Die USA klagen Kubas Ex-Präsident Raúl Castro an: Ein Abschuss von zwei Kleinflugzeugen vor dreissig Jahren bringt den 94-jährigen Revolutionär in BedrängnisCastro soll den Abschuss angeordnet haben, bei dem drei US-Bürger getötet wurden. Der Altrevolutionär gilt immer noch als der starke Mann des kommunistischen Regimes.20.05.2026, 18.56 Uhr4 LeseminutenDie farbenprächtige Feier des 1. Mai 2026 in Havanna.Claudia Daut / ReutersMehr als dreissig Jahre nach dem Abschuss der zwei Kleinflugzeuge durch Kubas Luftwaffe hat die amerikanische Justiz nun Anklage gegen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raúl Castro erhoben. Dies wurde am Mittwoch an einer Gedenkfeier für die vier Opfer des Abschusses in Miami bekanntgegeben. Castro, der damals Kubas Verteidigungsminister war, soll den Befehl zum Abschuss gegeben haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Anklage gegen den Bruder des 2016 verstorbenen Fidel Castro kommt zu einem Zeitpunkt steigender Spannungen zwischen den USA und der kommunistischen Regierung auf der Insel. Präsident Donald Trump hat in den vergangenen Monaten mehrfach erklärt, das Regime in Havanna stürzen zu wollen. Seit Januar blockieren die USA Öllieferungen an die Insel, was dort zu einer dramatischen Versorgungskrise geführt hat. Zudem hat Washington jüngst Sanktionen gegen Kubas Machtzirkel verhängt.Gerüchte über eine bevorstehende Anklage gegen Castro waren am vergangenen Donnerstag nach dem Besuch von CIA-Direktor John Ratcliffe in Havanna aufgetaucht. Der Chef des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes hatte dort erklärt, dass man eine Kooperation zwischen Kuba und Iran, China, Russland sowie islamistischen Terrorgruppen nicht hinnehmen würde. Kuba verneint, dass es derartige Kooperationen gebe.CIA-Direktor John Ratcliffe (links) während eines Treffens mit Vertretern der kubanischen Regierung am 14. Mai in Havanna.CIA via ReutersDer pragmatischere der Castro-BrüderIn Anspielung auf den Militäreinsatz der USA in Venezuela im Januar, bei dem Präsident Nicolás Maduro festgenommen wurde, riet Ratcliffe Kuba, Donald Trump ernst zu nehmen. Experten glauben, dass die USA eine ähnliche Kommandoaktion auch gegen Kubas Führung durchführen könnten. Mit der Anklage vor der amerikanischen Justiz rückt nun Raúl Castro ins Visier einer derartigen Aktion.Während sein grosser Bruder Fidel über die Revolution philosophierte, zog der pragmatische Raúl im Hintergrund die Strippen. Auch nachdem er die Regierungsgeschäfte vor einigen Jahren an seinen politischen Ziehsohn Miguel Díaz-Canel abgegeben hat, gilt Raúl, der Anfang Juni 95 Jahre alt wird, weiterhin als die graue Eminenz des kubanischen Regimes. Er hat in wichtigen Fragen in Havanna das letzte Wort. Auch im kubanischen Militär, dem er als Verteidigungsminister 50 Jahre lang vorstand.Kubas Militär ist nicht nur die Stütze des politischen Systems, sondern kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft. Der Tourismussektor sowie Logistik- und Handelsunternehmen liegen in den Händen von Castro nahestehenden Militärs. Als neuer starker Mann des Regimes gilt sein Enkel Raúl Guillermo Rodríguez Castro. Dieser führt die derzeitigen Gespräche mit der amerikanischen Regierung, laut Beobachtern in enger Abstimmung mit seinem nun von den USA angeklagten Grossvater.Der damalige kubanische Verteidigungsminister Raúl Castro (Mitte) neben seinem Bruder Fidel Castro (rechts) an einer Veranstaltung im Dezember 1996.Sven Creutzmann / Hulton / GettyFlugblätter über HavannaAm 24. Februar 1996 waren drei Cessna-C-337-Maschinen der in Florida ansässigen Organisation «Hermanos al Rescate» in den kubanischen Luftraum eingedrungen. Die Organisation, die damals kubanische Bootsflüchtlinge aus dem karibischen Meer rettete, hatte mehrmals Flugblätter mit regimekritischen Botschaften über Kuba abgeworfen. Der damalige Präsident Fidel Castro hatte daraufhin Kubas Streitkräfte angewiesen, das Abwerfen von Flugblättern zu unterbinden.So erwarteten an jenem Nachmittag zwei MiG-29-Jagdflugzeuge der kubanischen Luftwaffe die Kleinflugzeuge. Diese drehten zwar Richtung Florida ab, wurden jedoch von den MiG verfolgt. Einem Flugzeug gelang die Flucht, die anderen beiden wurden abgeschossen. Vier Exilkubaner starben: Armando Alejandro, Carlos Costa, Mario de la Peña und Pablo Morales. Ausser dem Letzteren besassen alle auch einen amerikanischen Pass. In einem Interview mit amerikanischen Medien übernahm Fidel Castro Monate später die Verantwortung für den Abschuss.Dieser sei jedoch in kubanischem Luftraum erfolgt, behauptete die Regierung in Havanna. Die USA erklärten dagegen, dass die beiden Flugzeuge ausserhalb der kubanischen 12-Meilen-Zone abgeschossen worden seien, also im internationalen Luftraum. Ermittlungen der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation bestätigten die Angaben der USA. Der Abschuss der unbewaffneten Flugzeuge, der ohne vorherige Warnung durch die kubanischen Piloten erfolgte, löste eine Welle des Protestes in der kubanischen Exilgemeinde in den USA aus.Im Jahr 2003 klagte ein amerikanisches Gericht einen General der kubanischen Luftwaffe sowie zwei kubanische Piloten an. Zu einem Prozess kam es jedoch nicht. Da Kuba sich weigerte, den Opferfamilien Entschädigungen zu zahlen, erhielten diese 93 Millionen Dollar aus in den USA eingefrorenen kubanischen Vermögenswerten. Raúl Castro, der zum Zeitpunkt des Vorfalls Verteidigungsminister war, wurde nicht angeklagt.Allerdings soll Raúl Castro an mindestens zwei Gelegenheiten zugegeben haben, dass er es war und nicht sein Bruder Fidel, der den Befehl zum Abschuss gegeben hatte. So gibt es eine Tonbandaufnahme eines Treffens von Raúl mit kubanischen Journalisten im Juni 1996, auf der er erklärt, die Piloten angewiesen zu haben, die Kleinflugzeuge «über dem Meer abzuschiessen». Die Aufnahme war 2006 von einem Reporter der amerikanischen Zeitung «El Nuevo Herald» veröffentlicht worden.Im Jahr 2014 erklärte zudem der amerikanische Kongressabgeordnete James McGovern, dass ihm Raúl Castro persönlich gesagt habe, den Abschussbefehl gegeben zu haben.Bill Clinton verschärfte die SanktionenDer Abschuss der beiden Kleinflugzeuge hatte 1996 zu einer dramatischen Verschlechterung der bilateralen Beziehungen geführt. US-Präsident Bill Clinton, der eigentlich auf diplomatisches Tauwetter gegenüber Havanna gesetzt hatte, sah sich veranlasst, die Helms-Burton-Act zu unterzeichnen. Diese gab dem bereits seit Anfang der sechziger Jahre verhängten amerikanischen Embargo gegen Kuba Gesetzeskraft.Damit steht sie einer Verbesserung der Beziehungen im Wege. Denn nur der amerikanische Kongress kann sie nach einem demokratischen Regimewechsel auf Kuba und der Entschädigung aller seit der Revolution von 1959 in Kuba enteigneten amerikanischen Firmen und Bürger – auch der die US-Staatsbürgerschaft innehabenden Exilkubaner – aufheben. Kubas Regierung verlangt ihrerseits Entschädigungen in Milliardenhöhe von den USA für die durch das jahrzehntelange Embargo angerichteten Schäden.Passend zum Artikel