Wie hört man würdevoll auf? Die Toten Hosen geben Einblicke in die Entstehung ihres letzten AlbumsEine ARD-Dokumentation über die Düsseldorfer Punkband ist mehr als ein Abschiedsfilm. Sie erzählt von Erschöpfung, Freundschaft – und davon, wie schwer es ist, rechtzeitig loszulassen.20.05.2026, 17.30 Uhr4 LeseminutenDie Dokumentation des SWR zeigt intime Einblicke in die Dynamik der Band Die Toten Hosen.Donata Wenders / SWRMit Tränen in den Augen sitzt Campino im Studio, einen Pappbecher mit Champagner in der Hand. Für einen Moment schweigen alle. «Ich komme mir vor wie verprügelt», sagt der Sänger der Toten Hosen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist ein Abschied. Die Toten Hosen, eine der erfolgreichsten deutschen Bands, haben gerade ein Album aufgenommen. Ihr «letztes reguläres Studioalbum», wie sie sagen. Ein ARD-Team hat sie dabei über fast zwei Jahre hinweg begleitet.«Trink aus, wir müssen gehen!» erscheint Ende Mai. Neun Jahre haben sie daran gearbeitet. «Wenn ich mir überlege, dass wir fürs nächste Album auch wieder neun Jahre brauchen würden, dann wäre ich in den Siebzigern, das mag ich mir nicht vorstellen», sagt Campino der Deutschen Presse-Agentur. Einzelne Songs zu erarbeiten, dies schliesst der 63-Jährige für die Zukunft nicht aus. Aber eine ganze Platte? «Auf keinen Fall.»Von links: Michael «Breiti» Breitkopf, Andreas «Andi» Meurer, Andreas «Campino» Frege, Vom Ritchie und Georg «Kuddel» von Holst.SWR Presse / BildkommunikationDeutsch-Punk mit StadionrefrainsCampino stellt sich in der Dokumentation die Frage: Wie kann man etwas mit Würde zu Ende bringen? Seit 1982 gibt es Die Toten Hosen und ihren Deutsch-Punk mit Stadionrefrains. Mehr als vierzig Jahre später hadern Campino, Kuddel, Andi und Breiti vor der Kamera mit dem Gedanken über das Ende. Einzig Schlagzeuger Vom Ritchie, der 1999 dazugestossen ist, scheint neugierig auf ein Leben danach. «Es gibt so viel auf der Welt, was ich mir noch anschauen will», sagt er.Immer wieder erinnern sich die Bandmitglieder und ihre Vertrauten an frühere Zeiten. Der Regisseur Eric Friedler verknüpft diese Erinnerungen mit Videoaufnahmen aus der Vergangenheit: von den Anfängen im Ratinger Hof, dem Düsseldorfer Treffpunkt der Punkszene. Die finanziellen Mittel waren knapp, und es hagelte Absagen der Plattenfirmen. Als der damalige Schlagzeuger Wolfgang «Wölli» Rohde einen Teil der Gesangsanlage verkaufen wollte, habe Campino gesagt: «Wenn einer von uns irgendein Instrument verkauft, nur weil er nichts zu essen hat, fliegt er raus.»Auch schmerzhafte Erinnerungen werden in der Produktion thematisiert. Im Jahr 1997 spielte die Band ihr 1000. Konzert im Rheinstadion in Düsseldorf. Als die Zuschauermassen ausser Kontrolle gerieten, starb ein 16-jähriges Mädchen. «Das war ein sehr einschneidender Moment in der Bandgeschichte», sagt der Gitarrist Breiti. Man habe sich gefragt, ob man in der Form wie bis anhin weitermachen wolle und könne.Hinzu kamen Alkohol und Drogen. Ende der achtziger Jahre erlitt Campino während einer Tournee einen Zusammenbruch. Das sei ein Weckruf für ihn gewesen, erzählt er im Film. Daraufhin sah er die Auftritte mit anderen Augen: «Ich war derjenige, der nüchtern war, während die Band manchmal sternhagelvoll auf der Bühne stand und eine Scheisse zusammenspielte», erinnert er sich. Für ihn sei klar gewesen: So kann es nicht weitergehen.Der Frontmann und Sänger Campino beim 1000. Konzert der Toten Hosen. Im vollbesetzten Stadion kam ein Mädchen bei einem Gedränge ums Leben.Axel Seidemann / AP«Ein nackter Moment»Die meisten Sequenzen der Dokumentation zeigen Die Toten Hosen in einem umgebauten Bauernhaus im Münsterland. Dort nehmen sie zusammen mit dem Produzenten Vincent Sorg ihre Musik auf. Gefilmt wurde dieser Prozess laut Band zuvor noch nie.Nun läuft die Kamera mit, wenn Campino ein paar neue Zeilen ausprobiert. Der Rest der Band muss den Raum verlassen, als er zum ersten Mal den Text einsingt. Der Produzent bezeichnet es als «einen nackten Moment» für den Sänger. Der erste Versuch überzeugt die Band nicht. Die süffigen Zeilen, die das Oktoberfest beschreiben sollen, lösen kein Schmunzeln aus. Niemand lacht.«Da muss man stark sein, um das in diesem Moment richtig zu verstehen», sagt Campino. Es gehe nicht darum, nett zu sein, sondern darum, das Optimum zu suchen.Die Dokumentation hält fest, wie die Band über einzelne Zeilen diskutiert, Ideen verwirft und um den richtigen Ton ringt. Campino quält sich mit Songtexten, bezeichnet die Arbeit als «streckenweise richtig ätzend». So sei es leichter, Abschied zu nehmen, sagt er.Die Toten Hosen treten 1986 im Berliner Metropol auf.ImagoCampino wird mit über 60 VaterZwischen Rückblicken und Tonaufnahmen erzählt Campino beiläufig, dass er erneut Vater geworden sei. Er habe sich seinen Weg zur Rente anders vorgestellt, «aber das fällt jetzt halt aus», sagt er. Campino hat bereits einen erwachsenen Sohn. «Der Rucksack des Lebens wird immer grösser», sagt er weiter. Man müsse seine Kräfte einteilen. Die Tour für 2026 ist schon ausverkauft. Wann Die Toten Hosen ihr letztes Konzert spielen wollen, haben sie noch nicht bestimmt.«Ich erwarte, dass die Scheibe ballert», sagt Campino am Anfang des Films. Es solle das letzte Zeichen der Toten Hosen sein. Den roten Teppich haben sie mit der Dokumentation ausgerollt.Die 90-minütige Dokumentation «Die Toten Hosen – das letzte Album» ist in der ARD-Mediathek zu sehen. Am 23. Mai um 23.25 Uhr wird sie im «Ersten» ausgestrahlt.Passend zum Artikel