, um das Profil zu schärfen und dieses Wachstumsziel zu erreichen. Im Schnitt gehen die bei Bloomberg erfassten Analysten davon aus, dass der Konzern zum Ende der Strategieperiode maximal das untere Ende dieses Zielbandes erreichen wird.Skeptisch ist etwa Sebastian Bray, Aktienanalyst der Bank Berenberg: «Wir sind der Ansicht, dass diese zum Zeitpunkt der Fusion angegebenen Wachstumsziele nicht erreichbar sind.» Die sich seither eintrübende Konsumstimmung in den USA, die sinkende Geburtenrate und der Aufstieg von Abnehmmedikamenten, aber auch das Abklingen des Parfümbooms würden die Endmärkte zunehmend belasten.Noch nicht gänzlich ausgeschöpft ist das Margenpotenzial aus dem Umbau: Durch den Zusammenschluss mit Firmenich konnten auf Stufe Ebitda rund 175 Mio. € gespart werden. Einen weiteren Beitrag zum Betriebsgewinn im Umfang von 175 Mio. erwartet das Unternehmen insgesamt aus Umsatzsynergien, die bis 2027 realisiert werden sollen. Ohne das ANH-Geschäft lag die bereinigte operative Marge vergangenes Jahr 1,4 Prozentpunkte höher.Mittelfristig will DSM-Firmenich die ausgewiesene Ebitda-Marge von unter 20 im Jahr 2025 auf 22 bis 23% erhöhen. Der Schlüssel dafür liege im lukrativen Parfümgeschäft, wie das Management am Investorentag im März angekündigte. Das starke Wachstum des Bereichs im ersten Quartal unterstützt die zuversichtliche Haltung der Unternehmensführung. Doch zum einen halten die Analysten das Ziel weiterhin für zu ambitioniert – die durchschnittliche Schätzung für 2028 liegt gemäss Bloomberg nur knapp über 20%. Zum anderen dürfte Givaudan dank ihrer starken Position im Bereich Luxusparfümerie und der lukrativeren Kundenstruktur auch künftig die Nase vorn haben.Mit Blick auf die Rentabilität bleibt Givaudan unschlagbarWeiterhin eindrücklich ist der Rückstand von DSM-Firmenich auf Givaudan bei der Rentabilität. Dank rigoroser Kostenkontrolle und hoher Preissetzungsmacht erzielt der Schweizer Konzern regelmässig eine Rendite auf das investierte Kapital (Return on Invested Capital, ROIC) im zweistelligen Prozentbereich. Da kann auch Symrise nicht mithalten. Der ROIC von DSM-Firmenich sank gemäss Daten von Bloomberg 2023 gar in den negativen Bereich.Das ist zum einen durch das unterschiedliche Produktportfolio bedingt; das klassische DSM-Geschäft braucht grosse Produktionsanlagen, bindet mehr Kapital im Umlaufvermögen und bietet weniger Preissetzungsmacht. Belastend wirkten in den letzten Jahren aber auch die hohen Kosten infolge des Konzernumbaus sowie das enttäuschende Tiergeschäft.Nach Abschluss der Transformation und durch das grössere Gewicht, dass das weniger kapitalintensive ehemalige Firmenich-Geschäft im Gesamtkonzern erhält, dürften die Rentabilität und der freie Cashflow in den kommenden Jahren steigen. Zuletzt lag Letzterer bei 790 Mio. € oder 8,7% des Umsatzes – bei Givaudan waren es 14,1%.Angesichts der hohen Cashgenerierung ist die Bilanzstruktur aller drei Konzerne grundsolide. DSM-Firmenich wies per Ende 2025 eine Verschuldungsquote von 1,5 auf, bei Givaudan und Symrise lag das Verhältnis von Nettoverschuldung zu Ebitda bei etwas mehr respektive etwas weniger als 2.Das grösste Risiko aus Sicht von The Market ist für DSM-Firmenich derzeit das makroökonomische Umfeld: Je länger der Krieg im Nahen Osten dauert, desto stärker leidet der Konsum und damit die Nachfrage. Das Volumenwachstum könnte also erneut unter Druck geraten. Wobei das Unternehmen dank des boomenden Parfümgeschäfts derzeit stärker aufgestellt ist als in früheren Krisen und bei einer positiven Konjunkturüberraschung Potenzial nach oben hat.Gleichzeitig dürfte es ihm möglich sein, die gestiegenen Energie- und Frachtkosten weiterzugeben. Dadurch gewinnt der Preiseffekt im Umsatzwachstum an Bedeutung, nachdem er im laufenden Jahr bislang nicht vorhanden war, während die verbleibenden Mehrkosten voraussichtlich absorbiert werden können. Das schnelle Wachstum des hochmargigen ehemaligen Firmenich-Bereichs hilft ebenso der Profitabilität des Gesamtkonzerns: Gelingt es, die Ebitda-Marge schrittweise zu steigern, dürften die Gewinnerwartungen und die Kursziele der Analysten nach oben angepasst werden.DSM-Firmenich bietet eine spannende OptionFür viele hiesige Investoren geht heute ein Wunsch zumindest indirekt in Erfüllung: Als eigenständiges Unternehmen hatte Firmenich den Sprung an die Börse trotz grossem Interesse nie gewagt. Als Grund für die Doppelkotierung nennt ein Unternehmenssprecher denn auch die grosse Nachfrage unter Schweizer Anlegern.Laut Fondsmanagern könnte der direkte Vergleich mit Platzhirsch Givaudan, aber auch das aktivere Investorenumfeld in der Schweiz dem Management rund um CEO Dimitri de Vreeze den nötigen Impuls geben, das Portfolio und die Kostenstruktur in den nächsten Jahren weiter zu straffen. Insbesondere sollte klar werden, dass sich das Unternehmen mit Blick auf die Mittelfristziele strecken muss. Diese Aussichten geben den Aktien weiteres Aufholpotenzial.Der Bewertungsabschlag zu Givaudan ist zwar bereits etwas kleiner geworden, könnte aber durch die Schweizer Kotierung und operative Verbesserungen weiter schrumpfen. Basierend auf dem für 2026 und 2027 geschätzten Gewinn beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis 20 respektive 18 (Givaudan: 23/21). Im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen drei Jahre seit der Fusion (26) sind die Titel deutlich günstiger zu haben.Vor allem aber sind aus Sicht von The Market auf dem gegenwärtigen Kursniveau beide Aktien langfristig ein Kauf, wobei das Momentum derzeit eher für die von DSM-Firmenich spricht. Dies auch, weil das Selbsthilfepotenzial mit Blick auf das mittelfristige Wachstum noch etwas Raum nach oben und der zusätzliche Investorendruck in der Schweiz Fantasie für mehr lässt. Die Titel bieten eine spannende Option, um am Sektor zu partizipieren.Was dem gesamten Sektor an der Börse derzeit aber fehlt, ist das positive Narrativ. Gefragt sind angesichts des Krieges im Nahen Osten, der sich verschärfenden Ölkrise und der schlechten Konsumstimmung gepaart mit steigenden Bondrenditen wieder vermehrt Energieaktien – und auch Kohle.