Britische Medien bezeichnen das Projekt als Fiasko, die Verkehrsministerin spricht von einem „obszönen Anstieg“ der Kosten und der Bauzeit. Die geplante Strecke für eine neue Hochgeschwindigkeitsbahn HS2 (High Speed Two) in England wird immer teurer, gleichzeitig verzögert sich die Fertigstellung um bis zu fünfzehn Jahre. Verkehrsministerin Heidi Alexander berichtete nun im Parlament über eine aktualisierte Kostenschätzung: HS2 dürfte zwischen 87,7 und 102,7 Milliarden Pfund kosten, also umgerechnet bis zu 120 Milliarden Euro. Die Ministerin selbst nannte HS2 „ein Symbol für den Niedergang dieses Landes“.Das Projekt wird nun vermutlich fünfmal so teuer wie bei Planungsbeginn geschätzt. Damals ging man von etwa 20 Milliarden Pfund für die Strecke von London nach Birmingham aus. Der konservative Premierminister Rishi Sunak strich 2023 wegen der Kostenexplosion zwei geplante weiterführende Strecken von Birmingham nach Manchester und nach Leeds.Die auf etwa 225 Kilometer verkürzte Hochgeschwindigkeitszugstrecke bleibt jedoch um ein Vielfaches teurer als vergleichbare Projekte in Frankreich oder Spanien. Für großen Ärger sorgt auch die extreme Verspätung des Baus. Bei Planungsbeginn im Jahr 2010 hieß es, die ersten Züge sollten schon 2026 fahren. Ministerin Alexander gab nun bekannt, dass die Strecke wohl zwischen 2036 und 2039 befahrbar sei ab der Station Old Oak Common in West-London. Die vollständige Strecke bis zum Londoner Bahnhof Euston dürfte erst 2043 fertiggestellt werden.Die „Ursünde“ des BauprojektsDas Projekt ist so teuer und komplex geworden, dass die Labour-Regierung von Keir Starmer sogar erwogen hat, es komplett abzublasen. Verkehrsministerin Alexander entschied aber dagegen. Sonst würden „halbfertige Bauwerke in der englischen Landschaft verstreut liegen bleiben“, ohne jeden Nutzen. Sie müssten wieder abgerissen und die Grundstücke zurückverkauft werden. Der Vorstandschef der für den Bau zuständigen HS2-Gesellschaft, Mark Wild, sagte, das Projekt jetzt abzublasen würde bis zu 58 Milliarden Pfund kosten – etwa genauso viel wie der Weiterbau.Die Verkehrsministerin sieht die Schuld für das Kostendesaster bei den konservativen Vorgängerregierungen. Dies sei „das erschreckende Erbe der letzten Regierung“, sagte Alexander. Eine offizielle Untersuchungskommission kam zu einem differenzierten Ergebnis. Laut dem Vorsitzenden der Untersuchungskommission, Stephen Lovegrove, war die „Ursünde“ des Projekts, dass es die höchstmögliche Geschwindigkeit anstrebte, um „die weltbeste Eisenbahn“ zu bauen. Die erste Idee für HS2 wurde 2009 im letzten Jahr der Labour-Regierung Brown präsentiert, der Bau begann 2020 in der Zeit der Tory-Regierung.Eine Maximalgeschwindigkeit von 360 Kilometern in der Stunde sollten die Züge laut anfänglicher Planung erreichen. Dafür muss die Strecke schnurgerade gebaut werden, ohne Rücksicht auf die Topographie mit zahlreichen Viadukten über Täler und Tunneln durch Hügel. Das führte zu einem teuren „maßgeschneiderten Design“, so Lovegrove, ein früherer Nationaler Sicherheitsberater. Verkehrsministerin Alexander meinte, die Vorgängerregierungen hätten nicht gut verhandelt.Wirtschaftlicher Nutzen fraglichUm jetzt den Kostenanstieg etwas im Zaum zu halten, macht die Regierung einen Abstrich bei der Geschwindigkeit. HS2 soll nun maximal 320 km/h erreichen. Nach Angaben von Alexander würde man damit bis zu 2,5 Milliarden Pfund Kosten sparen, weil weniger Sicherheitstests nötig sind. Auch mit diesem Tempo werde die Hochgeschwindigkeitsbahn die Fahrt zwischen London und Birmingham von aktuell 76 bis 82 Minuten um etwa 30 Minuten verkürzen. Ob die Strecke einen wirtschaftlichen Mehrwert hat, ist sehr umstritten. Einige Fachleute gehen davon aus, dass sie weit weniger bringt als kostet. Laut der aktuellen Regierungsprognose wird jedes Pfund, das der Steuerzahler für den Bau bezahlt, nur etwa 30 Pence volkswirtschaftlichen Nutzen ergeben.An dem Projekt arbeiten etwa 30.000 Bauarbeiter, Ingenieure und Planer. Die Tunnel durch Mittelengland seien weitgehend fertig, heißt es. Aber von geplanten 52 Viadukten sind bislang erst zwei fertig gebaut. Und erst knapp ein Zehntel der geplanten 169 Brücken steht. Verkehrsministerin Alexander nannte das ganze Projekt „eine massiv überdimensionierte Torheit“.